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Hydrozephalus im Kindesalter: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Der posthämorrhagische Hydrozephalus (PHHC) bei Frühgeborenen ist eine der häufigsten Formen und erfordert ein standardisiertes sonografisches Monitoring.
  • Zur Therapieentscheidung beim PHHC dient die serielle Messung des Levene-Index und des Ventrikelindex (VI).
  • Temporäre Maßnahmen (Rickham-Kapsel, EVD) sind bei unreifen Frühgeborenen indiziert, bis ein VP-Shunt möglich ist (meist ab 1500 g).
  • Vor einer definitiven Shuntversorgung ist ein hochauflösendes MRT (T2, CISS/FIESTA) zum Ausschluss von Liquorkompartimenten stark empfohlen.
  • Bei der Shunt-Erstanlage sollen Katheter mit Antibiotikabeschichtung verwendet werden.
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Hintergrund

Der Begriff „Hydrozephalus im Kindesalter“ umfasst jegliche Form der zerebralen Liquorzirkulationsstörung. Im europäischen Raum liegt die Inzidenz bei etwa 83,3/100.000 Geburten. Man unterscheidet primär angeborene (meist fehlbildungs- oder syndromal bedingte) von erworbenen Formen (posthämorrhagisch, postinflammatorisch, posttraumatisch oder tumorbedingt).

Genetisch ist der reine, isolierte Hydrozephalus selten. Die häufigste Form wird durch Mutationen im L1CAM-Gen verursacht (X-chromosomal rezessiv), was auch als L1-Syndrom oder HSAS (Hydrocephalus with stenosis of the aqueduct of Silvius) bezeichnet wird.

Posthämorrhagischer Hydrozephalus (PHHC)

Der PHHC ist eng mit der Frühgeburtlichkeit und der Germinalen Matrixblutung (GM-IVH) verbunden. Die germinale Matrix ist stark vaskularisiert, weist aber eine hohe Unreife der Gefäße auf. Bei metabolischem oder mechanischem Stress (z.B. Beatmung) kommt es leicht zu Einblutungen.

GradSonografischer Befund (nach Deeg)
IIsolierte subependymale Blutung
IIIntraventrikuläre Blutung ohne Ventrikelerweiterung
IIIIntraventrikuläre Blutung mit Ventrikelerweiterung
IVIntraventrikuläre Blutung mit hämorrhagischer Infarzierung

Diagnostik und Monitoring

Das Hauptdiagnostikum zur Erkennung und Verfolgung der GM-IVH und der Ventrikelerweiterung ist der transfontanelläre Ultraschall.

  • Starke Empfehlung (Starker Konsens): Für die Entscheidungsfindung zur Therapie soll die serielle sonografische Messung des bilateralen Levene-Index (Falx bis laterale Ventrikelwand) und des Ventrikelindex (VI) in Höhe des Foramen Monroi dokumentiert werden.
  • Starke Empfehlung (Starker Konsens): Vor der Implantation eines Shuntsystems sollten vorhandene Liquorkompartimente (z.B. isolierter 4. Ventrikel, Membranen) mittels hochauflösender T2-gewichteter MRT-Sequenzen (z.B. CISS, FIESTA) und flusssensitiver Sequenzen dargestellt werden. Ein navigationsfähiger 3D-Datensatz ist zu akquirieren.

Therapie des PHHC

Eine erhebliche und länger dauernde Erweiterung des Ventrikelsystems schädigt das Ependym und die Subventrikulärzone.

  • Starke Empfehlung (Starker Konsens): Eine erhebliche Ventrikelerweiterung sollte nicht toleriert werden.
  • Starke Empfehlung (Starker Konsens): Die Indikation für ein temporäres Verfahren (Kapsel, EVD) ist gegeben, wenn der Ventrikelindex rasch ansteigt (VI > 97. Perzentile + 4 mm) oder die Fronto-Occipital Horn Ratio (FOHR >= 0,55) liegt.
StufeTherapiemaßnahmeBemerkung
TemporärLumbalpunktionNur bei sonografisch nachgewiesener, ungehinderter Liquorpassage im Aquädukt/4. Ventrikel.
TemporärPunktionskapsel (Rickham/Ommaya)Etabliertes Verfahren. Starke Empfehlung: Streng aseptisches Protokoll (Inkubator, Mundschutz, sterile Kautelen) zwingend erforderlich.
TemporärExterne Ventrikeldrainage (EVD)Kontinuierliche Drainage, jedoch höhere Infektionsgefahr.
DefinitivVP-ShuntMeist ab 1500 g Körpergewicht möglich. Infektfreiheit und blutklarer Liquor (Protein < 1500 mg) vorausgesetzt.

Weitere operative Kernaussagen:

  • Starke Empfehlung (Starker Konsens): Bei der Operationsplanung zur Shuntanlage sollen auch bei Erstanlage mit einem Antibiotikum beschichtete Katheter Verwendung finden.
  • Starke Empfehlung (Starker Konsens): Der Ort für die Implantation am Kopf und Abdomen sollte frühzeitig festgelegt werden, um Konflikte mit venösen Zugängen oder Narben zu vermeiden.
  • Starke Empfehlung (Starker Konsens): Auf eine Plexuskoagulation sollte verzichtet werden; sie ist spezifischen Krankheitsbildern (wie Anenzephalie) vorbehalten, da der Plexus essenziell für die ZNS-Versorgung mit Vitamin C und Folat ist.

Postinfektiöser Hydrozephalus (PIH)

Etwa 30 % der weltweiten Hydrozephalus-Fälle sind postinfektiös bedingt. Intrauterin können Erreger des STORCH-Komplexes (Syphilis, Toxoplasmose, Rubella, Cytomegalie, Herpes) sowie das Zika-Virus einen Hydrozephalus auslösen. Postnatal spielen Meningitis-Erreger (Pneumokokken, Meningokokken) oder nosokomiale Keime eine Rolle. Die Entzündung führt zu ependymaler Denudation, Vernarbungen und einer Obstruktion der basalen Zisternen.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie zur Indikationsstellung einer Intervention beim posthämorrhagischen Hydrozephalus konsequent die Perzentilenkurven nach Levene. Warten Sie nicht zu lange: Ein Ventrikelindex > 97. Perzentile + 4 mm ist ein klares Interventionskriterium, um irreversible Schäden der Subventrikulärzone zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Eine Intervention ist indiziert, wenn der Ventrikelindex (VI) rasch ansteigt (VI > 97. Perzentile + 4 mm) oder die Fronto-Occipital Horn Ratio (FOHR) bei >= 0,55 liegt.
Ein ventrikulo-peritonealer Shunt ist mechanisch und operativ meist ab einem Körpergewicht von 1500 g machbar, sofern Infektfreiheit besteht und der Liquor blutklar ist (Proteingehalt < 1500 mg).
Es werden hochauflösende T2-gewichtete Sequenzen (z.B. CISS, FIESTA) sowie flusssensitive Sequenzen empfohlen, um separierende Membranen und isolierte Liquorkompartimente sicher darzustellen.
Ja, die Leitlinie spricht hierfür eine starke Empfehlung (Starker Konsens) aus, um das Infektionsrisiko zu senken.
Nein. Die Leitlinie empfiehlt stark, den Plexus zu erhalten, da er essenziell für die Verteilung von Vitamin C und Folat im ZNS ist. Die Koagulation ist Ausnahmen wie der Anenzephalie vorbehalten.

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