Bewegungsförderung in der Kinderonkologie: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Kinder und Jugendliche mit Krebserkrankungen sollen täglich 60-180 Minuten Bewegungsmöglichkeit erhalten.
- •Während der Akuttherapie ist eine gezielte Bewegungstherapie bis zu 5-mal pro Woche indiziert.
- •Bei Thrombozyten < 20.000/µl oder akuter Frakturgefahr ist eine individuelle 1:1-Betreuung erforderlich.
- •Die Wünsche der Patienten und ihr Recht auf Ablehnung des Angebots müssen stets respektiert werden.
- •Bewegungsfachkräfte müssen in den Umgang mit medizinischen Geräten und Hygienerichtlinien eingewiesen sein.
Hintergrund
Die körperliche Inaktivität bei Kindern und Jugendlichen mit onkologischen Erkrankungen ist hoch. Dies kann physische und psychische Nebenwirkungen der Therapie verstärken und inaktivitätsbedingte Langzeitfolgen begünstigen. Die S2k-Leitlinie definiert Standards zur Bewegungsförderung und Bewegungstherapie in allen Phasen der Krebserkrankung.
Allgemeine Empfehlungen
- Bewegungszeit (soll): Alle Betroffenen sollen die Möglichkeit haben, die nationalen Bewegungsempfehlungen (je nach Alter 60-180 Minuten täglich) umzusetzen. Kliniken müssen bewegungsfreundlich und barrierefrei sein.
- Mitbestimmung (soll): Gesundheitszustand und Wünsche der Patienten sind zu berücksichtigen. Sie dürfen Angebote ablehnen und bei Belastungsmerkmalen (Umfang, Dauer, Intensität) mitbestimmen.
Bewegungstherapie in der Akutphase
Während der Akuttherapie soll eine gezielte Bewegungstherapie in den Klinikalltag integriert werden.
- Beginn: Ab Diagnosestellung
- Frequenz: Bis zu 5x/Woche
- Durchführung: Durch qualifizierte Bewegungsfachkräfte, individualisiert und zielorientiert
Nachsorge und Palliativsituation
Das Angebot richtet sich nach dem individuellen Bedarf und besteht aus Bewegungstherapie oder Beratung zur Alltagsintegration. Ein besonderer Fokus soll auf folgenden Gruppen liegen:
- Patienten mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen
- Kinder und Jugendliche mit sehr inaktivem Lebensstil
- Jugendliche kurz vor der Transition in die internistische Onkologie
- Alle, die aktiv Unterstützung suchen
Sicherheitsmaßnahmen und Kontraindikationen
Die Bewegungstherapie in der Kinderonkologie gilt als sicher. Zur Prävention unerwünschter Ereignisse gelten strikte Vorgaben:
- Informationsfluss (soll): Regelmäßige interdisziplinäre Besprechungen und sichtbare Dokumentation der Intervention.
- Qualifikation (soll): Einweisung der Bewegungsfachkräfte in medizinische Geräte (z. B. Infusionsständer, EKG, Magensonde), Hilfsmittel und Hygienerichtlinien.
Bei medizinischen Risikofaktoren ist das Training anzupassen:
| Risikofaktor / Indikator | Empfohlene Maßnahme |
|---|---|
| Thrombozyten < 20.000/µl | Niedrigschwellige Inhalte, 1:1-Betreuung |
| Akute Frakturgefahr | Individuell abgestimmte 1:1-Betreuung |
| Post-OP Status | Anpassung im interdisziplinären Team |
Trainingsinhalte und Intensität
Die Bewegungstherapie umfasst verschiedene Intensitätsstufen, die sich am Zustand des Patienten orientieren:
| Trainingsart | Beispiele | Belastungsintensität (BORG) |
|---|---|---|
| Geringe Intensität | Bewegungsspiele im Bett, Dehnübungen, Traumreisen | 6 bis 10 |
| Moderate Intensität | Bett- oder Fahrradergometer, Wurfspiele, Balanceübungen | 11 bis 13 |
| Hohe Intensität | Krafttraining an Geräten, Laufsprints, Mannschaftssport | 14 bis 20 |
Therapiebedingte Nebenwirkungen
Die onkologische Therapie verursacht spezifische Nebenwirkungen, die bei der Trainingsplanung berücksichtigt werden müssen:
| Therapieart | Akute unerwünschte Wirkungen | Langzeit- und Spätfolgen |
|---|---|---|
| Chemotherapie | Myelosuppression, Fatigue, Mukositis, Übelkeit | Adipositas, Kardiomyopathie, periphere Neuropathie, Osteopenie |
| Strahlentherapie | Hautschäden, Strahlenkater, Myelosuppression | Wachstumsverzögerung, Herzinsuffizienz, kognitive Einbußen |
| Operation | Verletzung von gesundem Gewebe, Amputation | Lokal-funktionale Defizite, Bewegungseinbußen |
| Stammzelltransplantation | Akute GvHD, schwere Immunsuppression | Chronische GvHD, Lungenveränderungen, Leberfibrose |
💡Praxis-Tipp
Integrieren Sie Bewegungsfachkräfte fest in interdisziplinäre Teambesprechungen und stellen Sie sicher, dass diese im Umgang mit Infusionsständern, zentralen Zugängen und EKG-Monitoren geschult sind.