Diabetisches Fußsyndrom (DFS): DDG Praxisempfehlung 2025
Hintergrund
Das diabetische Fußsyndrom (DFS) umfasst alle pathologischen Veränderungen am Fuß bei Menschen mit Diabetes mellitus. Hierzu zählen auch präulzeröse Läsionen wie abnorme Hornhautschwielen.
Ulzera oder Nekrosen entstehen meist durch repetitive Traumatisierung bei eingeschränktem Druck- und Schmerzempfinden infolge einer diabetischen Polyneuropathie. In Deutschland liegt zudem bei über 50 Prozent der Fälle eine relevante periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) vor.
Die jährliche Neuerkrankungsrate für ein akutes DFS liegt bei etwa 2 Prozent, während das Lebenszeitrisiko 19 bis 34 Prozent beträgt. Obwohl die Amputationsraten rückläufig sind, werden weiterhin 65 bis 70 Prozent aller Amputationen bei Menschen mit Diabetes durchgeführt.
Empfehlungen
Die DDG-Praxisempfehlung 2025 formuliert folgende Kernempfehlungen für die Betreuung von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom:
Screening und klinische Untersuchung
Es wird eine regelmäßige Untersuchung von Füßen und Schuhwerk bei allen Menschen mit Diabetes empfohlen. Zu jeder Fußuntersuchung gehören eine gezielte Anamnese, ein beidseitiger Haut- und Muskelstatus sowie die Prüfung der Drucksensibilität.
Für die Sensibilitätsprüfung wird die Verwendung eines 10-g-Monofilaments oder einer Rydell-Seiffer-Stimmgabel empfohlen.
Die Kontrollintervalle richten sich nach dem individuellen Risikostatus:
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Keine periphere Neuropathie: einmal jährlich
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Periphere Neuropathie: alle 6 Monate
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Neuropathie mit pAVK oder Deformität: alle 3 bis 6 Monate beim Spezialisten
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Neuropathie und Ulkus/Amputation in der Vorgeschichte: alle 1 bis 3 Monate beim Spezialisten
Diagnostik der pAVK
Die Leitlinie betont, dass tastbare Fußpulse eine pAVK nicht ausschließen. Da die typischen Symptome einer pAVK bei bestehender Neuropathie häufig fehlen, wird das Ausmaß der Gefährdung oft unterschätzt.
Der Knöchel-Arm-Index (ABI) ist bei einer autonomen Neuropathie mit Mediasklerose nur eingeschränkt verwertbar. Als zuverlässigste Kombination zum Ausschluss einer relevanten pAVK gilt ein Zehen-Arm-Index (TBI) von >= 0,75 in Verbindung mit triphasischen Dopplerflusssignalen.
Therapie und Wundmanagement
Die Behandlung von Fußulzera erfordert ein multidisziplinäres Vorgehen. Die Leitlinie nennt folgende wesentliche Komponenten der Therapie:
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Stoffwechseloptimierung und Infektionskontrolle
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Mechanisches oder biomechanisches Wunddebridement
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Effektive Druckentlastung und stadiengerechte lokale Wundbehandlung
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Therapie von Gefäßerkrankungen und fußchirurgische Korrekturen
Zur effektiven Druckentlastung bei neuropathischen plantaren Ulzera gilt ein Vollkontaktgips (TCC) oder eine nicht abnehmbare Orthese als Mittel der Wahl.
Bei nicht heilenden Fußläsionen oder Amputationsgefahr ist die Indikation zur Revaskularisation aggressiv zu stellen. Eine arterielle Revaskularisation muss erwogen werden, wenn eine Läsion trotz maximaler Therapie nach 4 Wochen keine Heilungstendenz zeigt.
Diabetische Neuro-Osteo-Arthropathie (Charcot-Fuß)
Ein aktiver Charcot-Fuß äußert sich im Frühstadium durch eine Temperaturerhöhung von mehr als 2 °C im Seitenvergleich, Ödembildung oder Rötung. Bis zum sicheren Ausschluss wird eine sofortige Ruhigstellung und Entlastung gefordert.
Zur Diagnostik werden Röntgenaufnahmen unter Belastung empfohlen. Bei unauffälligem Nativröntgen und klinischem Verdacht ist eine Magnetresonanztomografie (MRT) indiziert.
Die Therapie besteht in einer ununterbrochenen rigiden Fixierung von Fuß und Unterschenkel im Vollkontaktgips oder in einer Orthese. Spezifische medikamentöse Maßnahmen wie Bisphosphonate sind laut Leitlinie nicht angezeigt.
