ZNS-Keimzelltumoren: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Germinome sind mit 50-60 % die häufigsten Keimzelltumoren des Zentralnervensystems.
- •Die Tumormarker AFP und ß-HCG müssen zwingend in Serum und Liquor bestimmt werden.
- •Bei einer typischen bifokalen Läsion mit Diabetes insipidus und negativen Markern kann auf eine Biopsie verzichtet werden.
- •Germinome sind hoch strahlensensibel, während Non-Germinome eine intensivere Chemo- und Strahlentherapie sowie oft eine Resektion erfordern.
Hintergrund
Keimzelltumoren des Zentralnervensystems (ZNS) machen bei Kindern bis 15 Jahren etwa 3 % aller onkologischen Diagnosen aus, wovon 18 % im ZNS lokalisiert sind. Sie treten typischerweise mittelliniennah in der Pinealis- und/oder der Hypophysen-/Suprasellär-Region auf. Etwa 50-60 % dieser Tumoren sind Germinome, gefolgt von nicht-germinomatösen Keimzelltumoren (Non-Germinome) und Teratomen.
Klassifikation
Die Einteilung erfolgt nach der WHO-Klassifikation. Klinisch wird vor allem zwischen Germinomen, Non-Germinomen (sezernierende Tumoren) und Teratomen unterschieden.
| Histologie | ICD-O-3-M Code | Bemerkung |
|---|---|---|
| Germinom | M9064/3 | Häufigster ZNS-Keimzelltumor |
| Embryonalzellkarzinom | M9070/3 | Malignes Non-Germinom |
| Dottersacktumor | M9071/3 | Malignes Non-Germinom |
| Chorionkarzinom | M9100/3 | Malignes Non-Germinom |
| Teratom (matur/immatur) | M9080/0, M9080/1, M9080/3 | Nur das mature Teratom gilt als benigne |
| Gemischter Keimzelltumor | M9085/3 | Häufige Kombination verschiedener Subtypen |
Leitsymptome
Die klinische Präsentation hängt maßgeblich von der Lokalisation ab:
| Lokalisation | Typische Symptome |
|---|---|
| Pinealisregion | Hirndruckzeichen (Kopfschmerzen, Erbrechen, Stauungspapille), Sehstörungen |
| Suprasellär/Hypophysär | Endokrine Ausfälle (v. a. Diabetes insipidus), Sehstörungen (bitemporale Hemianopsie) |
Sonderfall: Das synchrone bifokale Auftreten (pineal und suprasellär) ist pathognomonisch für ein Germinom.
Diagnostik
Die Diagnosestellung basiert auf Bildgebung (MRT kranial/spinal), Liquorzytologie und Tumormarkern. Eine Biopsie ist indiziert, wenn die Tumormarker negativ sind, außer es liegt eine typische bifokale Läsion mit Diabetes insipidus vor.
Tumormarker
Tumormarker müssen zwingend in Serum und Liquor bestimmt werden, da negative Serumwerte eine Erhöhung im Liquor nicht ausschließen.
| Marker | Grenzwert für sezernierenden Tumor | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| AFP | > 25 ng/ml | Typisch für Dottersacktumoren. AFP ≥ 1000 ng/ml gilt als Hochrisikofaktor. |
| ß-HCG | > 50 IU/L | Typisch für Chorionkarzinome. Geringe Erhöhungen auch bei Germinomen möglich. |
Hinweis: MicroRNAs (miR 371~373 und 302/367-Cluster) sind bei malignen Keimzelltumoren im Serum/Liquor überexprimiert und dienen als neue Biomarker.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach der histologischen Komponente mit der höchsten Malignität.
| Tumortyp | Primärtherapie | Strahlentherapie | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Germinom | Chemotherapie | Ventrikulär (24 Gy) + Tumor-Boost | Hoch strahlensensibel. Über 90 % Heilungschance. |
| Non-Germinom | Cisplatin-basierte Chemotherapie | Fokale Bestrahlung (54 Gy) | Bei Residualbefund nach Chemo wird eine Tumorresektion empfohlen. |
| Teratom | Komplette chirurgische Resektion | Ggf. adjuvante Radiotherapie | Geringe Chemo- und Strahlensensibilität. |
Bei metastasierter Erkrankung erfolgt in der Regel eine kraniospinale Bestrahlung.
Nachsorge
In den ersten 24 Monaten werden dreimonatliche Kontrollen (MRT, Tumormarker, klinischer Status) empfohlen, da 90 % der Rezidive in den ersten 2 Jahren auftreten. Danach können die Intervalle schrittweise auf 4-6 Monate und ab dem 4. Jahr auf jährliche Kontrollen verlängert werden.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie die Tumormarker AFP und ß-HCG immer in Serum UND Liquor. Negative Marker im Serum schließen eine Erhöhung im Liquor nicht aus!