Hypoparathyreoidismus: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Hypoparathyreoidismus (HypoPT) ist durch verminderte Parathormonsekretion mit Hypokalzämie und Hyperphosphatämie gekennzeichnet.
- •Pseudohypoparathyreoidismus (PHypoPT) beruht auf einer Parathormon-Resistenz, oft kombiniert mit weiteren Hormonresistenzen.
- •Die Dauertherapie erfolgt primär oral mit aktivem Vitamin D (Calcitriol/Alfacalcidol) und Calcium.
- •Bei autosomal dominanter Hypokalzämie (ADH) sollte nur bei klinischen Symptomen therapiert werden, um eine Nephrokalzinose zu vermeiden.
- •Die Akuttherapie einer schweren Hypokalzämie erfolgt intravenös mit Calciumglukonat 10 %.
Hintergrund
Unter dem Begriff Hypoparathyreoidismus (HypoPT) werden Störungen des Kalzium-Phosphatstoffwechsels zusammengefasst. Sie sind durch eine verminderte Parathormonsekretion (PTH) sowie eine konsekutive Hypokalzämie und/oder Hyperphosphatämie gekennzeichnet. Ursachen können Traumata, Tumoren, Strumektomien oder hereditäre Syndrome (z. B. Mikrodeletionssyndrom 22q11.2, APECED-Syndrom) sein.
Vom HypoPT ist der Pseudohypoparathyreoidismus (PHypoPT) abzugrenzen. Hierbei werden Hypokalzämie und Hyperphosphatämie nicht durch einen PTH-Mangel, sondern durch eine verminderte PTH-Wirkung (PTH-Resistenz) verursacht. Dies führt reaktiv zu erhöhten PTH-Konzentrationen. PHypoPT gehört zur Gruppe der inaktivierenden PTH/PTHrP-Signalerkrankungen (iPPSD).
Leitsymptome
Die Symptomatik variiert je nach Ursache und Ausprägung stark:
| Erkrankung | Typische Symptome |
|---|---|
| HypoPT (allgemein) | Tetanie, zerebrale Krampfanfälle, intrakranielle Verkalkungen, Katarakt, Zahnanomalien, Alopezie |
| PHypoPT (iPPSD) | PTH-Resistenz (oft erst in späterer Kindheit), weitere Hormonresistenzen (TSH, GHRH), Adipositas, Kleinwuchs, Brachydaktylie, subkutane Ossifikationen, kognitive Verzögerung |
| APECED-Syndrom | Nebenniereninsuffizienz, mukokutane Candidiasis, HypoPT |
| Autosomal dominante Hypokalzämie (ADH) | Oft asymptomatisch (Zufallsbefund), Muskelkrämpfe, ggf. Nephrokalzinose |
Diagnostik
Die Diagnostik zielt auf den Nachweis der Hypokalzämie und der fehlenden PTH-Sekretion bzw. -Wirkung ab.
Basislabor:
- Serum: Kalzium, Phosphat, alkalische Phosphatase, intaktes PTH, Magnesium, Kreatinin
- Urin: Kalzium/Kreatinin-Quotient
Erweiterte Diagnostik bei PHypoPT: Da beim PHypoPT weitere Endokrinopathien auftreten können, ist eine zusätzliche Abklärung erforderlich:
| Achse | Diagnostik |
|---|---|
| Wachstumshormon | GHRH-Resistenz prüfen (GH-Stimulationstest, ggf. GH-Nachtprofil) |
| Schilddrüse | TSH, fT3, fT4 (bei Hypothyreose: Antikörper, Sonografie) |
| Gonaden | Abklärung eines Hypogonadismus (besonders bei Adoleszenten/Erwachsenen) |
Die Bestätigung der Diagnose erfolgt molekulargenetisch (z. B. Gen-Panel, MLPA, FISH).
Therapie
Im Gegensatz zu anderen Hormonmangelzuständen wird beim HypoPT in der Regel nicht das fehlende Hormon substituiert. Rekombinantes PTH ist bei Kindern nur als Ultima Ratio im Off-Label-Use zu erwägen.
Medikamentöse Dauertherapie
| Wirkstoff | Dosierung | Indikation | Therapieziel |
|---|---|---|---|
| Calcitriol / Alfacalcidol | 15-40 ng/kg/Tag (oral, 1-2 ED) | HypoPT & PHypoPT | HypoPT: Serum-Kalzium im unteren Referenzbereich. PHypoPT: Kalzium/Phosphat normal, PTH zwischen mittlerem Normbereich und 2-fach erhöht. |
| Calcium (oral) | 20-30 mg/kg/Tag (max. 1500 mg, 2-3 ED) | HypoPT & PHypoPT | Vermeidung von Hyperkalziurie/Hyperkalzämie (Gefahr der Nephrokalzinose). |
Hinweis zur ADH: Bei der autosomal dominanten Hypokalzämie sollte eine medikamentöse Therapie nur bei klinischen Symptomen erfolgen, da die Calciumsubstitution das Risiko einer Nephrokalzinose erhöht.
Akuttherapie
Bei schwerer Hypokalzämie erfolgt die Gabe von Calciumglukonat 10 % (1-2 ml/kg KG) als langsame intravenöse Infusion. Aufgrund der Gefahr von Gewebsnekrosen ist die orale Gabe wann immer möglich vorzuziehen.
Follow-up bei Pseudohypoparathyreoidismus
Aufgrund der hohen Variabilität ist eine lebenslange multidisziplinäre Betreuung notwendig:
- Labor (Ca, PO4, PTH, 25-OH-Vit D, TSH, fT3, fT4, Urin-Ca/Crea): Kinder alle 3-6 Monate, Erwachsene 1x jährlich.
- Apparativ: Nierensonografie alle 6-12 Monate bei Hyperkalziurie.
- Zusätzlich: Jährliche ophthalmologische und zahnärztliche Kontrollen, psychologische Diagnostik bei Bedarf.
💡Praxis-Tipp
Bevorzugen Sie die orale Calciumsubstitution gegenüber der intravenösen Gabe, da bei i.v.-Gabe von Calciumglukonat ein hohes Risiko für Gewebsnekrosen besteht. Therapieren Sie eine autosomal dominante Hypokalzämie (ADH) nur bei klinischen Symptomen.