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Primäre Immundefekte: Diagnostik-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die pathologische Infektionsanfälligkeit wird durch das Akronym ELVIS (Erreger, Lokalisation, Verlauf, Intensität, Summe) definiert.
  • Zeichen einer Immundysregulation (GARFIELD-Kriterien) erfordern eine Abklärung auf primäre Immundefekte.
  • Die immunologische Basisdiagnostik umfasst ein Differenzialblutbild und die Bestimmung der Immunglobuline (IgG, IgA, IgM, IgE).
  • Primäre Immundefekte (z.B. CVID) können sich in jedem Lebensalter, auch im Erwachsenenalter, erstmals manifestieren.
  • Bei Vorliegen von Non-CF-Bronchiektasen soll immer eine Diagnostik auf einen primären Immundefekt veranlasst werden.
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Hintergrund

Primäre Immundefekte (PID) sind angeborene Erkrankungen des Immunsystems. Die Inzidenz schwerer kombinierter Immundefekte (SCID) liegt in Deutschland laut Neugeborenen-Screening bei 1:54.000. Oft kommt es zu einer erheblichen diagnostischen Latenz, insbesondere bei Manifestationen im Erwachsenenalter (z.B. CVID) oder wenn Immundysregulationen statt Infektionen im Vordergrund stehen.

Leitsymptome: Infektionsanfälligkeit (ELVIS)

Eine pathologische Infektionsanfälligkeit ist das häufigste Leitsymptom. Bei Zeichen einer pathologischen Infektionsanfälligkeit soll die Diagnostik initiiert werden (Empfehlungsgrad A). Zur Abgrenzung von physiologischen Infekten dient das Akronym ELVIS:

BuchstabeKriteriumBeschreibung
EErregerOpportunistische Erreger (z.B. Pneumocystis jirovecii, atypische Mykobakterien) oder ungewöhnlich schwere Infekte durch gewöhnliche Erreger
LLokalisationPolytope Infektionen oder atypische Lokalisationen (z.B. Leberabszess durch S. aureus)
VVerlaufProtrahiert, unzureichendes Ansprechen auf Antibiotika, Komplikationen nach Lebendimpfungen
IIntensität"Major-Infektionen" wie Sepsis, Meningitis, Osteomyelitis, die i.v. Antibiose erfordern
SSummeErhöhte Anzahl an Infektionen (altersabhängig zu bewerten)

Leitsymptome: Immundysregulation (GARFIELD)

Immundysregulation kann das alleinige Symptom eines PID sein. Bei Zeichen einer Immundysregulation sollte eine Abklärung erfolgen (Empfehlungsgrad B). Das Akronym GARFIELD fasst die typischen Manifestationen zusammen:

SymptomkomplexTypische Manifestationen
GranulomeEpitheloidzellige Granulome in Lunge, Darm, Haut oder lymphatischem Gewebe
AutoimmunitätAutoimmunzytopenien, Polyautoimmunität, Zöliakie-ähnliche Enteropathie
Rezidivierendes FieberAngeborene Fiebersyndrome (z.B. FMF), Autoinflammation ohne infektiösen Fokus
Ungewöhnliche EkzemeFrüh beginnende, schwer therapierbare Ekzeme, Erythrodermie
LymphoproliferationHepatosplenomegalie, Lymphadenopathie
Chronische DarmentzündungFrüh beginnende Colitis, chronische Diarrhoe

Warnzeichen (API-Warnzeichen)

Bei Verdacht auf einen primären Immundefekt sollen alle Warnzeichen überprüft werden (Empfehlungsgrad A). Diese umfassen für Kinder und Erwachsene:

  • Infektionen: Pathologische Infektionsanfälligkeit ("ELVIS")
  • Dysregulation: "GARFIELD", Autoinflammation sowie schwere Allergien
  • Gedeihen: Gedeihstörung (Kinder) / Gewichtsverlust, meist mit Diarrhoe (Erwachsene)
  • Genetik/Syndrome: Syndromale Erkrankung, auffällige Familienanamnese (Konsanguinität, Lymphome)
  • Labor: Hypogammaglobulinämie, anhaltende oder rezidivierende Zytopenien
  • Screening: Auffälliges Neugeborenen-SCID-Screening

Basisdiagnostik

Bei Verdacht auf einen primären Immundefekt soll eine Basisdiagnostik erfolgen (Empfehlungsgrad A):

  • Differenzialblutbild: Beurteilung der Absolutzahlen unter Berücksichtigung altersabhängiger Normwerte.
  • Immunglobuline: Bestimmung von IgM, IgG, IgA und IgE.

Wichtig: Es kann trotz unauffälliger Basisdiagnostik ein primärer Immundefekt vorliegen (z.B. Komplementdefekte, Phagozytendefekte). Bei auffälliger Basisdiagnostik oder fortbestehendem klinischen Verdacht soll ein in der Immundefektdiagnostik erfahrener Arzt kontaktiert werden (Empfehlungsgrad A).

Radiologische Hinweise

Radiologische Zeichen können frühzeitig auf einen PID hinweisen. Bei Vorliegen von Non-CF Bronchiektasen soll immer die Diagnostik auf einen primären Immundefekt veranlasst werden (Empfehlungsgrad A). Weitere radiologische Warnzeichen sind ein fehlender Thymus im Säuglingsalter oder interstitielle Lungenveränderungen (ILD).

💡Praxis-Tipp

Achten Sie bei Erwachsenen mit chronischen Darmentzündungen, Autoimmunzytopenien oder Non-CF-Bronchiektasen aktiv auf das Vorliegen eines CVID. Bestimmen Sie als ersten Schritt quantitativ die Immunglobuline (IgG, IgA, IgM, IgE) und ein Differenzialblutbild.

Häufig gestellte Fragen

Die Basisdiagnostik umfasst ein Differenzialblutbild sowie die quantitative Bestimmung der Immunglobuline (IgG, IgA, IgM, IgE) unter Berücksichtigung altersabhängiger Normwerte.
Nein. Spezifische Antikörpermangel, Komplementdefekte, Phagozytendefekte oder autoinflammatorische Syndrome können völlig unauffällige Basiswerte aufweisen.
Es steht für Erreger, Lokalisation, Verlauf, Intensität und Summe und definiert die klinischen Kriterien einer pathologischen Infektionsanfälligkeit.
Ja. Bis zu 50% der Neudiagnosen betreffen Erwachsene. Am häufigsten manifestiert sich das Variable Immundefektsyndrom (CVID) erst im jungen Erwachsenenalter.
Insbesondere Non-CF-Bronchiektasen, interstitielle Lungenveränderungen (ILD) oder ein fehlender Thymus im Säuglingsalter rechtfertigen eine immunologische Abklärung.

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