Odontogene Infektionen: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Odontogene Infektionen werden in Infiltrate, lokale Infektionen und Infektionen mit Ausbreitungstendenz unterteilt.
- •Bei lokalen Infektionen mit Eiterabfluss und ohne Risikofaktoren soll auf Antibiotika verzichtet werden.
- •Infektionen mit Ausbreitungstendenz erfordern eine umgehende chirurgische Therapie und stationäre Überwachung.
- •Mittel der Wahl für die empirische Antibiose sind Penicillin oder Amoxicillin; bei Allergie Clindamycin.
- •Bei schweren Komplikationen ist ein Aminopenicillin mit Betalaktamase-Inhibitor indiziert.
Hintergrund
Odontogene Infektionen entstehen durch bakterielle Entzündungen, die von den Zähnen oder dem Zahnhalteapparat ausgehen. Die bakterielle Flora besteht meist aus einer Mischflora von aeroben und anaeroben Erregern (z.B. Viridans-Streptokokken, Prevotella spp., Peptostreptococcus spp.).
Die Leitlinie teilt odontogene Infektionen in folgende Stadien ein:
| Stadium | Beschreibung | Beispiele |
|---|---|---|
| Lokale Infektion | Infiltrat oder lokal begrenzte Infektion ohne Ausbreitung | Apikale Parodontitis, parodontaler Abszess, submuköser Abszess |
| Mit Ausbreitungstendenz | Infektion breitet sich in benachbarte Logen aus | Submandibulärer, buccaler oder pterygomandibulärer Logenabszess |
| Mit Komplikationen | Lokale oder systemische Folgen der Ausbreitung | Osteomyelitis, Sinusitis, Sepsis, Mediastinitis, Hirnabszess |
Patienteneigene Risikofaktoren (z.B. Diabetes mellitus, Immunsuppression, Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich) können den Verlauf verschleiern und das Risiko für Komplikationen erhöhen.
Diagnostik
Neben der allgemeinen und speziellen Anamnese erfolgt eine extra- und enorale Untersuchung. Bei Verdacht auf eine Ausbreitungstendenz muss auf spezifische Warnzeichen geachtet werden:
| Klinisches Zeichen | Bedeutung |
|---|---|
| Mundöffnungseinschränkung | Hinweis auf Logenbeteiligung (z.B. pterygomandibulär) |
| Schluckbeschwerden / Atemnot | Gefahr der Atemwegsverlegung, angehobener Mundboden |
| Extraorale Schwellung | Unterkieferrand nicht mehr durchtastbar |
| Kloßige Sprache | Hinweis auf pharyngeale oder sublinguale Ausbreitung |
| Fieber / Exsikkose | Systemische Beteiligung |
Zur bildgebenden Diagnostik sollte im Verlauf eine radiologische Untersuchung erfolgen. Bei Ausbreitungstendenz kann eine Ultraschalluntersuchung ergänzt werden. Bei fehlender Besserung ist eine weiterführende Bildgebung (CT, DVT, MRT) indiziert (Empfehlungsgrad 0).
Therapie ohne Ausbreitungstendenz
Die Basistherapie besteht aus der chirurgischen Entlastung und der Beseitigung der Ursache.
- Drainage: Trepanation, Inzision oder Scaling/Kürettage. In die Inzisionswunde sollte eine Drainage eingelegt werden.
- Ursachenbeseitigung: Zeitgleich oder im Therapieverlauf.
- Antibiotikagabe:
- Handelt es sich um ein Infiltrat (kein Pus), kann eine Antibiotikatherapie erfolgen.
- Entleert sich Pus, soll auf eine Antibiotikatherapie verzichtet werden, sofern keine allgemeinmedizinischen Risikofaktoren bestehen (Empfehlungsgrad A).
Therapie mit Ausbreitungstendenz
Bei einer Ausbreitungstendenz ist ein sofortiges und aggressiveres Vorgehen erforderlich:
- Chirurgie: Umgehende chirurgische Therapie einleiten (Empfehlungsgrad A), ggf. in Allgemeinanästhesie.
- Überwachung: Stationäre Aufnahme zur Überwachung von Klinik (Mundöffnung, Temperatur) und Labor (CRP, Leukozyten) wird empfohlen.
- Antibiotika: Unverzügliche Einleitung einer systemischen Antibiose (Empfehlungsgrad B).
| Wirkstoff | Indikation | Evidenz / Empfehlung |
|---|---|---|
| Penicillin / Amoxicillin | Empirische Therapie der Wahl | Empfehlungsgrad B |
| Clindamycin | Bei Penicillinallergie | Empfehlungsgrad 0 |
| Aminopenicillin + Betalaktamaseinhibitor | Bei Komplikationen oder Vorbehandlung | Empfehlungsgrad A |
Komplikationen und Nachsorge
Bei vital bedrohlicher Ausbreitung (z.B. intrakraniell, Mediastinum) soll frühzeitig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit angestrebt werden. Intraoperativ kann ein Abstrich zur Erregerdiagnostik entnommen werden, um die Antibiose bei Bedarf nach Antibiogramm anzupassen.
Für die Nachsorge gilt:
- Regelmäßige und engmaschige Kontrollen bis zum Abklingen der Symptome.
- Bei ambulanten Patienten sollte der Drain spätestens jeden zweiten bis dritten Tag gewechselt werden.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei unkomplizierten, lokal begrenzten Abszessen mit erfolgreicher Eiterentlastung auf eine routinemäßige Antibiotikagabe. Achten Sie bei der Untersuchung stets auf Warnzeichen wie Schluckbeschwerden oder eine kloßige Sprache, die eine sofortige stationäre Einweisung erfordern.