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Adoleszente Idiopathische Skoliose: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ab einem Skoliometer-Ausschlag von 5° (Rippenbuckel/Lendenwulst) ist ein Röntgenbild zur Diagnosesicherung indiziert.
  • Der Goldstandard der Diagnostik ist die Röntgen-Ganzwirbelsäulenaufnahme im Stehen in zwei Ebenen.
  • Eine Korsett-Therapie ist indiziert bei verbleibendem Wachstum und einem Cobb-Winkel ab 25° (thorakal) bzw. 20° (lumbal).
  • Die Indikation zur operativen Korrektur besteht ab einem Cobb-Winkel von >50° (thorakal) bzw. >40° (lumbal).
  • Vor einer operativen Korrektur sollte zwingend ein MRT zum Ausschluss intraspinaler Fehlbildungen erfolgen.
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Hintergrund

Die Adoleszente Idiopathische Skoliose (AIS) ist eine dreidimensionale Wirbelsäulendeformität, die zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr ohne klar erkennbare Ursache auftritt. Die Prävalenz liegt bei 0,47 bis 5,2 %. Während leichte Krümmungen bei Mädchen und Jungen ähnlich oft auftreten, verschiebt sich das Verhältnis bei schweren Krümmungen (>40°) mit 7,2:1 deutlich auf Seiten der weiblichen Patienten. Die Ätiopathogenese ist multifaktoriell und umfasst genetische Faktoren, hormonelle Einflüsse sowie eine Imbalance des Wirbelsäulenwachstums.

Klinische Diagnostik

Die Basisuntersuchung umfasst die Beurteilung von Schulterstand, Beckenstand, Rumpfüberhang und Taillendreiecken. Essenziell ist der Vorbeugetest (Adams-Test):

  • Rippenbuckel und Lendenwulst werden objektiv mit dem Skoliometer gemessen.
  • Röntgenindikation: Ab einem Skoliometer-Wert von sollte ein Röntgenbild zur Diagnosesicherung erfolgen.
  • Eine neurologische Untersuchung (Bauchhautreflexe, Paresen, Cloni) ist obligat.

Radiologische Diagnostik

Die Wirbelsäulen-Ganzaufnahme im Stehen (in 2 Ebenen) ist der Goldstandard zur Erstdiagnostik und Bestimmung des Cobb-Winkels. Separate Aufnahmen von Brust- und Lendenwirbelsäule sind nicht geeignet.

UntersuchungIndikationBemerkung
Röntgen GanzwirbelsäuleErstdiagnostik, VerlaufskontrolleBevorzugt p.a.-Projektion zur Reduktion der Strahlenbelastung (Mamma-Karzinom-Risiko).
FunktionsaufnahmenPräoperativBending- oder Traktionsaufnahmen zur Bewertung der Flexibilität der Krümmung.
SkelettalterbestimmungBei therapierelevanten EntscheidungenZ.B. zur Indikation/Abschulung des Korsetts oder OP-Planung (Risser-Zeichen, Sanders-Stadien).
MRT GanzwirbelsäulePräoperativSollte durchgeführt werden zum Ausschluss intraspinaler Anomalien (Syringomyelie, Tethered Cord).
RasterstereographieVerlaufsbeobachtungReduziert die Strahlenbelastung, ersetzt das Röntgen zur exakten Cobb-Winkel-Bestimmung jedoch nicht.

Therapie-Stufenschema

Die Therapieentscheidung richtet sich maßgeblich nach dem Cobb-Winkel, der Lokalisation und dem verbleibenden Restwachstum.

Cobb-WinkelTherapie bei RestwachstumTherapie nach Wachstumsabschluss
< 20° (lumbal) / < 25° (thorakal)Beobachtung, ggf. PhysiotherapieRumpfstabilisierende Übungen, Sport
≥ 20° (lumbal) / ≥ 25° (thorakal)Korsett-Therapie + PhysiotherapieRumpfstabilisierende Übungen, Sport
> 40° (lumbal) / > 50° (thorakal)Operative KorrekturOperative Korrektur

Hinweis: Zwischen 40° und 50° thorakal kann eine OP erwogen werden. Ab 40° soll eine Beratung in einem operativen Skoliose-Zentrum erfolgen.

Konservative Therapie

Physiotherapie

Eine Skoliose-spezifische Physiotherapie (z.B. nach Schroth) wird begleitend empfohlen. Patienten müssen jedoch darüber aufgeklärt werden, dass eine alleinige Physiotherapie in der Regel nicht zu einer relevanten (> 5°) und dauerhaften Besserung des Cobb-Winkels führt.

Korsett-Therapie

  • Indikation: Cobb-Winkel ab 25° (thorakal) bzw. 20° (lumbal) bei noch vorhandenem Restwachstum.
  • Kontrolle: Nach Neuanfertigung muss eine Röntgen-Aufnahme im Korsett im Stand erfolgen, um Korrektureffekt und Pelottenlage zu prüfen.
  • Begleittherapie: Sollte stets mit Physiotherapie kombiniert werden.

Operative Therapie

Ziel der Operation ist die Korrektur der Deformität und die Verhinderung einer weiteren Progredienz.

  • Klassifikation: Zur OP-Planung wird standardmäßig die Lenke-Klassifikation verwendet. Sie berücksichtigt strukturelle vs. nicht-strukturelle Krümmungen und das sagittale Profil.
  • Lungenfunktion: Bei signifikanten präoperativen Einschränkungen der Lungenfunktion sollte die Indikation zu ventralen Korrekturen und Rippenbuckelresektionen sehr zurückhaltend gestellt werden.
  • Postoperative Röntgenkontrollen: Vor Entlassung, nach 3-6 Monaten und nach 1 Jahr.

💡Praxis-Tipp

Bestimmen Sie den Cobb-Winkel zur exakten Therapieplanung immer im Röntgenbild. Die Rasterstereographie eignet sich hervorragend zur strahlensparenden Verlaufskontrolle, ist aber für die exakte Winkelbestimmung unzureichend.

Häufig gestellte Fragen

Ab einem Rippenbuckel oder Lendenwulst von 5° im Vorbeugetest sollte zur Diagnosesicherung ein Röntgenbild erfolgen.
Bei verbleibendem Restwachstum und einem Cobb-Winkel ab 25° (thorakal) bzw. 20° (lumbal).
Die Indikation zur operativen Korrektur besteht ab einem Cobb-Winkel von >50° (thorakal) bzw. >40° (lumbal). Bei thorakalen Krümmungen zwischen 40° und 50° kann eine OP erwogen werden.
Ja, ein präoperatives MRT der Ganzwirbelsäule sollte zwingend durchgeführt werden, um intraspinale Fehlbildungen (wie Syringomyelie oder Tethered Cord) auszuschließen.
Nein, eine alleinige Physiotherapie führt in der Regel nicht zu einer relevanten (über 5°) und dauerhaften Besserung des Cobb-Winkels. Sie ist jedoch als Begleittherapie sinnvoll.

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