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Infizierte Osteoradionekrose (IORN): Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die IORN ist eine schwerwiegende Komplikation nach Kopf-Hals-Bestrahlung, gekennzeichnet durch über 3-6 Monate freiliegenden, infizierten Kieferknochen.
  • Vor jeder Strahlentherapie ist eine zahnärztliche Vorstellung inklusive radiologischer Bildgebung des Kiefers obligatorisch.
  • Erhaltungswürdige Zähne sollen vor der Bestrahlung nicht prophylaktisch entfernt werden.
  • Kieferoperationen nach Bestrahlung erfordern lebenslang strenge Kautelen (systemische Antibiotikaprophylaxe, primär plastische Deckung).
  • Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) soll außerhalb klinischer Studien nicht zur Behandlung eingesetzt werden.
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Hintergrund

Die infizierte Osteoradionekrose (IORN) der Kiefer ist eine schwerwiegende Langzeitkomplikation nach hochenergetischer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich. Sie ist definiert als Devaskularisation und Devitalisierung des Kieferknochens mit konsekutiver Superinfektion durch ortsständige Keime der Mundhöhle. Eine antiresorptive Medikation (z. B. Bisphosphonate, Denosumab) darf anamnestisch nicht vorliegen.

Das klinische Leitsymptom ist der langfristig (3 bis 6 Monate) inspektorisch oder sondenpalpatorisch freiliegende, avitale Kieferknochen.

Risikofaktoren

Das Risiko für eine IORN ist im Unterkiefer deutlich höher als im Oberkiefer. Die Risikofaktoren werden in zwei Hauptkategorien unterteilt:

KategorieSpezifische Risikofaktoren
Patient & ErkrankungMännliches Geschlecht, schlechte Mundhygiene, Prothesendruckstellen, Tumorlokalisation (Mundhöhle, Zunge, Unterkiefer), persistierender Alkohol- und Nikotinkonsum
TherapiebedingtTumorresektion mit Osteotomie, periradiotherapeutische Zahnextraktionen, hohe Gesamtdosis (>40-50 Gy)

Prophylaxe vor Strahlentherapie

Vor Beginn der Strahlentherapie muss jeder Patient (auch der zahnlose) zahnärztlich vorgestellt werden. Eine radiologische Bildgebung des Kiefers ist obligatorisch. Die Zahnsanierung sollte zeitnah erfolgen, um die Tumortherapie nicht zu verzögern. Erhaltungswürdige Zähne sollen nicht prophylaktisch entfernt werden.

PatientengruppeEmpfohlene Maßnahme vor Strahlentherapie
Zahnlose Patienten (ohne Wunden/Befunde)Keine weitere Vorbehandlung nach unauffälliger Bildgebung
Konservierend nicht sanierbarer ZahnstatusIndikation zur Totalsanierung
Konservierend therapierbare Karies (Taschen <3mm)Zurückhaltende, risikoadaptierte Zahnsanierung
Keine Karies, sehr gute MundhygieneKeine Zahnsanierung notwendig

Prävention unter und nach Strahlentherapie

Während der Bestrahlung und bis zum Abheilen der Akuttoxizität (ca. 6-8 Wochen danach) soll auf traumatisierende Eingriffe (Extraktionen, Parodontalbehandlungen) verzichtet werden.

  • Mundhygiene: Intensive Pflege und Prothesenkarenz unter Strahlentherapie und bei fortdauernder Mukositis.
  • Fluoridierung: Bei erhaltenem Zahnschmelz lebenslange topische Fluoridierung (mittels Applikatorschiene).
  • Schleimhautretraktor: Eingliederung bei metallischen oder Zirkonoxid-Restaurationen zur Vermeidung lokaler Dosisüberhöhungen.

Kautelen bei Kieferoperationen (lebenslang)

Operative Eingriffe nach Bestrahlung erfordern strenge Schutzmaßnahmen:

  • Antibiotikaprophylaxe: Amoxicillin 1-2 g (oder bei Penicillinallergie Clindamycin 0,6 g) mind. 60 Minuten vor OP.
  • Atraumatische Operation mit sparsamer Periost-Denudierung.
  • Modellierende Osteotomie und primär plastische Deckung.

Diagnostik

Die Früherkennung basiert auf der klinischen Inspektion. Bei Verdacht auf eine manifeste IORN ist eine dreidimensionale Bildgebung zur Therapieplanung erforderlich.

Diagnostik-ToolStellenwert & Empfehlung
KlinikInspektion, Palpation, Sensibilitätsprüfung, Labor (CRP, Leukozyten)
BildgebungCT oder MRT werden gegenüber der DVT bevorzugt (bessere Weichgewebsbeurteilung und Infektionsausdehnung)
HistologieObligatorisch zum Ausschluss eines malignen Geschehens (Rezidiv/Metastase)

Therapie

Die Behandlung gehört in die Hände spezialisierter Behandler. Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) sowie alternative Verfahren (Ozon, PRP) sollen außerhalb klinischer Studien nicht eingesetzt werden.

TherapiestufeIndikationMaßnahmen
Konservativ / MinimalinvasivUmschriebene BefundeLokale Antiseptik, Schmerztherapie, systemische Antibiotika, umschriebene Nekrosektomie mit lokaler plastischer Deckung
OperativFortgeschrittene BefundeZeitnahe Resektion unter strengen Kautelen, primär plastische Deckung, ggf. mikrovaskuläre Rekonstruktion

Antibiotikatherapie: Kalkuliert anaerobier-wirksam (z. B. Amoxicillin + Clavulansäure), idealerweise angepasst nach mikrobiologischer Untersuchung und Antibiogramm.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie bei Patienten nach Kopf-Hals-Bestrahlung lebenslang operative Kiefereingriffe (wie Zahnextraktionen) nur unter strengen Kautelen durch: systemische Antibiotikaprophylaxe (z.B. Amoxicillin 1-2g), atraumatische Technik und primär plastische Deckung.

Häufig gestellte Fragen

Ein über 3 bis 6 Monate inspektorisch oder sondenpalpatorisch freiliegender, avitaler Kieferknochen nach stattgehabter Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich.
CT oder MRT werden aufgrund der besseren Weichgewebsbeurteilung und Darstellung der Infektionsausdehnung gegenüber der DVT (Digitale Volumentomographie) bevorzugt.
Nein, laut Leitlinie soll die HBO außerhalb klinischer Studien nicht zur Therapie der IORN eingesetzt werden, da die Evidenz unzureichend ist und Nebenwirkungen drohen.
Amoxicillin (1-2 g) oder bei Penicillinallergie Clindamycin (0,6 g). Die Einnahme sollte mindestens 60 Minuten vor der Operation beginnen.
Nein. Erhaltungswürdige Zähne und verlagerte Zähne ohne Hinweis auf Schlupfwinkelinfektionen sollen nicht prophylaktisch entfernt werden.

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