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Primäre Hyperhidrose: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die primäre Hyperhidrose ist eine idiopathische, fokale Überstimulation der ekkrinen Schweißdrüsen ohne zugrundeliegende internistische Erkrankung.
  • Die Diagnosestellung erfolgt primär klinisch; routinemäßige Laboruntersuchungen sind bei typischer Anamnese obsolet.
  • Die Therapie erfolgt stufenweise, beginnend mit topischen Präparaten (z.B. Aluminiumchloridhexahydrat), die abends aufgetragen werden sollten.
  • Botulinumtoxin A ist die am besten untersuchte und effektivste Therapie bei unzureichender topischer Wirkung.
  • Operative Eingriffe am Sympathikus sollten wegen des hohen Risikos für kompensatorisches Schwitzen streng abgewogen werden.
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Hintergrund

Die primäre Hyperhidrose ist eine idiopathische Erkrankung, die durch ein krankhaftes Übermaß an Schwitzen gekennzeichnet ist, welches über die Erfordernisse der Wärmeregulation hinausgeht. Es liegen keine internistischen Erkrankungen zugrunde. Die ekkrinen Schweißdrüsen sind weder vermehrt noch vergrößert, sondern durch den sympathischen Anteil des vegetativen Nervensystems (Transmitter: Azetylcholin) überstimuliert. Prädilektionsstellen sind Achselhöhlen, Handflächen, Fußsohlen, Stirn und der Inguinalbereich.

Diagnostik und Klassifikation

Die Diagnose erfolgt primär klinisch. Bei typischer Anamnese sind keine routinemäßigen Labor- oder bildgebenden Untersuchungen (auch keine Hormonwerte) indiziert. Zur Objektivierung können der Jod-Stärke-Test nach Minor (Arealbestimmung) oder die Gravimetrie (Schweißmengenmessung) eingesetzt werden.

KriteriumTypische Anamnesepunkte der primären Hyperhidrose
BeginnIm Kindes- oder Jugendalter (< 25 Jahre)
AuftretenTemperaturunabhängig, unvorhersehbar, nicht willentlich kontrollierbar
LokalisationFokales Auftreten, beidseitig und symmetrisch
FrequenzÖfter als 1x/Woche mit Beeinträchtigung im Alltag
SchlafKein vermehrtes Schwitzen während des Schlafes
FamiliePositive Familienanamnese oft vorhanden

Die klinische Schweregradeinteilung erfolgt semiquantitativ:

GradAusprägungAxillär (A)Palmoplantar (P)
ILeichte HyperhidroseSchwitzflecken 5-10 cmDeutlich vermehrte Hautfeuchtigkeit
IIMäßig starke HyperhidroseSchwitzflecken 10-20 cmBildung von Schweißperlen, auf Palmae/Plantae begrenzt
IIIStarke HyperhidroseSchwitzflecken > 20 cmSchweiß tropft ab, auch an dorsalen Fingern/Zehen

Therapiealgorithmen

Die Therapie erfolgt stufenweise und ist abhängig von der Lokalisation.

StufeAxilläre HyperhidrosePalmare / Plantare Hyperhidrose
1Topische Therapie (Antiperspiranzien, Anticholinergika)Topische Therapie (Antiperspiranzien)
2Injektionstherapie mit Botulinumtoxin ALeitungswasser-Iontophorese
3Radiofrequenz, Mikrowellen oder UltraschallInjektionstherapie mit Botulinumtoxin A
4Systemische Therapie (Anticholinergika)Systemische Therapie (Anticholinergika)
5Chirurgische Schweißdrüsenentfernung (Saugkürettage)Chirurgischer Eingriff am Sympathikus

Konservative und Lokale Therapie

TherapieoptionIndikationDurchführung & Bemerkung
AluminiumchloridhexahydratAlle fokalen Formen (1. Wahl)10-30%ige Lösung. Abends auftragen, da nachts kein Schwitzen stattfindet.
Topische AnticholinergikaAxillärGlycopyrroniumbromid-Creme. Ebenfalls abends aufzutragen.
Leitungswasser-IontophoresePalmar / Plantar20-30 Min. pro Anwendung. Initial mehrmals wöchentlich, als Dauertherapie 1-2x/Woche.
Botulinumtoxin AAlle fokalen FormenBlockiert Azetylcholin-Freisetzung. Axillär: 50 Botox-E / 100-200 Dysport-E pro Seite. Palmar: 100 Botox-E / 250 Dysport-E pro Hand.
Systemische AnticholinergikaSituativ (alle Formen)Z.B. Methantheliniumbromid. Oft Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Tachykardie). Selten als Dauertherapie.

Interventionelle und Chirurgische Therapie

Thermische Verfahren (primär axillär)

Verfahren wie Radiofrequenz-Microneedling (1. Wahl unter den thermischen Verfahren), Mikrowellen und fokussierter Ultraschall schädigen Schweißdrüsen thermisch. Da die Wirkung unselektiv ist, besteht das Risiko von Nervenschädigungen.

Chirurgische Verfahren

  • Axillär: Die subkutane Saugkürettage (in Tumeszenz-Lokalanästhesie) ist das Standardverfahren. Die radikale Exzision gilt als obsolet.
  • Sympathikus-Chirurgie (ETS): Bei palmarer/plantarer Hyperhidrose kann der thorakale Sympathikus blockiert oder durchtrennt werden. Wegen des hohen Risikos für kompensatorisches Schwitzen (KS) ist die Indikation streng zu stellen.

💡Praxis-Tipp

Weisen Sie Patienten an, aluminiumhaltige Antiperspiranzien und topische Anticholinergika ausschließlich abends vor dem Schlafengehen aufzutragen, da die Schweißdrüsenaktivität nachts ruht und die Wirkstoffe so besser in die Ausführungsgänge penetrieren können.

Häufig gestellte Fragen

Nein. Bei typischer Anamnese (Beginn <25 Jahre, fehlender Nachtschweiß, Symmetrie) sind routinemäßige Laboruntersuchungen oder Hormonbestimmungen obsolet.
Die Zulassungsdosierung beträgt 50 Botox-Einheiten bzw. 100-200 Dysport-Einheiten pro Seite.
Sie spielt axillär eine untergeordnete Rolle, da die Anwendung aufwendiger ist und die Evidenz für die Wirksamkeit im Vergleich zur palmaren/plantaren Anwendung deutlich schlechter ist.
Das kompensatorische Schwitzen (KS) an anderen Körperstellen, weshalb diese Methode nicht an erster Stelle der Behandlung stehen sollte.

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