HIV-Infektion und AIDS: Leitlinie (RKI-Ratgeber)
📋Auf einen Blick
- •Eine effektive antiretrovirale Therapie (ART) senkt die Viruslast unter die Nachweisgrenze und verhindert die sexuelle Übertragung (n=n).
- •Die HIV-Diagnostik erfolgt zwingend zweistufig: Suchtest (ELISA 4. Generation) und Bestätigungstest (Immunoblot oder NAT).
- •Ein sicherer Ausschluss einer HIV-Infektion ist mit einem Suchtest der 4. Generation nach 6 Wochen möglich.
- •Eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) sollte nach Risikoexposition möglichst innerhalb von Stunden, maximal bis 72 Stunden danach, begonnen werden.
- •Für Personen mit substanziellem Infektionsrisiko wird die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Hintergrund
Die Humanen Immundefizienz-Viren (HIV-1 und HIV-2) sind Retroviren, die zu einer fortschreitenden Zerstörung des Immunsystems führen. Unbehandelt mündet die Infektion in das erworbene Immunschwächesyndrom (AIDS).
Die Übertragung erfolgt primär durch:
- Ungeschützte Sexualkontakte (häufigster Weg)
- Parenterale Inokulation (z.B. gemeinsame Injektionsutensilien, Nadelstichverletzungen)
- Vertikale Übertragung (Mutter-Kind-Übertragung vor/während der Geburt oder durch Stillen)
Kein Risiko besteht bei alltäglichen sozialen Kontakten, über Speichel, Tränenflüssigkeit oder Insektenstiche.
Klinischer Verlauf
Die Inkubationszeit bis zur akuten Phase beträgt 6 Tage bis 6 Wochen. Der Verlauf gliedert sich typischerweise in drei Phasen:
| Phase | Symptomatik |
|---|---|
| Akute Infektion | Mononukleose-ähnliches Bild (Fieber, Lymphknotenschwellung, Exanthem), oft milde oder asymptomatisch. |
| Latenzphase | Monate bis Jahre andauernd. Meist symptomfrei, teils persistierende Lymphknotenschwellungen. |
| AIDS | Schwerer Immundefekt mit lebensbedrohlichen opportunistischen Infektionen oder malignen Neubildungen (z.B. Kaposi-Sarkom). |
Diagnostik
Die HIV-Diagnostik erfordert zwingend eine Zweistufendiagnostik aus Such- und Bestätigungstest.
| Diagnostik-Stufe | Testverfahren | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Suchtest | ELISA 4. Generation (Antikörper + p24-Antigen) | Ein sicherer Ausschluss ist 6 Wochen nach Exposition möglich. |
| 2. Bestätigung | Immunoblot | Prüft Bindungsspezifität. Bei unklarem Befund: NAT (PCR). |
Wichtig: Bei Verdacht auf eine frische Infektion mit unklarem ELISA, aber positiver PCR (>100.000 Kopien/ml), muss das Ergebnis vor ART-Beginn an einer zweiten Blutprobe bestätigt werden.
Therapie (ART)
Die HIV-1-Infektion stellt grundsätzlich eine Behandlungsindikation dar. Ziel der antiretroviralen Therapie (ART) ist die vollständige Hemmung der Virusvermehrung (Viruslast unter Nachweisgrenze, derzeit ca. 20 Kopien/ml).
Kernaussage (n=n): Ist die Viruslast seit mindestens 6 Monaten unter der Nachweisgrenze, ist HIV sexuell nicht mehr übertragbar (nicht nachweisbar = nicht übertragbar).
Therapie opportunistischer Infektionen
| Erkrankung | Bewährte Therapie (Auswahl) |
|---|---|
| Pneumocystis jirovecii-Pneumonie (PjP) | Cotrimoxazol, Dapson + Pyrimethamin + Leucovorin, Atovaquon |
| Toxoplasmose | Cotrimoxazol, Dapson + Pyrimethamin + Leucovorin, Atovaquon |
| Candidose | Fluconazol |
| Atypische Mykobakteriose | Clarithromycin/Azithromycin + Ethambutol |
| CMV-Infektionen | Ganciclovir, Valganciclovir, Foscavir, Cidofovir |
Prävention und Prophylaxe
Neben Kondomen und sterilen Injektionsutensilien stehen medikamentöse Prophylaxen zur Verfügung:
| Maßnahme | Indikation | Zeitfenster / Durchführung |
|---|---|---|
| PrEP (Tenofovir + Emtricitabin) | Personen mit substanziellem Risiko (z.B. MSM ohne Kondom, Partner von unbehandelten Virämikern) | Vorbeugende Einnahme. Kassenleistung ab 16 Jahren. |
| PEP (Postexpositionsprophylaxe) | Nach beruflicher (Nadelstich) oder sexueller Risikoexposition | Beginn unverzüglich (innerhalb von Stunden), max. bis 72h. Dauer: 4 Wochen. |
Das mittlere Übertragungsrisiko bei einer perkutanen Verletzung mit gesichert positivem Indexfall liegt bei 1:300.
Meldepflicht
Der direkte oder indirekte Nachweis von HIV ist gemäß § 7 Abs. 3 IfSG nichtnamentlich an das RKI zu melden (spätestens 2 Wochen nach Kenntnis).
💡Praxis-Tipp
Ein negatives Ergebnis im ELISA-Suchtest der 4. Generation schließt eine HIV-Infektion erst 6 Wochen nach der möglichen Risikoexposition sicher aus. Bei Nadelstichverletzungen muss eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) idealerweise innerhalb von Stunden, spätestens aber nach 72 Stunden eingeleitet werden.