HIV in der Schwangerschaft: Leitlinie (AWMF/DAIG)
📋Auf einen Blick
- •Jeder Schwangeren soll im 1. Trimenon ein HIV-Test angeboten werden.
- •Jede HIV-positive Schwangere soll eine antiretrovirale Therapie (ART) erhalten, spätestens ab dem 2. Trimenon.
- •Bei einer Viruslast < 50 Kopien/ml ist eine vaginale Entbindung ohne intrapartale Prophylaxe möglich.
- •Bei einer Viruslast > 50 Kopien/ml wird eine primäre Sectio ab 37+0 SSW empfohlen.
- •Ein Stillverzicht wird bei einer Viruslast > 50 Kopien/ml strikt empfohlen; bei < 50 Kopien/ml ist eine individuelle Entscheidung möglich.
Hintergrund
Ohne medizinische Intervention liegt das Risiko einer Mutter-Kind-Transmission (MTCT) von HIV bei 15–25 %. Durch eine adäquate HIV-Transmissionsprophylaxe kann dieses Risiko auf < 1 % gesenkt werden. Die Betreuung erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit von HIV-Behandlerinnen, Geburtshelferinnen und Pädiater*innen.
Diagnostik und Schwangerschaftsvorsorge
Jeder Schwangeren soll im 1. Trimenon ein HIV-Antikörpertest (Suchtest und ggf. Bestätigungstest) empfohlen werden. Bei erhöhtem Risiko ist eine Wiederholung im Verlauf indiziert. Die Schwangerschaft einer Frau mit HIV gilt als Risikoschwangerschaft.
| Maßnahme | Zeitpunkt / Häufigkeit |
|---|---|
| HIV-Suchtest | 1. Trimenon (ggf. Wiederholung 3. Trimenon) |
| CD4-Zellzahl & HIV-RNA | Mindestens alle 2 Monate |
| Obligate HIV-RNA Messung | 33.-36. SSW |
| Oraler Glukosetoleranztest | 23+0 bis 27+6 SSW |
| Zytologie, Kolposkopie, HPV | Zu Beginn der Schwangerschaft |
Antiretrovirale Therapie (ART) der Mutter
Jede HIV-positive Schwangere soll eine ART erhalten. Ziele sind die maximale Hemmung der Virusreplikation und die Verhinderung der Transmission.
- Therapiebeginn: So rasch wie möglich, spätestens zu Beginn des 2. Trimenons.
- Bestehende ART: Eine wirksame ART soll weitergeführt werden, sofern sie aus Substanzen mit ausreichender Sicherheitsdatenlage besteht.
- Koinfektion Hepatitis B: Die ART soll Tenofovir-DF plus Emtricitabin oder Lamivudin enthalten. Ein Absetzen ist wegen der Gefahr eines Hepatitis-Flares nicht ratsam.
Geburtsmodus und Transmissionsprophylaxe
Das Vorgehen richtet sich maßgeblich nach der mütterlichen Viruslast (HIV-RNA) in der 33.-36. SSW bzw. zeitnah zur Entbindung.
| Mütterliche HIV-RNA | Geburtsmodus | Intrapartale Prophylaxe | Postnatale Prophylaxe (Kind) |
|---|---|---|---|
| < 50 Kopien/ml | Vaginale Entbindung | Keine | Zidovudin p.o. für 2 Wochen* |
| 50 - 1.000 Kopien/ml | Elektive Sectio (ab 37+0 SSW) | Zidovudin i.v. | Zidovudin p.o. für 4 Wochen |
| > 1.000 Kopien/ml | Elektive Sectio (ab 37+0 SSW) | Zidovudin i.v. | Erweiterte Prophylaxe (Zidovudin + Nevirapin)** |
- Verzicht auf postnatale Prophylaxe möglich, wenn ART vor Schwangerschaft bestand und Viruslast durchgehend < 50 Kopien/ml.
- *Ggf. ergänzt um Lamivudin oder Raltegravir.
Stillen
Die Empfehlungen zum Stillen hängen von der Virussuppression ab:
- Viruslast > 50 Kopien/ml: Ein Stillverzicht soll strikt empfohlen werden.
- Viruslast < 50 Kopien/ml: Die Entscheidung soll partizipativ unter Abwägung von Nutzen und Risiken getroffen werden. Voraussetzung für ein sicheres Stillen sind eine dokumentiert effektive ART, zuverlässige Adhärenz und die Bereitschaft zum zusätzlichen monatlichen HIV-RNA-Monitoring von Mutter und Kind.
Nachsorge des Neugeborenen
Da mütterliche IgG-Antikörper transplazentar übertragen werden, sind klassische HIV-Antikörpertests beim Neugeborenen im ersten Lebensjahr nicht aussagekräftig. Der Ausschluss einer Infektion erfolgt mittels PCR.
- Ausschlusskriterien: Zwei negative HIV-PCR-Befunde (nach 1 und 3 Monaten) oder ein komplett negativer HIV-Westernblot bei normwertigen Immunglobulinen nach Abbau der mütterlichen Antikörper.
- Testzeitpunkte (Niedriges Risiko): PCR nach 28-42 Tagen und nach 3-6 Monaten.
💡Praxis-Tipp
Die obligate Viruslast-Bestimmung in der 33.-36. SSW ist essenziell für den klinischen Ablauf: Sie bestimmt direkt den Geburtsmodus und die Notwendigkeit einer intra- sowie postnatalen Transmissionsprophylaxe.