Zahnimplantate bei Antiresorptiva: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Vor jeder Implantation muss das individuelle Osteonekroserisiko (Grunderkrankung, Medikation) evaluiert werden.
- •Die Bestimmung des Knochenmarkers CTX wird zur Risikoeinschätzung nicht empfohlen.
- •Eine perioperative systemische Antibiotikaprophylaxe ist bei der Implantation zwingend erforderlich.
- •Kieferaugmentationen sollten vermieden oder nur unter strengster Indikationsprüfung durchgeführt werden.
- •Implantate können das Osteonekroserisiko senken, indem sie schleimhautgetragene Prothesendruckstellen vermeiden.
Hintergrund
Patienten unter antiresorptiver Therapie (Bisphosphonate, Denosumab) weisen ein erhöhtes Risiko für eine Medikamenten-assoziierte Kiefernekrose (BP-ONJ) auf. Diese wird häufig durch lokale Faktoren wie Parodontitis, Zahnextraktionen oder Prothesendruckstellen getriggert. Die implantologische Versorgung befindet sich hier in einem Spannungsfeld: Einerseits stellt der operative Eingriff der Implantation ein potenzielles Risiko dar, andererseits können Implantate durch die Vermeidung von tegumental getragenem Zahnersatz (und damit von Prothesendruckstellen) das Nekroserisiko senken.
Risikoevaluation vor Implantation
Vor jeder geplanten Implantation soll das individuelle Osteonekroserisiko evaluiert werden. Wichtige Einflussfaktoren sind:
| Risikofaktor | Relevante Parameter |
|---|---|
| Grunderkrankung | Maligne Erkrankung (hohes Risiko) vs. Osteoporose (niedrigeres Risiko) |
| Antiresorptiva | Applikationsart (i.v. vs. oral), Dauer und Frequenz der Gabe |
| Begleittherapien | Hormon-, Immun-, Antikörper-, Chemo- oder antiangiogenetische Therapie, Kopf-Hals-Bestrahlung |
| Anamnese | Vorausgegangene Osteonekrose der Kiefer |
Zudem sollen klinische und radiologische Befunde erhoben werden, die auf eine Kompromittierung des Knochenumbaus hinweisen (z. B. persistierende Alveolen oder scharfe Knochenkanten nach Extraktionen).
Wichtig: Die Bestimmung des Knochenmarkers CTX (C-terminales Telopeptid) zur Beurteilung des Risikos sollte nicht erfolgen, da die klinische Relevanz wissenschaftlich nicht erwiesen ist.
Indikationsstellung
Die Entscheidung für oder gegen ein Implantat muss individuell abgewogen werden. Die Leitlinie definiert klare Kriterien, die in die Entscheidungsfindung einfließen:
| Für ein Implantat sprechen | Gegen ein Implantat sprechen |
|---|---|
| Niedriges Osteonekroserisiko | Hohes Osteonekroserisiko |
| Keine Osteonekrose in der Eigenanamnese | Bestehende oder vorausgegangene Osteonekrose |
| Gute onkologische Prognose | Schlechte onkologische Prognose |
| Keine Infektionsherde | Bestehende Infektionsherde |
| Gutes "bone remodeling" (klinisch/radiologisch) | Schlechtes "bone remodeling" (persistierende Alveolen) |
| Gute Compliance und Mundhygiene | Schlechte Compliance und Mundhygiene |
| Vermeidung von Prothesendruckstellen | Keine Vermeidung von Prothesendruckstellen |
| Keine Augmentation erforderlich | Notwendigkeit einer Kieferaugmentation |
Kieferaugmentationen gehen mit erhöhten Anforderungen an das knöcherne Empfängergewebe einher und sollten vermieden oder einer besonders strengen Indikationsprüfung unterzogen werden.
Perioperatives Management
- Antibiotikaprophylaxe: Eine perioperative systemische Antibiotika-Prophylaxe soll bei der Implantation stattfinden.
- Absetzen der Medikation (Drug Holiday): Es gibt keine belastbaren Daten für den Nutzen eines zeitweiligen Absetzens der Antiresorptiva. Es kann daher keine Empfehlung abgeleitet werden.
- Sanierung: Notwendige zahnärztliche Eingriffe zur Sanierung von Infekten sollen vor der Implantation durchgeführt werden.
Chirurgisches und prothetisches Vorgehen
Für die sub- oder transgingivale Einheilung kann keine eindeutige Empfehlung gegeben werden. Da die Knochenumbau- und Neubildungsrate unter Antiresorptiva verringert ist, kann dies ein Argument für eine verlängerte Einheilzeit bis zur Belastung sein.
Ein primäres Ziel der prothetischen Versorgung ist die Reduktion der Schleimhautbelastung. Bei ausreichender Implantatanzahl ist ein rein implantatgetragener Zahnersatz sinnvoll, um Prothesendruckstellen zu vermeiden.
Nachsorge
Patienten unter oder nach antiresorptiver Therapie mit Implantaten sollen in eine risikoadaptierte Nachsorge (Recall) aufgenommen werden. Bei periimplantären Infektionen muss umgehend eine Therapie eingeleitet werden, da entzündliche Prozesse Hauptauslöser einer Kiefernekrose sind.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf die Bestimmung des CTX-Wertes zur Risikoeinschätzung, da dieser keine klinische Relevanz besitzt. Achten Sie stattdessen auf klinische Zeichen eines gestörten Knochenumbaus (z.B. persistierende Alveolen) und führen Sie Implantationen stets unter systemischer Antibiotikaprophylaxe durch.