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Odontogene Infektionen: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Odontogene Infektionen werden in Infiltrate, lokale Infektionen und Infektionen mit Ausbreitungstendenz unterteilt.
  • Bei lokalen Infektionen mit Eiterabfluss und ohne Risikofaktoren soll auf Antibiotika verzichtet werden.
  • Infektionen mit Ausbreitungstendenz erfordern eine umgehende chirurgische Therapie und stationäre Überwachung.
  • Mittel der Wahl für die empirische Antibiose sind Penicillin oder Amoxicillin; bei Allergie Clindamycin.
  • Bei schweren Komplikationen ist ein Aminopenicillin mit Betalaktamase-Inhibitor indiziert.
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Hintergrund

Odontogene Infektionen entstehen durch bakterielle Entzündungen, die von den Zähnen oder dem Zahnhalteapparat ausgehen. Die bakterielle Flora besteht meist aus einer Mischflora von aeroben und anaeroben Erregern (z.B. Viridans-Streptokokken, Prevotella spp., Peptostreptococcus spp.).

Die Leitlinie teilt odontogene Infektionen in folgende Stadien ein:

StadiumBeschreibungBeispiele
Lokale InfektionInfiltrat oder lokal begrenzte Infektion ohne AusbreitungApikale Parodontitis, parodontaler Abszess, submuköser Abszess
Mit AusbreitungstendenzInfektion breitet sich in benachbarte Logen ausSubmandibulärer, buccaler oder pterygomandibulärer Logenabszess
Mit KomplikationenLokale oder systemische Folgen der AusbreitungOsteomyelitis, Sinusitis, Sepsis, Mediastinitis, Hirnabszess

Patienteneigene Risikofaktoren (z.B. Diabetes mellitus, Immunsuppression, Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich) können den Verlauf verschleiern und das Risiko für Komplikationen erhöhen.

Diagnostik

Neben der allgemeinen und speziellen Anamnese erfolgt eine extra- und enorale Untersuchung. Bei Verdacht auf eine Ausbreitungstendenz muss auf spezifische Warnzeichen geachtet werden:

Klinisches ZeichenBedeutung
MundöffnungseinschränkungHinweis auf Logenbeteiligung (z.B. pterygomandibulär)
Schluckbeschwerden / AtemnotGefahr der Atemwegsverlegung, angehobener Mundboden
Extraorale SchwellungUnterkieferrand nicht mehr durchtastbar
Kloßige SpracheHinweis auf pharyngeale oder sublinguale Ausbreitung
Fieber / ExsikkoseSystemische Beteiligung

Zur bildgebenden Diagnostik sollte im Verlauf eine radiologische Untersuchung erfolgen. Bei Ausbreitungstendenz kann eine Ultraschalluntersuchung ergänzt werden. Bei fehlender Besserung ist eine weiterführende Bildgebung (CT, DVT, MRT) indiziert (Empfehlungsgrad 0).

Therapie ohne Ausbreitungstendenz

Die Basistherapie besteht aus der chirurgischen Entlastung und der Beseitigung der Ursache.

  • Drainage: Trepanation, Inzision oder Scaling/Kürettage. In die Inzisionswunde sollte eine Drainage eingelegt werden.
  • Ursachenbeseitigung: Zeitgleich oder im Therapieverlauf.
  • Antibiotikagabe:
    • Handelt es sich um ein Infiltrat (kein Pus), kann eine Antibiotikatherapie erfolgen.
    • Entleert sich Pus, soll auf eine Antibiotikatherapie verzichtet werden, sofern keine allgemeinmedizinischen Risikofaktoren bestehen (Empfehlungsgrad A).

Therapie mit Ausbreitungstendenz

Bei einer Ausbreitungstendenz ist ein sofortiges und aggressiveres Vorgehen erforderlich:

  • Chirurgie: Umgehende chirurgische Therapie einleiten (Empfehlungsgrad A), ggf. in Allgemeinanästhesie.
  • Überwachung: Stationäre Aufnahme zur Überwachung von Klinik (Mundöffnung, Temperatur) und Labor (CRP, Leukozyten) wird empfohlen.
  • Antibiotika: Unverzügliche Einleitung einer systemischen Antibiose (Empfehlungsgrad B).
WirkstoffIndikationEvidenz / Empfehlung
Penicillin / AmoxicillinEmpirische Therapie der WahlEmpfehlungsgrad B
ClindamycinBei PenicillinallergieEmpfehlungsgrad 0
Aminopenicillin + BetalaktamaseinhibitorBei Komplikationen oder VorbehandlungEmpfehlungsgrad A

Komplikationen und Nachsorge

Bei vital bedrohlicher Ausbreitung (z.B. intrakraniell, Mediastinum) soll frühzeitig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit angestrebt werden. Intraoperativ kann ein Abstrich zur Erregerdiagnostik entnommen werden, um die Antibiose bei Bedarf nach Antibiogramm anzupassen.

Für die Nachsorge gilt:

  • Regelmäßige und engmaschige Kontrollen bis zum Abklingen der Symptome.
  • Bei ambulanten Patienten sollte der Drain spätestens jeden zweiten bis dritten Tag gewechselt werden.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei unkomplizierten, lokal begrenzten Abszessen mit erfolgreicher Eiterentlastung auf eine routinemäßige Antibiotikagabe. Achten Sie bei der Untersuchung stets auf Warnzeichen wie Schluckbeschwerden oder eine kloßige Sprache, die eine sofortige stationäre Einweisung erfordern.

Häufig gestellte Fragen

Bei Infiltraten ohne Eiterabfluss, bei Ausbreitungstendenz oder bei Patienten mit schweren systemischen Risikofaktoren. Bei lokaler Eiterentleerung ohne Risikofaktoren soll kein Antibiotikum gegeben werden.
Für die empirische Therapie werden Penicillin oder Amoxicillin empfohlen. Bei Penicillinallergie kann Clindamycin eingesetzt werden.
Typische Zeichen sind Kieferklemme, Schluckbeschwerden, Atemnot, kloßige Sprache, Fieber und eine extraorale Schwellung (z.B. nicht mehr durchtastbarer Unterkieferrand).
Bei ambulant geführten Patienten sollte die eingelegte Drainage spätestens jeden zweiten bis dritten Tag gewechselt werden.
Bei Komplikationen mit Ausbreitungstendenz ist ein Aminopenicillin mit Betalaktamase-Inhibitor (z.B. Amoxicillin/Clavulansäure) das Mittel der Wahl.

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