Morbus Scheuermann: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein universelles Screening auf Wirbelsäulendeformitäten wird zu Beginn des pubertären Wachstumsschubes empfohlen.
- •Eine Brustkyphose mit einem Stagnarawinkel >45° gilt als pathologisch.
- •Ab 45° Kyphosewinkel sollte eine kyphosespezifische Physiotherapie (z.B. nach Schroth) erfolgen.
- •Ein Korsett ist bei thorakalen Kyphosen ab 50° mit Wirbelkörperdeformierung und Restwachstum indiziert.
- •Eine operative Korrektur wird ab einer Krümmung von 70° empfohlen (ab 60° in Ausnahmefällen).
Hintergrund
Der Morbus Scheuermann (Adoleszentenkyphose) ist eine rigide Hyperkyphose, die mit morphologischen Veränderungen an den Wirbeln einhergeht. Typisch sind Anomalien der epiphysären Wachstumsplatten, die zu einer keilförmigen Deformität (um mehr als 5 Grad) und einer Verengung des Bandscheibenraums führen.
| Typ | Lokalisation | Klinik |
|---|---|---|
| Typ 1 | Brustwirbelsäule | Oft lange schmerzfrei, kompensatorische zervikale/lumbale Hyperlordose |
| Typ 2 | Brust- und Lendenwirbelsäule | Häufiger mit Rückenschmerzen einhergehend |
Diagnostik und Screening
Im frühen Jugendalter sollte ein universelles Screening auf Wirbelsäulendeformitäten durchgeführt werden. Bei klinischem Verdacht (z.B. im Vorbeuge-Test nach Adam oder Rutschhaltetest) erfolgt die bildgebende Diagnostik.
- Röntgen: Einmalige Aufnahme der gesamten Wirbelsäule im Stehen in zwei Ebenen.
- Winkelmessung: Bestimmung des Kyphosewinkels nach Stagnara (zwischen Deckplatte T4 und Grundplatte des kaudalen Endwirbels).
- Pathologischer Befund: Eine Brustkyphose mit einem Stagnarawinkel von >45° gilt als pathologisch.
- MRT-Indikation: Nur bei atypischen Befunden, neurologischen Auffälligkeiten oder lumbosakralen Schmerzen (zum Ausschluss einer Spondylolyse).
Therapie-Stufenschema
Ziel der Therapie ist ein Remodelling der Wirbelkörper und die Verhinderung einer Progredienz.
| Kyphosewinkel | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| > 45° | Physiotherapie | Kyphosespezifisch (z.B. nach Schroth) |
| >= 50° | Korsetttherapie | Bei sichtbarer Deformierung und verbleibendem Restwachstum |
| >= 60° | Operation (Kann-Empfehlung) | Bei therapieresistenten Schmerzen, Korsett-Intoleranz oder kosmetischem Wunsch |
| >= 70° | Operation (Sollte-Empfehlung) | Empfehlung zur operativen Korrektur |
Physiotherapie
Patienten mit Schmerzen oder einem Winkel >45° sollten physiotherapeutisch behandelt werden. Die Therapie sollte kyphosespezifisch sein (z.B. Schroth-Therapie). Sport ist grundsätzlich zu empfehlen, bei akuten Beschwerden sollte jedoch eine Sportpause eingelegt werden. Bei Einschränkungen der Vitalkapazität (oft ab 80° Kyphose) ist eine Atemphysiotherapie indiziert.
Korsetttherapie
- Indikation: Thorakale Kyphosen ab 50° mit Restwachstum. Ab 80° sollte im Allgemeinen kein Korsett mehr verordnet werden.
- Orthesentyp: Primär ein starres, maßgefertigtes 3- oder 4-Punkt-Korsett (Reklinationsorthese).
- Tragedauer: Ein Vollzeit-Tragemodus (ganztags und nachts) zur Entlastung der ventralen Säule wird angestrebt.
- Kontrollen: Klinische Kontrollen alle 6 Monate, Passform-Kontrollen im Wachstumsschub alle 3 Monate.
- Abtrainieren: Nach Wachstumsabschluss (Risser 5) schrittweise über 3 bis 6 Monate.
Operative Therapie
Eine Operation wird ab 70° empfohlen. Präoperativ muss ab 80° eine pneumologische Abklärung erfolgen, zudem ist ein MRT der gesamten Wirbelsäule obligatorisch.
| OP-Verfahren | Indikation | Evidenz / Bemerkung |
|---|---|---|
| Rein dorsal | Ausreichende Flexibilität, Krümmung <90° | Bevorzugtes Verfahren, geringere Komplikationsrate |
| Kombiniert (ventro-dorsal) | Rigide und/oder hochgradige Krümmungen | Höhere Morbidität, längere OP-Zeit |
Ein intraoperatives Neuromonitoring (EMG, MEP) sollte standardmäßig durchgeführt werden. Postoperativ ist eine Physiotherapie indiziert. Kontaktsport und Leistungssport sollten für 6 bis 12 Monate pausiert werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie den Rutschhalte-Test zur klinischen Unterscheidung: Beim Morbus Scheuermann bleibt die Kyphose rigide, während sie sich bei einer funktionellen Haltungsschwäche korrigiert. Denken Sie bei tief lumbalen Schmerzen zudem immer an die Spondylolyse als Differentialdiagnose.