Klassifikation von Fußulzera
Die Leitlinie empfiehlt die Einteilung der Gewebezerstörung nach der Wagner-Klassifikation.
| Wagner-Grad | Ausmaß der Läsion | Primäre Maßnahme |
|---|---|---|
| 0 | Keine Läsion, ggf. Fußdeformation | Regelmäßige Kontrolle |
| 1 | Oberflächliche Ulzeration | Druckentlastung, lokale Wundbehandlung |
| 2 | Tiefes Ulkus bis zu Sehnen oder Kapsel | Druckentlastung, lokale Wundbehandlung |
| 3 | Tiefes Ulkus mit Abszedierung oder Osteomyelitis | Infektionskontrolle, Antibiose, Druckentlastung |
| 4 | Begrenzte Nekrose (Vorfuß/Ferse) | Amputationsgrenze distal halten, pAVK-Diagnostik |
| 5 | Nekrose des gesamten Fußes | Amputationsgrenze distal halten, pAVK-Diagnostik |
Klassifikation von Fußinfektionen
Das Ausmaß einer Infektion wird anhand klinischer Zeichen in Schweregrade eingeteilt.
| Infektionsschwere | Klinische Manifestation |
|---|---|
| Nicht infiziert | Wunde ohne Eiterung oder Entzündungszeichen |
| Leicht | >= 2 Entzündungszeichen, Ausdehnung <= 2 cm um das Ulkus, auf Haut/Subkutis beschränkt |
| Moderat | Entzündung > 2 cm, Lymphangitis, Abszess, Gangrän oder Beteiligung tiefer Strukturen |
| Schwer | Infektion mit systemischen Infektionszeichen oder instabilem Kreislauf |
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende Kontraindikationen und Warnhinweise:
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Eine computertomografische Angiografie (CTA) ist aufgrund des hohen Kontrastmittelbedarfs und der geringen Trennschärfe bei Unterschenkelarterien nicht geeignet.
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Spezifische medikamentöse Maßnahmen (wie Bisphosphonate, Calcitonin, Parathormon, Denosumab oder Cortison) sind bei der diabetischen Neuro-Osteo-Arthropathie (Charcot-Fuß) nicht angezeigt.
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Bei Vorliegen einer Niereninsuffizienz sollte eine Kernspinangiografie (MRA) nur unter strenger Abwägung des Risikos einer Gadolinium-induzierten systemischen Fibrose erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie weist nachdrücklich darauf hin, dass tastbare Fußpulse eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) nicht ausschließen. Da die typischen Ischämiesymptome durch eine begleitende Neuropathie oft maskiert werden, wird eine weiterführende Diagnostik mittels Zehen-Arm-Index (TBI) und Doppler-Sonografie empfohlen. Zudem wird betont, dass vor jeder Amputation zwingend eine aussagefähige Gefäßdiagnostik erfolgen muss.
Häufig gestellte Fragen
Ein aktiver Charcot-Fuß zeigt sich klinisch durch eine Temperaturerhöhung von mehr als 2 °C im Seitenvergleich, begleitet von Ödemen oder Rötungen. Laut Leitlinie ist bei unauffälligem Nativröntgen eine MRT indiziert, um die Diagnose zu sichern.
Die Leitlinie empfiehlt die Bestimmung des Zehen-Arm-Index (TBI), da der Knöchel-Arm-Index (ABI) durch die häufig vorliegende Mediasklerose oft falsch hohe Werte liefert. Ein TBI von >= 0,75 in Kombination mit triphasischen Dopplerflusssignalen schließt eine relevante pAVK weitgehend aus.
Eine stationäre Aufnahme ist bei einer schweren Infektion mit systemischen Zeichen zwingend indiziert. Auch bei moderaten Infektionen mit Ausbreitung in tiefe Gewebeschichten wird gemäß Leitlinie eine stationäre Behandlung empfohlen.
Als Mittel der Wahl bei einem neuropathischen plantaren Ulkus gilt der Vollkontaktgips (Total Contact Cast, TCC). Alternativ werden individuell angefertigte, nicht abnehmbare Orthesen empfohlen.
Eine arterielle Revaskularisation muss erwogen werden, wenn eine Fußläsion trotz maximaler wundtherapeutischer Bemühungen innerhalb von 4 Wochen keine Heilungstendenz zeigt. Vor jeder geplanten Amputation ist die Notwendigkeit einer Revaskularisation zu prüfen.
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Quelle: DDG: PE_Diabetisches_Fusssyndrom_2025.pdf pdf (DDG, 2025). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.