Handekzem: Leitlinie zu Diagnostik und Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Das Handekzem wird in ätiologische (z.B. irritativ, allergisch) und klinische Subtypen (z.B. hyperkeratotisch, vesikulär) unterteilt.
- •Ein Epikutantest ist indiziert bei über 3 Monaten bestehendem Ekzem, Therapieresistenz oder Verdacht auf Kontaktallergie.
- •Die Prävention am Arbeitsplatz folgt dem STOP-Prinzip (Substitution, Technische, Organisatorische, Personenbezogene Maßnahmen).
- •Die Erstlinientherapie besteht aus Basistherapeutika und topischen Glukokortikoiden (bevorzugt Klasse II-III).
- •Bei schwerem, chronischem Handekzem ist Alitretinoin die zugelassene systemische Therapie der Wahl.
Hintergrund
Das Handekzem (HE) ist eine häufige entzündliche Hauterkrankung mit erheblichen sozioökonomischen Auswirkungen, insbesondere als Berufskrankheit (BK 5101). Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen eine atopische Dermatitis, Feuchtarbeit, Kontaktallergien sowie Nikotinkonsum.
Klassifikation
Das Handekzem wird nach ätiologischen und klinischen Subtypen klassifiziert. Mischformen sind häufig und können sich im Verlauf ändern.
| Ätiologischer Subtyp | Häufigste Auslöser / Merkmale |
|---|---|
| Irritatives Kontaktekzem (IKE) | Häufigste Form; Kontakt mit irritativen Substanzen (z.B. Feuchtarbeit) |
| Allergisches Kontaktekzem (AKE) | Kontakt mit Allergenen; positiver Epikutantest |
| Atopisches Handekzem | Assoziiert mit atopischer Dermatitis; oft Handinnenflächen/Handgelenke |
| Proteinkontaktdermatitis | Kontakt mit Proteinen (z.B. Lebensmittel); Soforttypsensibilisierung |
| Klinischer Subtyp | Morphologie / Klinik |
|---|---|
| Hyperkeratotisches HE | Keine Bläschen, oft Männer, palmar, Rhagaden |
| Akut rezidivierendes vesikuläres HE | Starke Bläschenbildung (früher: dyshidrotisches Ekzem) |
| Nummuläres HE | Münzförmig, oft Handrücken |
| Pulpitis | Auf Fingerkuppen beschränkt |
Diagnostik
Eine sorgfältige Anamnese (inkl. beruflicher Exposition) und klinische Untersuchung des gesamten Integuments sind essenziell.
- Epikutantestung: Soll durchgeführt werden, wenn das HE länger als 3 Monate besteht, bei Nichtansprechen auf Therapie oder bei Verdacht auf Kontaktallergie. Die Standardreihe soll ggf. erweitert werden.
- Repetitiver offener Applikationstest (ROAT): Kann zum Ausschluss falsch-positiver Reaktionen erwogen werden.
- Abriss-Epikutantest: Sollte bei negativem/fraglichem Standardtest und anhaltendem Verdacht erfolgen.
- Pricktest / Spezifisches IgE: Bei Verdacht auf Proteinkontaktdermatitis oder Kontakturtikaria (z.B. durch Latex oder Lebensmittel).
Prävention und Expositionsbewertung
Die Prävention richtet sich nach dem STOP-Prinzip zur Reduzierung gesundheitsgefährdender Expositionen:
| Stufe | Maßnahme | Beispiel |
|---|---|---|
| S | Substitution/Elimination | Verbot oder Umstellung auf sichere Alternativen (z.B. allergenfreie Handschuhe) |
| T | Technische Maßnahmen | Automatisierung, Absaugung |
| O | Organisatorische Maßnahmen | Wechsel zwischen Feucht- und Trockenarbeit |
| P | Personenbezogene Maßnahmen | Persönliche Schutzausrüstung (PSA), Hautschutzschulung |
Tipps zur Hautreinigung und Pflege:
- Milde Reinigungsmittel verwenden, lauwarmes Wasser.
- Händedesinfektion ist bei fehlender sichtbarer Verschmutzung dem Händewaschen vorzuziehen (weniger irritativ).
- Die regelmäßige Anwendung von Basistherapeutika (Hautpflegemitteln) soll bei allen HE-Patienten erfolgen.
Stufentherapie
Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad (z.B. bewertet durch den HECSI-Score). Ursächliche exogene Faktoren sollen identifiziert und vermieden werden.
Topische Therapie
- Topische Glukokortikoide: Sollen als kurzzeitige Erstlinientherapie eingesetzt werden.
- Leichtes HE: bevorzugt Klasse II
- Moderates HE: bevorzugt Klasse II-III
- Schweres HE: bevorzugt Klasse III (kurzfristig IV)
- Zur Erhaltungstherapie intermittierend (Klasse II/III). Es sollen Präparate mit geringem atrophogenem Potenzial verwendet werden.
- Topische Calcineurin-Inhibitoren: Tacrolimus 0,1% Salbe (Off-Label bei nicht-atopischem HE) kann zur Kurzzeit- oder proaktiven Erhaltungstherapie eingesetzt werden.
Physikalische Therapie
- Phototherapie: Sollte bei moderatem bis schwerem chronischem Handekzem (CHE), das refraktär auf topische Steroide ist, erfolgen (topische PUVA, Schmalband-UVB, UVA1). Wegen der kumulativen UV-Dosis soll sie nicht als Langzeittherapie dienen.
Systemische Therapie
| Wirkstoff | Indikation / Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Alitretinoin | Soll bei mittelschwerem bis schwerem CHE eingesetzt werden | Zugelassen; bei Versagen von Topika/UV; teratogen |
| Orale Glukokortikoide | Kann in Einzelfällen bei akuten Schüben eingesetzt werden | Kurzzeitig als Stoßtherapie |
| Ciclosporin | Sollte bei Refraktärität/Kontraindikation gegen Erst-/Zweitlinie eingesetzt werden | Off-Label (außer bei atopischem HE) |
| Azathioprin / MTX / Acitretin | Kann bei Refraktärität eingesetzt werden | Off-Label |
💡Praxis-Tipp
Bevorzugen Sie bei fehlender sichtbarer Verschmutzung die alkoholische Händedesinfektion gegenüber dem Händewaschen mit Wasser und Seife, da diese die Hautbarriere deutlich weniger schädigt. Nutzen Sie zudem bei längeren Tragezeiten von flüssigkeitsdichten Schutzhandschuhen (ab 10 Minuten) Baumwollunterziehhandschuhe.