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Prophylaxe der venösen Thromboembolie: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Indikation zur VTE-Prophylaxe soll individuell und risikoadaptiert (niedrig, mittel, hoch) erfolgen.
  • Präoperative Laboruntersuchungen wie D-Dimere sollen zur Risikostratifizierung nicht eingesetzt werden.
  • Bei mittlerem und hohem VTE-Risiko soll zwingend eine medikamentöse Prophylaxe durchgeführt werden.
  • Niedermolekulare Heparine (NMH) sollen aufgrund des besseren Nutzen-Risiko-Profils gegenüber unfraktioniertem Heparin (UFH) bevorzugt werden.
  • Bei Kontraindikationen gegen Antikoagulanzien sollen physikalische Maßnahmen (z.B. intermittierende pneumatische Kompression) angewendet werden.
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Hintergrund

Die Inzidenz symptomatischer tiefer Venenthrombosen (TVT) liegt in der Allgemeinbevölkerung bei ca. 0,1 % jährlich. Bei hospitalisierten Patienten steigt dieses Risiko ohne Prophylaxe drastisch an (z.B. 40-60 % bei Hüftfrakturen oder Kniegelenkersatz, bis zu 80 % bei Polytrauma). Ziel der Leitlinie ist eine effektive Prävention unter Abwägung von Nutzen und Blutungsrisiko.

Risikofaktoren und Stratifizierung

Das individuelle VTE-Risiko setzt sich aus expositionellen (z.B. Art und Dauer der OP, Immobilisation) und dispositionellen Faktoren zusammen. Zu den wichtigsten dispositionellen Risikofaktoren zählen:

  • Frühere VTE in der Anamnese
  • Thrombophile Hämostasedefekte
  • Maligne Erkrankungen
  • Höheres Lebensalter (> 60 Jahre)
  • Chronische Herzinsuffizienz
  • Übergewicht (BMI > 30)

Zur klinischen Einschätzung sollte eine Einteilung in drei Risikogruppen erfolgen:

RisikogruppeKlinisches BeispielEmpfohlene Prophylaxe
NiedrigKleine Eingriffe, keine Immobilisation, geringes dispositionelles RisikoBasismaßnahmen, physikalische Maßnahmen (kann)
MittelLängere OP, akute Herzinsuffizienz, Immobilisation im HartverbandMedikamentöse Prophylaxe + Basismaßnahmen
HochGroße Tumor-OPs, Polytrauma, Schlaganfall mit PareseMedikamentöse Prophylaxe + Basismaßnahmen

Diagnostik

Präoperative Laboruntersuchungen (z.B. D-Dimere) sollen zur Risikostratifizierung nicht eingesetzt werden, da sie die Prädiktivität von postoperativen venösen Thromboembolien nicht erhöhen.

Basismaßnahmen und physikalische Prophylaxe

Allgemeine Basismaßnahmen sollten regelmäßig bei allen Patienten zur Anwendung kommen. Dazu gehören:

  • Frühmobilisation
  • Bewegungsübungen (unter Anleitung)
  • Eigenübungen (z.B. Fußwippen)
  • Ausreichende Hydrierung

Physikalische Maßnahmen wie medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS) und die intermittierende pneumatische Kompression (IPK) sollen angewendet werden, wenn Kontraindikationen gegen eine medikamentöse Prophylaxe bestehen. Die IPK zeigt in Studien eine deutlich bessere Datenlage zur Thrombosereduktion als MTPS. Vena-cava-Filter haben in der Regel keinen Einsatzbereich mehr und sind absoluten Ausnahmefällen vorbehalten.

Medikamentöse Prophylaxe

Bei Patienten mit mittlerem und hohem VTE-Risiko soll eine medikamentöse VTE-Prophylaxe durchgeführt werden, sofern keine Kontraindikationen (wie ein hohes Blutungsrisiko) bestehen. Nieren- und Leberfunktion sollen bei der Auswahl berücksichtigt werden.

WirkstoffklasseBeispieleBemerkung / Evidenz
Niedermolekulare Heparine (NMH)Enoxaparin, DalteparinSollen gegenüber UFH bevorzugt werden (besseres Nutzen-Risiko-Profil, weniger HIT II).
Unfraktioniertes Heparin (UFH)HeparinRisiko für HIT II beachten (Thrombozytenkontrolle bis Tag 14 erforderlich).
Direkte orale Antikoagulanzien (NOAK)Rivaroxaban, Apixaban, DabigatranWirksam z.B. bei elektiver Knie-/Hüft-TEP. Kumulationsgefahr bei Niereninsuffizienz beachten.
PentasaccharideFondaparinuxSehr wirksam, aber Kumulationsgefahr bei Niereninsuffizienz (Dosisanpassung bei Clearance 20-50 ml/min).
Heparinoide / ThrombininhibitorenDanaparoid, ArgatrobanMittel der Wahl bei Vorliegen einer Heparin-induzierten Thrombozytopenie (HIT II).
Vitamin-K-AntagonistenPhenprocoumon, WarfarinSelten perioperativ eingesetzt. Ziel-INR liegt bei 2,0 - 3,0. Kontraindiziert ab der 6. Schwangerschaftswoche.
ThrombozytenfunktionshemmerASSSoll zur VTE-Prophylaxe nur in begründeten Einzelfällen eingesetzt werden (nur schwach wirksam).

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie auf die routinemäßige präoperative Bestimmung von D-Dimeren zur Einschätzung des Thromboserisikos. Setzen Sie bei Patienten mit hohem Blutungsrisiko primär auf die intermittierende pneumatische Kompression (IPK) statt auf Medikamente.

Häufig gestellte Fragen

Bei allen Patienten mit mittlerem und hohem VTE-Risiko, sofern keine Kontraindikationen wie ein hohes Blutungsrisiko bestehen.
Niedermolekulare Heparine (NMH) sollen aufgrund des geringeren Risikos für eine HIT II und der besseren Praktikabilität gegenüber unfraktioniertem Heparin (UFH) bevorzugt werden.
Acetylsalicylsäure (ASS) ist zur VTE-Prophylaxe nur schwach wirksam und soll laut Leitlinie nur in begründeten Einzelfällen eingesetzt werden.
Heparine müssen abgesetzt werden. Als medikamentöse Alternativen stehen Danaparoid oder Argatroban zur Verfügung, da diese keine Kreuzreaktion mit HIT-II-Antikörpern aufweisen.
Nein, Vena-cava-Filter haben in der Regel keinen Einsatzbereich mehr und sind nur für absolute Ausnahmefälle vorgesehen, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft oder kontraindiziert sind.

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