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ADH-Mangel bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Der Begriff 'Diabetes insipidus centralis' wird durch die neue Nomenklatur 'ADH-Mangel' ersetzt.
  • Die Diagnose erfolgt primär über die Bestimmung von Copeptin (basal und stimuliert); der fehleranfällige Durstversuch ist im Kindesalter nicht mehr indiziert.
  • Goldstandard der Bildgebung ist das Schädel-MRT, typischerweise zeigt sich ein fehlendes hyperintenses T1-Signal der Neurohypophyse.
  • Mittel der Wahl zur Therapie ist Desmopressin, wobei die orale Gabe (Tablette oder Lyophilisat) bevorzugt werden soll.
  • Die Dosisfindung von Desmopressin erfolgt individuell nach Symptomkontrolle und nicht starr nach Alter oder Gewicht.
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Hintergrund

Nach neuer Nomenklatur wird der Diabetes insipidus centralis als ADH-Mangel (Anti-Diuretisches Hormon-Mangel) bezeichnet. Er entsteht durch eine verminderte Produktion, gestörten Transport oder unzureichende Sekretion von ADH. Leitsymptome sind die Polyurie und eine konsekutive Polydipsie. Fehlt eine Nykturie, ist ein ADH-Mangel nahezu ausgeschlossen.

AlterDefinition der Polyurie
Neugeborene>150 ml/kg/24h
Säuglinge & Kleinkinder>100-110 ml/kg/24h
Schulkinder & Jugendliche>40-50 ml/kg/24h
Perioperativ>4-5 ml/kg/h (in 2 aufeinanderfolgenden Stunden)

Ätiologie

Der ADH-Mangel wird in über 90 % der Fälle erworben. Zu den häufigsten Ursachen zählen ZNS-Tumoren (z.B. Kraniopharyngeom, Germinom), die Langerhanszell-Histiozytose, neurochirurgische Eingriffe, Traumata oder Infektionen. Angeborene Formen (<10 %) basieren auf ZNS-Fehlbildungen oder genetischen Defekten (z.B. Wolfram-Syndrom). Bei idiopathischen Fällen zeigt sich in der Bildgebung oft eine Hypophysenstielverdickung.

Diagnostik

Die Diagnostik erfordert im Kindesalter meist einen stationären Aufenthalt von mindestens 48 Stunden zur exakten 24h-Bilanzierung.

Urindiagnostik

Das spezifische Gewicht im Urin dient als erster Anhaltspunkt zur Beurteilung der Konzentrationsfähigkeit:

Spez. Gewicht (g/ml)BeurteilungBedeutung
< 1.010HyposthenurieErniedrigt (typisch für ADH-Mangel)
1.010 – 1.030EusthenurieNormal
> 1.030HypersthenurieErhöht

Copeptin-Messung

Die Bestimmung von Copeptin (C-terminaler Bereich des ADH-Prohormons) hat den klassischen Durstversuch abgelöst, da dieser fehleranfällig und potenziell gefährlich ist.

TestverfahrenCut-Off (Kinder/Jugendliche)Interpretation
Basales Copeptin> 21,4 pmol/lSpricht für ADH-Resistenz (renaler Diabetes insipidus)
Arginin-stimuliert< 3,0 pmol/lSpricht für ADH-Mangel
Insulin-stimuliert< 3,0 pmol/lSpricht für ADH-Mangel

Hinweis: Bei basalen Werten < 3,8 pmol/l sollte zur Bestätigung ein Stimulationstest (Arginin) erfolgen.

Bildgebung

Bei bestätigtem ADH-Mangel ist ein Schädel-MRT (mit und ohne Kontrastmittel, Schichtdicke ≤ 1 mm) obligat. Der typische Befund (>94 %) ist das fehlende hyperintense T1-Signal der Neurohypophyse. Zeigt sich eine Hypophysenstielverdickung (>3 mm), sind engmaschige MRT-Verlaufskontrollen und eine erweiterte interdisziplinäre Diagnostik (Tumormarker, Liquordiagnostik) erforderlich.

Therapie

Therapeutikum der Wahl ist synthetisches ADH (Desmopressin). Die orale Gabe wird aufgrund besserer Verträglichkeit und Compliance bevorzugt.

DarreichungsformWirkdauerOrientierungsdosisBemerkung
Oral (Tablette)6-12 h3-8 µg/kg/d in 1-3 EDWirkverlust bei Einnahme mit Essen möglich
Sublingual (Lyophilisat)6-20 h2-5 µg/kg/d in 1-3 EDHöhere Bioverfügbarkeit als Tabletten
Intranasal (Spray)5-21 h5-30 µg/dIm Kindesalter wegen ungünstigerem Sicherheitsprofil nachrangig
i.v. / s.c.2-8 h0,01-1 µg (altersabhängig)Nur in Akutsituationen / perioperativ

Wichtige Therapieprinzipien:

  • Die Einstellung erfolgt einschleichend unter stationären Bedingungen.
  • Die Dosis richtet sich nach Symptomkontrolle (Wohlbefinden, normales Serum-Natrium, keine Nykturie), nicht nach starren Gewichtsvorgaben.
  • Bei erhaltenem Durstgefühl soll ein uneingeschränkter Zugang zu Wasser ("ad libitum") gewährt werden.

Risiken und Besonderheiten

  • Überdosierung: Führt zur hyponatriämischen Hyperhydratation (Wasserintoxikation). Symptome: Kopfschmerzen, Erbrechen, Somnolenz, Krampfanfälle.
  • Unterdosierung: Führt zur hypernatriämischen Dehydratation. Gefahr des osmotischen Demyelinisierungssyndroms.
  • Säuglinge (<6 Monate): Erhöhtes Risiko für Hyponatriämie aufgrund der hohen obligaten Flüssigkeitsaufnahme durch Milchnahrung. Engmaschiges Monitoring ist zwingend.

💡Praxis-Tipp

Ein unbehandelter Glukokortikoidmangel oder eine Hypothyreose können einen ADH-Mangel maskieren. Stellen Sie den ADH-Mangel erst nach adäquater Therapie dieser Begleiterkrankungen ein. Verzichten Sie auf den klassischen Durstversuch und nutzen Sie stattdessen die Copeptin-Diagnostik.

Häufig gestellte Fragen

Eine Polyurie liegt vor bei >2000 ml/m²/24h. Altersabhängig gelten folgende Werte: Neugeborene >150 ml/kg/24h, Säuglinge/Kleinkinder >100-110 ml/kg/24h und Schulkinder >40-50 ml/kg/24h.
Die Bestimmung von Copeptin (basal sowie Arginin- oder Insulin-stimuliert) ist der neue Standard. Der Durstversuch wird aufgrund geringer Sensitivität und hoher Risiken nicht mehr routinemäßig empfohlen.
Im Schädel-MRT zeigt sich typischerweise ein fehlendes hyperintenses T1-Signal der Neurohypophyse.
Die Dosierung erfolgt nicht starr nach Alter oder Gewicht, sondern wird individuell einschleichend titriert. Ziel ist die Symptomkontrolle (normales Serum-Natrium, altersentsprechende Diurese, keine Nykturie).
Die orale Gabe (Tablette oder Lyophilisat/Schmelztablette) wird bevorzugt, da sie eine zuverlässigere Absorption, weniger Komplikationen und eine bessere Compliance als das Nasenspray bietet.

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