Hypersalivation: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Hypersalivation entsteht meist durch insuffiziente orofaziale Fähigkeiten oder gestörte Schluckabläufe und birgt die Gefahr der Speichelaspiration.
- •Die Diagnostik sollte frühzeitig multidisziplinär erfolgen, insbesondere mittels FEES oder Videofluoroskopie.
- •Basis der Behandlung ist die Funktionelle Dysphagietherapie (FDT).
- •Medikamentös kommen Anticholinergika zum Einsatz, wobei Glycopyrroniumbromid eine Zulassung für Kinder ab 3 Jahren besitzt.
- •Die sonographisch kontrollierte Injektion von Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen ist eine effektive und sichere Therapieoption.
Hintergrund
Hypersalivation bezeichnet einen relativ oder absolut übermäßigen Speichelfluss. Dieser führt durch insuffiziente orofaziale Fähigkeiten, verminderte zentralnervöse Kontrolle oder gestörte Schluckabläufe zu einem Benässen von Lippen, Kinn und Umgebung. Die Gefahr einer Speichelaspiration macht das Symptom klinisch hochrelevant.
| Ätiologie-Gruppe | Typische Ursachen und Erkrankungen |
|---|---|
| Neurologisch (akut) | Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Meningoenzephalitis |
| Neurodegenerativ / Autoimmun | Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Parkinson-Syndrome, Multiple Sklerose |
| Pädiatrisch | Zerebralparese, angeborene Syndrome mit orofazialer Hypotonie |
| Medikamentös | Atypische Antipsychotika (z.B. Clozapin), Dopaminantagonisten |
| Strukturell | Defektstörungen nach Trauma oder Kopf-Hals-Tumoren |
Diagnostik
Die Abklärung sollte frühzeitig und multidisziplinär erfolgen. Im Fokus steht die Abklärung von Schluckstörungen und orofazialen motorischen Defiziten.
- Klinische Untersuchung: Hirnnervenstatus, Muskeltonus, Kopfhaltung, Mundatmung, Zahnfehlstellungen (z.B. frontal offener Biss).
- Apparative Diagnostik:
| Untersuchungsmethode | Indikation und Nutzen |
|---|---|
| FEES (Fiberendoskopische Schluckuntersuchung) | Standarduntersuchung zur Beurteilung der pharyngealen Phase, Speichelaspiration und Therapiekontrolle. |
| Videofluoroskopie | Bei vermuteten ösophagealen Passagestörungen; erfasst auch Aspirationen, die endoskopisch nicht sichtbar sind. |
| MRT des Schädels | Insbesondere bei Kindern mit vermuteten Hirnnervenschäden. |
Funktionelle und Kieferorthopädische Therapie
Die Funktionelle Dysphagietherapie (FDT) ist ein unverzichtbarer Baustein und gliedert sich in drei Kategorien:
| FDT-Kategorie | Maßnahmen |
|---|---|
| Restitution | Vorbereitende Stimuli, Abbau pathologischer Reflexe, Kräftigung von Einzelbewegungen. |
| Kompensation | Haltungsänderungen, spezielle Schlucktechniken (z.B. supraglottisches Schlucken). |
| Adaption | Diätetische Anpassung (Nahrungskonsistenz), Temperatur- und Geschmacksreize. |
Bei Kindern mit hypotoner orofazialer Muskulatur sind myofunktionelle Therapiekonzepte indiziert. Ergänzend können orale Stimulationsplatten (z.B. nach Castillo-Morales) den Lippenschluss und die Zungenposition verbessern.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Hemmung der Speichelsekretion erfolgt primär durch anticholinerge Muscarinrezeptor-Antagonisten. Achtung: Viele Substanzen befinden sich im Off-Label-Use, was eine besondere Aufklärung und Kostenklärung erfordert.
| Wirkstoff | Besonderheiten und Zulassung |
|---|---|
| Glycopyrroniumbromid | Europaweite Zulassung (PUMA) für Kinder/Jugendliche ab 3 Jahren. Kaum zentralnervöse Nebenwirkungen. |
| Scopolamin | Transdermal (Pflaster) oder als wässrige Lösung anwendbar. |
| Atropin | Anwendung als Tropfen (per os, sublingual). Wenig belastbare Studienlage. |
Nebenwirkungen: Akkommodationsstörungen, Obstipation, Harnverhalt und Sedierung sind bei Anticholinergika stets zu beachten.
Botulinumtoxin (BoNT)
Die sonographisch kontrollierte Injektion von Botulinumtoxin (Serotyp A oder B) in die großen Speicheldrüsen (Gl. parotis und Gl. submandibularis) ist eine effektive und sichere Behandlungsform.
- Bewirkt eine Hemmung der cholinergen neuroglandulären Übertragung.
- Wirkdauer: ca. 10 bis 14 Wochen.
- Ermöglicht oft erst die Durchführung intensiver schlucktherapeutischer Übungen.
Operative Maßnahmen und Bestrahlung
Invasive Verfahren bleiben ausgewählten, therapierefraktären Fällen vorbehalten:
- Chirurgie: Verlagerung der Ausführungsgänge (Gll. submandibulares) oder Ligatur (Gll. parotideae). Erhöhtes Aspirationsrisiko muss präoperativ bedacht werden.
- Externe Bestrahlung: Sichere und effektive Therapie (z.B. 3D-konformale Technik), jedoch aufgrund des karzinogenen Potentials als Ultima Ratio zu betrachten.
💡Praxis-Tipp
Prüfen Sie vor der Verordnung von Anticholinergika stets die Zulassung (Off-Label-Use ist häufig!) und klären Sie die Kostenübernahme. Nutzen Sie die Wirkphase von Botulinumtoxin (10-14 Wochen) gezielt, um intensivierte schlucktherapeutische Übungen (FDT) durchzuführen, die vorher wegen Aspirationsgefahr nicht möglich waren.