Infizierte Osteoradionekrose (IORN): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die IORN ist eine schwerwiegende Komplikation nach Kopf-Hals-Bestrahlung, gekennzeichnet durch über 3-6 Monate freiliegenden, infizierten Kieferknochen.
- •Vor jeder Strahlentherapie ist eine zahnärztliche Vorstellung inklusive radiologischer Bildgebung des Kiefers obligatorisch.
- •Erhaltungswürdige Zähne sollen vor der Bestrahlung nicht prophylaktisch entfernt werden.
- •Kieferoperationen nach Bestrahlung erfordern lebenslang strenge Kautelen (systemische Antibiotikaprophylaxe, primär plastische Deckung).
- •Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) soll außerhalb klinischer Studien nicht zur Behandlung eingesetzt werden.
Hintergrund
Die infizierte Osteoradionekrose (IORN) der Kiefer ist eine schwerwiegende Langzeitkomplikation nach hochenergetischer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich. Sie ist definiert als Devaskularisation und Devitalisierung des Kieferknochens mit konsekutiver Superinfektion durch ortsständige Keime der Mundhöhle. Eine antiresorptive Medikation (z. B. Bisphosphonate, Denosumab) darf anamnestisch nicht vorliegen.
Das klinische Leitsymptom ist der langfristig (3 bis 6 Monate) inspektorisch oder sondenpalpatorisch freiliegende, avitale Kieferknochen.
Risikofaktoren
Das Risiko für eine IORN ist im Unterkiefer deutlich höher als im Oberkiefer. Die Risikofaktoren werden in zwei Hauptkategorien unterteilt:
| Kategorie | Spezifische Risikofaktoren |
|---|---|
| Patient & Erkrankung | Männliches Geschlecht, schlechte Mundhygiene, Prothesendruckstellen, Tumorlokalisation (Mundhöhle, Zunge, Unterkiefer), persistierender Alkohol- und Nikotinkonsum |
| Therapiebedingt | Tumorresektion mit Osteotomie, periradiotherapeutische Zahnextraktionen, hohe Gesamtdosis (>40-50 Gy) |
Prophylaxe vor Strahlentherapie
Vor Beginn der Strahlentherapie muss jeder Patient (auch der zahnlose) zahnärztlich vorgestellt werden. Eine radiologische Bildgebung des Kiefers ist obligatorisch. Die Zahnsanierung sollte zeitnah erfolgen, um die Tumortherapie nicht zu verzögern. Erhaltungswürdige Zähne sollen nicht prophylaktisch entfernt werden.
| Patientengruppe | Empfohlene Maßnahme vor Strahlentherapie |
|---|---|
| Zahnlose Patienten (ohne Wunden/Befunde) | Keine weitere Vorbehandlung nach unauffälliger Bildgebung |
| Konservierend nicht sanierbarer Zahnstatus | Indikation zur Totalsanierung |
| Konservierend therapierbare Karies (Taschen <3mm) | Zurückhaltende, risikoadaptierte Zahnsanierung |
| Keine Karies, sehr gute Mundhygiene | Keine Zahnsanierung notwendig |
Prävention unter und nach Strahlentherapie
Während der Bestrahlung und bis zum Abheilen der Akuttoxizität (ca. 6-8 Wochen danach) soll auf traumatisierende Eingriffe (Extraktionen, Parodontalbehandlungen) verzichtet werden.
- Mundhygiene: Intensive Pflege und Prothesenkarenz unter Strahlentherapie und bei fortdauernder Mukositis.
- Fluoridierung: Bei erhaltenem Zahnschmelz lebenslange topische Fluoridierung (mittels Applikatorschiene).
- Schleimhautretraktor: Eingliederung bei metallischen oder Zirkonoxid-Restaurationen zur Vermeidung lokaler Dosisüberhöhungen.
Kautelen bei Kieferoperationen (lebenslang)
Operative Eingriffe nach Bestrahlung erfordern strenge Schutzmaßnahmen:
- Antibiotikaprophylaxe: Amoxicillin 1-2 g (oder bei Penicillinallergie Clindamycin 0,6 g) mind. 60 Minuten vor OP.
- Atraumatische Operation mit sparsamer Periost-Denudierung.
- Modellierende Osteotomie und primär plastische Deckung.
Diagnostik
Die Früherkennung basiert auf der klinischen Inspektion. Bei Verdacht auf eine manifeste IORN ist eine dreidimensionale Bildgebung zur Therapieplanung erforderlich.
| Diagnostik-Tool | Stellenwert & Empfehlung |
|---|---|
| Klinik | Inspektion, Palpation, Sensibilitätsprüfung, Labor (CRP, Leukozyten) |
| Bildgebung | CT oder MRT werden gegenüber der DVT bevorzugt (bessere Weichgewebsbeurteilung und Infektionsausdehnung) |
| Histologie | Obligatorisch zum Ausschluss eines malignen Geschehens (Rezidiv/Metastase) |
Therapie
Die Behandlung gehört in die Hände spezialisierter Behandler. Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) sowie alternative Verfahren (Ozon, PRP) sollen außerhalb klinischer Studien nicht eingesetzt werden.
| Therapiestufe | Indikation | Maßnahmen |
|---|---|---|
| Konservativ / Minimalinvasiv | Umschriebene Befunde | Lokale Antiseptik, Schmerztherapie, systemische Antibiotika, umschriebene Nekrosektomie mit lokaler plastischer Deckung |
| Operativ | Fortgeschrittene Befunde | Zeitnahe Resektion unter strengen Kautelen, primär plastische Deckung, ggf. mikrovaskuläre Rekonstruktion |
Antibiotikatherapie: Kalkuliert anaerobier-wirksam (z. B. Amoxicillin + Clavulansäure), idealerweise angepasst nach mikrobiologischer Untersuchung und Antibiogramm.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Patienten nach Kopf-Hals-Bestrahlung lebenslang operative Kiefereingriffe (wie Zahnextraktionen) nur unter strengen Kautelen durch: systemische Antibiotikaprophylaxe (z.B. Amoxicillin 1-2g), atraumatische Technik und primär plastische Deckung.