Liquorunterdruck-Syndrom: Leitlinie (AWMF/DGN)
📋Auf einen Blick
- •Atraumatische Nadeln und ein geringerer Nadeldurchmesser senken das Risiko für ein postpunktionelles Syndrom (PPS) signifikant.
- •Eine diffuse pachymeningeale Gadolinium-Anreicherung im MRT ist nahezu beweisend für ein Liquorunterdruck-Syndrom.
- •Zur symptomatischen Therapie sind Koffein, Theophyllin, Gabapentin und Hydrokortison wirksam.
- •Therapie der Wahl bei persistierenden Beschwerden ist der epidurale Blutpatch (20 ml Eigenblut).
- •Bettruhe und vermehrte Flüssigkeitsgabe nach einer Punktion sind zur Prophylaxe unwirksam.
Hintergrund
Das Liquorunterdruck-Syndrom ist definiert als orthostatischer Kopfschmerz durch niedrigen Liquordruck oder ein Duraleck. Es wird begleitet von Symptomen wie Nackenschmerzen, Tinnitus, Hörveränderungen, Photophobie und/oder Übelkeit. Die Symptome bessern sich typischerweise im Liegen.
Man unterscheidet hauptsächlich zwei Formen:
- Postpunktionelles Syndrom (PPS): Tritt innerhalb von 5 Tagen nach einer Lumbalpunktion auf. Die Inzidenz liegt bei Verwendung atraumatischer Nadeln bei 5–10 %.
- Spontane intrakranielle Hypotension (SIH): Seltenes Syndrom (Inzidenz ca. 5/100.000), meist bedingt durch spinale Liquorfisteln.
Klassifikation der spontanen intrakraniellen Hypotension (SIH)
Spinale Liquorfisteln als Ursache der SIH werden in drei Typen eingeteilt:
| Typ | Ursache | Häufigkeit |
|---|---|---|
| 1 | Ventrales Duraleck (meist durch Mikrosporne oder Verkalkungen) | 27–70 % |
| 2 | Meningeale Divertikel / Schwachstellen im Bereich der Nervenwurzeln | 20–42 % |
| 3 | Direkte Fisteln zwischen Liquorraum und epiduraler Vene | < 1–50 % (zunehmend erkannt) |
Diagnostik
Die Diagnose stützt sich auf die typische Anamnese (orthostatischer Kopfschmerz) und bildgebende Verfahren. Eine Messung des Liquordrucks ist bei positiver Bildgebung nicht zwingend erforderlich, da der Druck in ca. 32 % der Fälle normal ist.
MRT-Zeichen des Liquorunterdrucks:
- Diffuse pachymeningeale Gadolinium-Anreicherung (nahezu beweisend)
- Subdurale Flüssigkeitssäume / Hygrome
- Vergrößerung der Hypophyse
- Kaudale Hirnverlagerung
- Dilatation zervikaler epiduraler Venen
Zur exakten Lokalisation des Lecks (besonders bei SIH) gelten die CT- oder MRT-Myelographie sowie die dynamische digitale Subtraktionsmyelographie als sehr zuverlässig.
Prävention des postpunktionellen Syndroms
Die Punktionstechnik ist entscheidend für die Prävention des PPS:
- Atraumatische Nadeln (z. B. Sprotte-Nadel) reduzieren die Wahrscheinlichkeit signifikant.
- Geringerer Nadeldurchmesser führt seltener zu Beschwerden.
- Bei traumatischen Nadeln: Schliff der Nadel um 90° drehen (parallel zu den Durafasern).
- Den Mandrin vor dem Entfernen der Punktionsnadel wieder einführen.
Hinweis: Prophylaktische Bettruhe und zusätzliche Volumengabe sind unwirksam.
Therapie
Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad und der Dauer der Symptome.
Stufenschema der Therapie
| Stufe | Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Konservativ & Symptomatisch | Flachlagerung, Koffein, Theophyllin, Gabapentin, Hydrokortison |
| 2 | Epiduraler Blutpatch | Therapie der Wahl bei Versagen von Stufe 1 |
| 3 | Operativ / Interventionell | Mikrochirurgischer Verschluss oder transvenöse Embolisation (bei exakter Leck-Lokalisation) |
Medikamentöse Therapie
| Wirkstoff | Dosierung | Nebenwirkungen (Auswahl) | Kontraindikationen |
|---|---|---|---|
| Koffein | 3–4 x 200–300 mg p.o. | Tremor, Tachykardie, Unruhe | Leberzirrhose, Hyperthyreose |
| Theophyllin | 3 x 200–350 mg p.o. | Kopfschmerzen, Arrhythmien | Epilepsie, floride Ulzera, HOCM |
| Gabapentin | 1–4 x 300 mg p.o. | Müdigkeit, Schwindel, Ataxie | Ausgeprägte Niereninsuffizienz |
| Hydrokortison | 1–3 x 10 mg p.o. | Unruhe, arterielle Hypertonie | Florides Ulkus, akute Infektion |
Epiduraler Blutpatch
Bei starken Beschwerden über 2 Tage oder fehlender Besserung nach 4 Tagen ist ein epiduraler Blutpatch indiziert.
- Durchführung: 20 ml steril abgenommenes Eigenblut werden epidural (meist auf Höhe der vorherigen Punktion) injiziert.
- Nachsorge: 60 Minuten flache Bauchlage, idealerweise 10 Minuten in 30°-Kopftieflage.
- Erfolgsrate: 80–96 % beim PPS. Bei SIH ggf. mehrfach oder gezielt (CT-gesteuert) erforderlich.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie für Lumbalpunktionen stets atraumatische Nadeln (z. B. Sprotte) und führen Sie den Mandrin vor dem Ziehen der Nadel wieder ein. Dies senkt das Risiko eines postpunktionellen Syndroms erheblich.