Lokaltherapie chronischer Wunden: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Ursachenabklärung (PAVK, CVI, Neuropathie) ist zwingend vor oder bei Einleitung der Lokaltherapie erforderlich.
- •Die Wundreinigung soll primär mechanisch und bei uninfizierten Wunden mit sterilen, wirkstofffreien Lösungen erfolgen.
- •Ein feuchtes Wundmilieu ist anzustreben, trockene Nekrosen (z.B. diabetische Gangrän) sollen jedoch nicht rehydriert werden.
- •Iodhaltige Wundauflagen sollen bei Wunden ohne klinische Infektionszeichen nicht eingesetzt werden.
- •Zeigt sich nach 6 Wochen keine Heilungstendenz, muss eine Re-Evaluation und ggf. Zweitmeinung erfolgen.
Hintergrund
Die S3-Leitlinie behandelt die Lokaltherapie schwerheilender und chronischer Wunden, die durch periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), Diabetes mellitus (Diabetisches Fußulkus, DFU) oder chronisch venöse Insuffizienz (CVI) verursacht werden. Oberstes Ziel ist die komplikationslose Abheilung bei bestmöglicher Lebensqualität.
Diagnostik und Wundbeurteilung
Vor oder bei Einleitung der Lokaltherapie soll die zugrundeliegende Ursache zwingend abgeklärt und leitliniengerecht behandelt werden (EK).
| Diagnostischer Bereich | Empfohlene Maßnahmen |
|---|---|
| Gefäßstatus / Perfusion | Arterieller Pulsstatus, Dopplerverschlussdruckmessung (ABI), farbcodierte Duplexsonografie |
| Neurologie | Diagnostik einer Polyneuropathie (PNP) |
| Lebensqualität & Schmerz | Strukturierte Erfassung (z.B. WoundQoL), standardisierte Schmerzdokumentation |
| Mikrobiologie | Keine routinemäßigen Abstriche; Erregerbestimmung nur bei Verdacht auf systemische Infektion vor Antibiotikagabe |
Ein Wundmonitoring soll bei jedem Verbandwechsel erfolgen. Eine strukturierte Wundbeurteilung (Größe, Exsudat, Wundrand) ist mindestens alle 4 Wochen erforderlich.
Wundreinigung und Débridement
Die Wundreinigung ist essenziell zur Entfernung von avitalem Gewebe und Belägen.
| Wundstatus | Empfohlene Maßnahme | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Uninfiziert, belagsfrei | Spülung mit sterilen, wirkstofffreien Lösungen | EK |
| Infektionsverdacht | Einsatz zugelassener Antiseptika-Lösungen erwägen | 0 |
| Avitales Gewebe / Nekrose | Chirurgisches Débridement, falls mechanische Reinigung nicht ausreicht | EK |
Kernaussage: Trockene Nekrosen (avitales Gewebe) sollen nicht rehydriert werden (EK).
Wundauflagen und Lokaltherapie
Grundsätzlich sollte ein physiologisch feuchtes Wundmilieu angestrebt werden. Eine Ausnahme bilden avitale trockene Nekrosen (z.B. endständige diabetische Gangrän), bei denen die Erhaltung der Trockenheit einen Behandlungsvorteil bietet.
| Wundsituation | Therapieempfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Uninfiziert | Wirkstofffreie Wundabdeckungen nutzen. Kein Einsatz von iodhaltigen Produkten (PVP-Iod, Cadexomer-Iod). | B |
| Schmerzhaftes UCV | Wundauflage mit Ibuprofen erwägen. | 0 |
| Starker Geruch | Kohlekompresse zur Symptomkontrolle erwägen. | EK |
| Tief / Großflächig | Hohlräume vermeiden, Kontakt zum Wundgrund sicherstellen. | EK |
| Stagnation (>6 Wochen) | Differentialdiagnostische Abklärung und Zweitmeinung einholen. | EK |
Der Wundrand soll vor Mazeration und Austrocknung geschützt werden (A).
Komplikationen und adjuvante Therapien
Bei klinischen Zeichen einer Wundinfektion soll unverzüglich eine ärztliche Evaluation erfolgen. Bei Hinweisen auf eine Sepsis ist eine sofortige stationäre Einweisung indiziert.
Für spezifische Indikationen können physikalische Maßnahmen erwogen werden:
- Vakuumversiegelungstherapie (NPWT): Kann bei tiefen, großvolumigen oder stark exsudierenden Wunden erwogen werden (0).
- Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO): Sollte selektiv bei therapierefraktärem DFU mit angiopathischer Komponente als adjuvante Option eingesetzt werden, sofern alle Revaskularisierungsmaßnahmen ausgeschöpft sind (B).
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei uninfizierten Wunden auf iodhaltige Wundauflagen und nutzen Sie stattdessen sterile, wirkstofffreie Lösungen zur Wundspülung. Trockene Nekrosen am Fuß sollten keinesfalls rehydriert werden.