Antibiotic Stewardship (ABS): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein multidisziplinäres ABS-Team benötigt mindestens 1 Vollzeitäquivalent pro 500 Akutbetten.
- •Lokale Behandlungsleitlinien und Antiinfektivalisten bilden die Basis für ein rationales Verordnungsverhalten.
- •ABS-Visiten mit direkter Interaktion und fallspezifischer Beratung sind hochwirksam zur Therapieoptimierung.
- •Eine Therapiereevaluation (De-Eskalation) soll nach 48-72 Stunden anhand klinischer und mikrobiologischer Befunde erfolgen.
Hintergrund
Die zunehmende Resistenzentwicklung und der Mangel an neuen Antibiotika erfordern eine rationale Antiinfektiva-Anwendung. Antibiotic Stewardship (ABS) zielt darauf ab, die Verordnungsqualität zu verbessern, um beste klinische Behandlungsergebnisse bei minimaler Toxizität zu erreichen. ABS-Programme reduzieren nachweislich den unkritischen Antibiotikaeinsatz, verkürzen die Liegedauer und senken Kosten, ohne die Sterblichkeit negativ zu beeinflussen.
Voraussetzungen für ABS-Programme
Die erfolgreiche Umsetzung erfordert ein multidisziplinäres ABS-Team mit formalem Mandat der Klinikleitung. Die personelle Ausstattung soll mindestens 1 Vollzeitäquivalent pro 500 Akutbetten betragen.
| Fachdisziplin | Rolle und Aufgaben im ABS-Team |
|---|---|
| Infektiologe / ABS-Arzt | Teamleitung, klinische Beurteilung, Konsiliardienst, Erstellung lokaler Leitlinien |
| Apotheker (ABS-fortgebildet) | Antiinfektivaliste, Verbrauchs-Surveillance, Freigaberegelungen, Dosisindividualisierung |
| Mikrobiologe | Erregerstatistik, Antibiogramme, Schnelldiagnostik, Befundinterpretation |
| Krankenhaushygieniker | Surveillance nosokomialer Infektionen, Ausbruchsanalysen, Prävention |
Surveillance und Qualitätsindikatoren
Eine kontinuierliche Datenerhebung ist essenziell, um Schwachstellen zu erkennen und ABS-Maßnahmen zu evaluieren.
| Surveillance-Bereich | Parameter und Darstellung | Empfohlene Häufigkeit |
|---|---|---|
| Erreger & Resistenzen | Erstisolate nach Material, Screening separat | Mindestens 1x jährlich |
| Antibiotikaverbrauch | Tagesdosen (DDD) pro 100 Pflegetage | Mindestens jährlich, besser quartalsweise |
| Verordnungsqualität | Punkt-Prävalenz-Analysen (PPA) | Regelmäßig |
Strategien zur Optimierung des Verordnungsverhaltens
Um das Verordnungsverhalten nachhaltig zu verbessern, empfiehlt die Leitlinie ein Bündel an Maßnahmen:
- Lokale Behandlungsleitlinien: Sollen vom ABS-Team unter Berücksichtigung der lokalen Resistenzlage erstellt und elektronisch verfügbar gemacht werden.
- Antiinfektivaliste: Unterteilt in Standard- und Reserveantibiotika, verabschiedet durch die Arzneimittelkommission.
- Freigaberegelungen: Restriktionen für Reserveantibiotika, gekoppelt an eine kontinuierliche Verbrauchssurveillance.
- ABS-Visiten: Regelmäßige Evaluation verordneter Antibiotika (Indikation, Substanz, Dosis, Dauer) in direkter, persönlicher Interaktion mit den verordnenden Ärzten.
- Fortbildung: Kontinuierliche, interaktive und fallspezifische Beratung ist wirksamer als rein passive Informationsvermittlung.
Strategien zur Therapieoptimierung am Patientenbett
Die Therapiereevaluation (De-Eskalation) ist ein zentraler Baustein und in der Regel nach 48 bis 72 Stunden möglich, sobald erste Befunde vorliegen.
| Maßnahme | Indikation / Voraussetzung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Gezielte Therapie | Nach Erregersicherung: Umstellung von empirisch auf gezielt | A (Starker Konsens) |
| Schmalspektrum | Bei klinischer Besserung ohne Erregersicherung | A (Starker Konsens) |
| Monotherapie | Umstellung einer Kombinationstherapie | A (Starker Konsens) |
| Therapiestopp | Bei fehlender Indikation oder unbestätigter Diagnose | A (Starker Konsens) |
Zusätzlich sollte eine anamnestische Penicillin-Allergie stets überprüft werden (Empfehlungsgrad B), da eine ungesicherte Allergie häufig den Einsatz von Breitspektrum-Antibiotika erzwingt und eine leitliniengerechte De-Eskalation verhindert. Die Therapiedauer sollte durch lokale Leitlinien klar definiert und unnötig lange Behandlungen (z.B. bei perioperativer Prophylaxe) vermieden werden.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie nach 48 bis 72 Stunden routinemäßig eine Therapiereevaluation durch. Hinterfragen Sie zudem jede angegebene Penicillin-Allergie genau, da diese oft nicht IgE-vermittelt ist und eine sinnvolle De-Eskalation blockiert.