Antikoagulation bei Haut-OPs: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Medikamente wie Vitamin-K-Antagonisten (VKA) und ASS sollen bei Eingriffen an der Haut in der Regel weitergeführt werden.
- •Ein Bridging von VKA auf Heparin soll wegen erhöhter Blutungsgefahr nicht erfolgen.
- •Bei DOAKs kann je nach Eingriffsrisiko und Nierenfunktion eine Einnahmepause von 12 bis 48 Stunden erwogen werden.
- •Kardiovaskulär protektives Clopidogrel oder eine duale Plättchenhemmung (DAPT) dürfen für Haut-OPs nicht eigenmächtig abgesetzt werden.
Hintergrund
Der perioperative Umgang mit oralen Antikoagulantien (OAK) und Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) stellt in der Dermatochirurgie eine häufige Herausforderung dar. Die S3-Leitlinie der AWMF zielt darauf ab, die Patientensicherheit zu erhöhen und das Vorgehen zu vereinheitlichen. Grundsätzlich muss das individuelle Blutungsrisiko des Eingriffs gegen das thromboembolische Risiko des Patienten abgewogen werden.
Einschätzung des Blutungsrisikos
Die Leitlinie definiert Eingriffe mit einem höheren Risiko für eine interventionspflichtige postoperative Blutung anhand folgender Kriterien:
| Kriterium | Beispiele für Eingriffe |
|---|---|
| Schichtübergreifend | Einbeziehung von Faszie, Muskulatur, Periost, Knorpel oder Knochen |
| Stark durchblutetes Gewebe | Kopf-Hals-Bereich (Kopfschwarte, Nase, Lippe), Genitalbereich, Metastasenchirurgie |
| Geringe Übersicht | Liposuktion, Schweißdrüsenkürettage, Phlebo- oder Proktochirurgie |
| Großflächig (> 4 cm²) | Mehrzeitige oder ablative Eingriffe (Dermabrasion, Laser), Hauttransfer (Lappenplastiken, Transplantate) |
Vitamin-K-Antagonisten (VKA)
Für Patienten unter Phenprocoumon oder anderen VKA gelten klare Empfehlungen gegen ein Absetzen oder Bridging.
| Situation | Leitlinien-Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Generelles Vorgehen | Weiterführen | Medikation soll bei Haut-OPs beibehalten werden. |
| Hohes OP-Risiko + pos. Blutungsanamnese | Präoperative INR-Bestimmung | INR-Kontrolle sollte vor dem Eingriff erfolgen. |
| INR über therapeutischem Bereich | OP nicht durchführen | Gilt bei hohem OP-Risiko und positiver Blutungsanamnese. |
| Umstellung auf Heparin (Bridging) | Soll nicht erfolgen | Bridging erhöht das Blutungsrisiko signifikant, ohne thromboembolische Ereignisse zu reduzieren. |
Direkte orale Antikoagulantien (DOAK)
Aufgrund der Pharmakokinetik von DOAKs (Apixaban, Dabigatran, Edoxaban, Rivaroxaban) bestehen 0,5 bis 4 Stunden nach Einnahme sehr hohe Plasmaspiegel. In diesem Zeitfenster sollten keine Eingriffe stattfinden. Bei kleinflächigen Curettagen und Stanzbiopsien sollte die Medikation generell weitergeführt werden.
| Medikament | OP-Risiko | Empfohlenes Vorgehen (Erwägung) |
|---|---|---|
| Apixaban / Dabigatran | Kein höheres Risiko | Weiterführen ODER 12h Abstand zur OP (1 Dosis aussetzen) |
| Apixaban / Dabigatran | Höheres Risiko | Weiterführen ODER 12-24h Abstand zur OP (1-2 Dosen aussetzen) |
| Edoxaban / Rivaroxaban | Alle Eingriffe | Weiterführen ODER 24h Abstand zur OP (1 Dosis aussetzen) |
Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion und Eingriffen mit höherem Blutungsrisiko können längere Pausen erwogen werden:
- Apixaban, Edoxaban, Rivaroxaban (Kreatinin-Clearance 15-29 ml/min): mind. 36h Pause
- Dabigatran (Kreatinin-Clearance 50-79 ml/min): mind. 36h Pause
- Dabigatran (Kreatinin-Clearance 30-49 ml/min): mind. 48h Pause
Thrombozytenaggregationshemmer (TAH)
| Wirkstoff | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Acetylsalicylsäure (ASS) | Weiterführen | Bei Einnahme von >500 mg in den letzten 72h kann bei Hochrisiko-OPs eine Verschiebung erwogen werden. |
| Clopidogrel | Weiterführen | Veränderung der Medikation sollte nicht erfolgen (absolute Indikation zur kardiovaskulären Protektion). |
| DAPT (ASS + P2Y12-Hemmer) | OP verschieben oder unter DAPT operieren | Bei hohem Risiko kardiologisches/angiologisches Konsil bzgl. Wechsel auf Monotherapie erwägen. |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Hautoperationen unter Phenprocoumon strikt auf ein Bridging mit Heparin. Die Evidenz zeigt, dass Bridging das postoperative Blutungsrisiko signifikant erhöht, ohne einen zusätzlichen Schutz vor thromboembolischen Ereignissen zu bieten.