Primäre Hyperhidrose: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die primäre Hyperhidrose ist eine idiopathische, fokale Überstimulation der ekkrinen Schweißdrüsen ohne zugrundeliegende internistische Erkrankung.
- •Die Diagnosestellung erfolgt primär klinisch; routinemäßige Laboruntersuchungen sind bei typischer Anamnese obsolet.
- •Die Therapie erfolgt stufenweise, beginnend mit topischen Präparaten (z.B. Aluminiumchloridhexahydrat), die abends aufgetragen werden sollten.
- •Botulinumtoxin A ist die am besten untersuchte und effektivste Therapie bei unzureichender topischer Wirkung.
- •Operative Eingriffe am Sympathikus sollten wegen des hohen Risikos für kompensatorisches Schwitzen streng abgewogen werden.
Hintergrund
Die primäre Hyperhidrose ist eine idiopathische Erkrankung, die durch ein krankhaftes Übermaß an Schwitzen gekennzeichnet ist, welches über die Erfordernisse der Wärmeregulation hinausgeht. Es liegen keine internistischen Erkrankungen zugrunde. Die ekkrinen Schweißdrüsen sind weder vermehrt noch vergrößert, sondern durch den sympathischen Anteil des vegetativen Nervensystems (Transmitter: Azetylcholin) überstimuliert. Prädilektionsstellen sind Achselhöhlen, Handflächen, Fußsohlen, Stirn und der Inguinalbereich.
Diagnostik und Klassifikation
Die Diagnose erfolgt primär klinisch. Bei typischer Anamnese sind keine routinemäßigen Labor- oder bildgebenden Untersuchungen (auch keine Hormonwerte) indiziert. Zur Objektivierung können der Jod-Stärke-Test nach Minor (Arealbestimmung) oder die Gravimetrie (Schweißmengenmessung) eingesetzt werden.
| Kriterium | Typische Anamnesepunkte der primären Hyperhidrose |
|---|---|
| Beginn | Im Kindes- oder Jugendalter (< 25 Jahre) |
| Auftreten | Temperaturunabhängig, unvorhersehbar, nicht willentlich kontrollierbar |
| Lokalisation | Fokales Auftreten, beidseitig und symmetrisch |
| Frequenz | Öfter als 1x/Woche mit Beeinträchtigung im Alltag |
| Schlaf | Kein vermehrtes Schwitzen während des Schlafes |
| Familie | Positive Familienanamnese oft vorhanden |
Die klinische Schweregradeinteilung erfolgt semiquantitativ:
| Grad | Ausprägung | Axillär (A) | Palmoplantar (P) |
|---|---|---|---|
| I | Leichte Hyperhidrose | Schwitzflecken 5-10 cm | Deutlich vermehrte Hautfeuchtigkeit |
| II | Mäßig starke Hyperhidrose | Schwitzflecken 10-20 cm | Bildung von Schweißperlen, auf Palmae/Plantae begrenzt |
| III | Starke Hyperhidrose | Schwitzflecken > 20 cm | Schweiß tropft ab, auch an dorsalen Fingern/Zehen |
Therapiealgorithmen
Die Therapie erfolgt stufenweise und ist abhängig von der Lokalisation.
| Stufe | Axilläre Hyperhidrose | Palmare / Plantare Hyperhidrose |
|---|---|---|
| 1 | Topische Therapie (Antiperspiranzien, Anticholinergika) | Topische Therapie (Antiperspiranzien) |
| 2 | Injektionstherapie mit Botulinumtoxin A | Leitungswasser-Iontophorese |
| 3 | Radiofrequenz, Mikrowellen oder Ultraschall | Injektionstherapie mit Botulinumtoxin A |
| 4 | Systemische Therapie (Anticholinergika) | Systemische Therapie (Anticholinergika) |
| 5 | Chirurgische Schweißdrüsenentfernung (Saugkürettage) | Chirurgischer Eingriff am Sympathikus |
Konservative und Lokale Therapie
| Therapieoption | Indikation | Durchführung & Bemerkung |
|---|---|---|
| Aluminiumchloridhexahydrat | Alle fokalen Formen (1. Wahl) | 10-30%ige Lösung. Abends auftragen, da nachts kein Schwitzen stattfindet. |
| Topische Anticholinergika | Axillär | Glycopyrroniumbromid-Creme. Ebenfalls abends aufzutragen. |
| Leitungswasser-Iontophorese | Palmar / Plantar | 20-30 Min. pro Anwendung. Initial mehrmals wöchentlich, als Dauertherapie 1-2x/Woche. |
| Botulinumtoxin A | Alle fokalen Formen | Blockiert Azetylcholin-Freisetzung. Axillär: 50 Botox-E / 100-200 Dysport-E pro Seite. Palmar: 100 Botox-E / 250 Dysport-E pro Hand. |
| Systemische Anticholinergika | Situativ (alle Formen) | Z.B. Methantheliniumbromid. Oft Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Tachykardie). Selten als Dauertherapie. |
Interventionelle und Chirurgische Therapie
Thermische Verfahren (primär axillär)
Verfahren wie Radiofrequenz-Microneedling (1. Wahl unter den thermischen Verfahren), Mikrowellen und fokussierter Ultraschall schädigen Schweißdrüsen thermisch. Da die Wirkung unselektiv ist, besteht das Risiko von Nervenschädigungen.
Chirurgische Verfahren
- Axillär: Die subkutane Saugkürettage (in Tumeszenz-Lokalanästhesie) ist das Standardverfahren. Die radikale Exzision gilt als obsolet.
- Sympathikus-Chirurgie (ETS): Bei palmarer/plantarer Hyperhidrose kann der thorakale Sympathikus blockiert oder durchtrennt werden. Wegen des hohen Risikos für kompensatorisches Schwitzen (KS) ist die Indikation streng zu stellen.
💡Praxis-Tipp
Weisen Sie Patienten an, aluminiumhaltige Antiperspiranzien und topische Anticholinergika ausschließlich abends vor dem Schlafengehen aufzutragen, da die Schweißdrüsenaktivität nachts ruht und die Wirkstoffe so besser in die Ausführungsgänge penetrieren können.