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Regionalanästhesie & Antithrombotika: Leitlinie (DGAI)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Vor jeder rückenmarksnahen Punktion muss eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung zwischen Blutungs- und Thromboembolierisiko erfolgen.
  • Die Nierenfunktion (Kreatinin-Clearance) ist essenziell für die Festlegung der Pausierungsintervalle, insbesondere bei DOAKs und NMH.
  • Bei prophylaktischer Antikoagulation gilt bei Nierengesunden meist ein Sicherheitsabstand von zwei Halbwertszeiten vor der Punktion.
  • Therapeutische Antikoagulation sollte in der Regel 4-5 Halbwertszeiten (mindestens 48 Stunden) vor der Punktion pausiert werden.
  • Routinemäßige Gerinnungstests (aPTT, Quick) sind für DOAKs, NMH und Fondaparinux nicht zur Spiegelbestimmung geeignet.
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Hintergrund

Spinale epidurale Hämatome (SEH) sind seltene, aber gefürchtete Komplikationen rückenmarksnaher Regionalanästhesien (Spinal- und Periduralanästhesien). Das Risiko steigt signifikant durch die Einnahme von Antithrombotika, Niereninsuffizienz und Mehrfachpunktionen. Die Entscheidung für ein neuroaxiales Verfahren erfordert stets eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung zwischen dem Risiko ischämischer Komplikationen beim Absetzen und dem Blutungsrisiko unter Therapie.

Risikoevaluation und Scores

Vor einer Punktion müssen das Thromboembolie- und das Blutungsrisiko evaluiert werden. Hierfür empfiehlt die Leitlinie etablierte Scoring-Systeme:

ScoreIndikationParameter/Bedeutung
CHA2DS2-VAScThromboembolierisiko bei VorhofflimmernAb Score ≥ 3 hohes Risiko (≥ 3,2%/Jahr)
HAS-BLEDBlutungsrisiko bei VorhofflimmernAb 2 Faktoren steigt das Risiko signifikant
PRECISE-DAPTBlutungs-/Ischämierisiko unter DAPT≥ 25 Punkte: kurze DAPT; < 25 Punkte: Standard/lang

Allgemeine Faustregeln zur Pausierung

Die Leitlinie definiert Kernregeln für den Umgang mit Antithrombotika im klinischen Alltag:

  • Postoperativer Beginn: Die medikamentöse Thromboseprophylaxe sollte bevorzugt postoperativ begonnen werden.
  • Prophylaktische Dosierung: Bei Nierengesunden gilt ein Sicherheitsabstand von 2 Halbwertszeiten vor der Punktion.
  • Therapeutische Dosierung: Pausierung von 4-5 Halbwertszeiten (mind. 48 Stunden) vor Punktion/Kathetermanipulation.
  • Niereninsuffizienz: Verlängert die Halbwertszeiten erheblich. Die Bestimmung der Kreatinin-Clearance ist obligat.
  • Kombinationstherapien: ASS + Antikoagulanz erfordern längere Pausen (4-5 Halbwertszeiten auch bei Prophylaxe).
  • Postpunktionelle Gabe: Die erste prophylaktische Gabe darf frühestens 4 Stunden nach Punktion/Katheterentfernung erfolgen (Ausnahme: UFH s.c. nach 1 Stunde).
  • Bridging: Bei DOAK-Pausierung ist kein Bridging erforderlich.

Pausierungsintervalle ausgewählter Antithrombotika

Hinweis: Alle Angaben gelten für nierengesunde Patienten. Bei Niereninsuffizienz müssen die Intervalle deutlich verlängert werden.

WirkstoffDosierungVor Punktion/KatheterentfernungNach Punktion/Katheterentfernung
UFH (s.c.)Prophylaxe (≤ 15.000 IE/d)4 h1 h
UFH (i.v./s.c.)Therapiei.v.: 4-6 h / s.c.: 8-12 hi.v.: 8-12 h / s.c.: 6-8 h
NMH (s.c.)Prophylaxe12 h4 h
NMH (s.c.)Therapie24 h4 h
FondaparinuxProphylaxe (2,5 mg/d)36-42 h6-12 h
DabigatranProphylaxe (150-220 mg/d)24-36 h7-8 h
DabigatranTherapie (2x 110-150 mg/d)48-90 h7-8 h
RivaroxabanProphylaxe (10 mg/d)22-26 h4-6 h
RivaroxabanTherapie (15-20 mg/d)48-65 h4-6 h
ApixabanProphylaxe (2x 2,5 mg/d)20-30 h5 h
ApixabanTherapie (2x 5 mg/d)48-75 h5 h
EdoxabanProphylaxe/Therapie (60 mg/d)48-70 h6 h

Thrombozytenfunktionshemmer

Die Pausierung richtet sich nach der biologischen Lebensdauer der Thrombozyten. Bei dualer Plättchenhemmung (DAPT) muss das Vorgehen interdisziplinär abgestimmt werden.

WirkstoffVor Punktion/KatheterentfernungNach Punktion/Katheterentfernung
ASS (≤ 100 mg/d)Keine Pause notwendigKeine Pause notwendig
ASS (> 100 mg/d)7-10 TageNach Entfernung
Clopidogrel7-10 TageNach Entfernung
Prasugrel7-10 Tage6 h
Ticagrelor5 Tage6 h

Laborkontrollen und Antagonisierung

Routinemäßige Gerinnungstests (aPTT, Quick/INR) sind für DOAKs, NMH und Fondaparinux nicht geeignet. Bei unklarem Status oder Niereninsuffizienz können substanzspezifische Tests (z.B. kalibrierte Anti-Xa-Aktivität, verdünnte Thrombinzeit) erwogen werden.

Spezifische Antidote:

  • Dabigatran: Idarucizumab
  • Rivaroxaban / Apixaban: Andexanet alfa
  • UFH: Protamin (vollständig)
  • NMH: Protamin (nur partiell wirksam)

💡Praxis-Tipp

Bestimmen Sie vor jeder rückenmarksnahen Punktion unter Antithrombotika die aktuelle Kreatinin-Clearance, da eine Niereninsuffizienz die Pausierungsintervalle (z.B. bei DOAKs und NMH) drastisch verlängert.

Häufig gestellte Fragen

Bei Nierengesunden müssen mindestens 12 Stunden zwischen der letzten Gabe und der Punktion oder Katheterentfernung liegen.
Eine prophylaktische Gabe von unfraktioniertem Heparin (UFH) darf nach 1 Stunde, NMH frühestens 4 Stunden nach der Punktion oder Katheterentfernung erfolgen.
Nein, wenn DOAKs perioperativ pausiert werden, ist aufgrund ihrer kurzen Halbwertszeit kein Bridging erforderlich.
Der CHA2DS2-VASc-Score bewertet das Thromboembolierisiko, der HAS-BLED-Score das Blutungsrisiko und der PRECISE-DAPT-Score hilft bei Patienten unter dualer Plättchenhemmung.
Ja, Idarucizumab ist für Dabigatran zugelassen, Andexanet alfa für Rivaroxaban und Apixaban.

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