Kieferorthopädische Diagnostik: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnostik wird zeitlich in Früh-, Regel- und Spätbehandlung unterteilt.
- •Telemedizinische Verfahren können die persönliche klinische Untersuchung nicht ersetzen.
- •Kieferorthopädische Behandlungen stellen keinen Risikofaktor für die Entstehung einer CMD dar.
- •Radiologische Basisdiagnostik (OPG, FRS) erfordert eine strenge rechtfertigende Indikation nach dem ALARA-Prinzip.
- •Eine orientierende funktionelle Untersuchung auf Habits und orofaziale Dysfunktionen ist vor jeder Behandlung obligatorisch.
Hintergrund
Die kieferorthopädische Diagnostik und Therapieplanung richtet sich nach dem Entwicklungsstand des Patienten. Die Leitlinie definiert drei wesentliche Behandlungszeitpunkte:
| Behandlungsphase | Zeitpunkt | Zielsetzung |
|---|---|---|
| Frühbehandlung | Milch- und frühes Wechselgebiss (i.d.R. < 10. Lebensjahr) | Prävention, Verhinderung der Progredienz, Beseitigung von Habits |
| Regelbehandlung | Spätes Wechselgebiss / frühes bleibendes Gebiss | Korrektur bestehender Dysgnathien, Malokklusionen und Dyskinesien |
| Spätbehandlung | Bleibendes Gebiss (nach Wachstumsabschluss) | Korrektur im Erwachsenenalter, ggf. kombiniert kieferchirurgisch |
Anamnese und Allgemeinbefund
Die Anamnese ist essenziell zur Aufdeckung von Risikofaktoren und zur Klärung der Ätiologie (endogen/exogen).
- Starker Konsens: Vor jeder Behandlung muss eine allgemeine und spezielle Anamnese erhoben und im Verlauf aktualisiert werden.
- Starker Konsens: Vor einer Früh- und Regelbehandlung sollte zwingend eine Familienanamnese erfolgen, um die genetisch-erbliche Belastung einzuschätzen.
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung bildet die Grundlage für alle weiterführenden diagnostischen Maßnahmen.
| Untersuchungsart | Parameter / Fokus | Wichtige Hinweise |
|---|---|---|
| Extraoral & Fotoanalyse | En-face, Lachaufnahme, Profil, Asymmetrien, Lippenschluss | Dient der Beurteilung des Weichteilprofils und fazialer Asymmetrien. |
| Intraoral & Mundhygiene | Dentition, Zahnhartsubstanz, Mukosa, Parodontium, Frenula | Orientierende parodontale Beurteilung ist besonders bei Spätbehandlungen essenziell. |
- Starker Konsens: Telemedizinische Möglichkeiten sind allein nicht ausreichend zuverlässig und können die persönliche (zahn-)ärztliche Untersuchung weder extraoral noch intraoral ersetzen.
Funktionelle Untersuchung und CMD-Screening
Orofaziale Dysfunktionen können das kraniofaziale Wachstum stören und Rezidive begünstigen.
- Starker Konsens: Vor jeder Behandlung ist eine orientierende Untersuchung bezüglich Habits (z.B. Lutschen), Atmung, Zungenruhelage, Schluckmuster und Zwangsbissen durchzuführen.
- Kernaussage zu CMD: Es besteht wissenschaftlicher Konsens, dass eine kieferorthopädische Behandlung keinen Risikofaktor für die Entstehung einer kraniomandibulären Dysfunktion (CMD) darstellt.
Modellanalyse
Dreidimensionale Kiefermodelle (Gips oder digitaler Intraoralscan) sind Teil der Basisdiagnostik. Sie dienen der:
- Platzanalyse im Zahnbogen (Zahneng- und -lückenstände)
- Beurteilung der Zahnbreitenrelation (Tonn-/Bolton-Diskrepanz)
- Differenzialdiagnostik zwischen transversalen und sagittalen Abweichungen
Radiologische Diagnostik
Röntgenaufnahmen bedürfen einer strengen rechtfertigenden Indikation zur Minimierung der Strahlenbelastung (ALARA-Prinzip).
| Diagnostik-Stufe | Verfahren | Indikation / Zielsetzung |
|---|---|---|
| Basisdiagnostik | Orthopantomogramm (OPG/PSA) | Gesamtübersicht, Zahnzahl, Verlagerungen, Keimlage, Knochenstruktur |
| Basisdiagnostik | Fernröntgenseitenbild (FRS) | Differenzialdiagnostik skelettaler vs. dentoalveolärer Anomalien, Wachstumsbeurteilung |
| Spezialdiagnostik | Digitale Volumentomographie (DVT) | Komplexe 3D-Fragestellungen (z.B. retinierte/verlagerte Zähne) |
| Spezialdiagnostik | Handröntgenaufnahme | Bestimmung des skelettalen Alters (nur in Ausnahmefällen indiziert) |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie telemedizinische Tools (wie Dental Monitoring) allenfalls unterstützend zur Mundhygienekontrolle. Sie ersetzen laut Leitlinie keinesfalls die persönliche klinische Diagnostik zur Therapieplanung.