Infizierte Zehenzwischenraum-Intertrigo: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Der Begriff 'gramnegativer Fußinfekt' ist irreführend und wird durch 'infizierte Zehenzwischenraum-Intertrigo (IZI)' ersetzt.
- •Die Basistherapie besteht aus einer konsequenten, austrocknenden Lokaltherapie und Antiseptik.
- •Eine systemische Antibiose ist nur bei klinischen Zeichen einer übergreifenden Weichgewebeinfektion (Phlegmone) indiziert.
- •Topische Antibiotika und systemische Fluorchinolone werden nicht mehr empfohlen.
- •Bei komplizierten Verläufen sind für die Erregerdiagnostik native Gewebeproben (Biopsien) den oberflächlichen Abstrichen vorzuziehen.
Hintergrund
Der traditionelle Begriff „gramnegativer Fußinfekt“ ist irreführend und sollte durch infizierte Zehenzwischenraum-Intertrigo (IZI) ersetzt werden. Die Erkrankung beginnt als exsudative, infizierte Intertrigo der Zehenzwischenräume mit Mazerationen und Erosionen, die ulzerierend auf den Vorfuß übergreifen kann.
Obwohl gramnegative Bakterien nachweisbar sind, sind für eine daraus hervorgehende Weichgewebeinfektion (Phlegmone) meist grampositive Erreger (wie S. aureus) verantwortlich. Es handelt sich in der Regel um Mischinfektionen aus grampositiven und gramnegativen Bakterien sowie Pilzen. Begünstigend wirken Komorbiditäten wie Diabetes mellitus, periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder Polyneuropathie.
Diagnostik
Die Diagnose wird primär klinisch gestellt. Typische Zeichen sind flächige Erosionen, gelbes Exsudat, Mazeration am Wundrand, süßlich-fauliger Geruch, Ödeme und Schmerzen.
- Erregerdiagnostik: Oberflächliche Wundabstriche sind wenig aussagekräftig (Gefahr der Erfassung von reiner Kolonisation). Bei komplizierten Phlegmonen sollen native Gewebeproben (Biopsien) aus dem Wundrand bevorzugt werden.
- Ausbreitungsdiagnostik: Bei Verdacht auf tiefe Infektionen oder Osteomyelitis ist eine Bildgebung (bevorzugt MRT) indiziert.
- Vaskuläre Diagnostik: Bestimmung des Knöchel-Arm-Druckindex (ABI) zum Ausschluss einer pAVK.
Differentialdiagnosen und Komplikationen
Die IZI kann in schwerere Weichgewebeinfektionen übergehen. Die klinische Abgrenzung ist essenziell:
| Erkrankung | Klinische Präsentation | Typische Erreger |
|---|---|---|
| Erysipel | Hellrotes, glänzendes Erythem, scharf begrenzt, oft Allgemeinsymptomatik | β-hämolysierende Streptokokken |
| Unkomplizierte Phlegmone | Dunkleres, livides Erythem, teigige Schwellung, Eiterbildung | Meist S. aureus |
| Komplizierte Phlegmone | Tiefe Infektion, oft bei Risikofaktoren (Diabetes, pAVK) | Mischinfektionen (inkl. Anaerobier) |
| Nekrotisierende Infektion (NSTI) | Überproportionaler Schmerz, Toxin-Schock, rasche Nekrosen | Bakterien mit Virulenzfaktoren |
Therapie
Die Behandlung stützt sich primär auf eine konsequente Lokaltherapie. Eine systemische Antibiose ist nur bei Komplikationen indiziert.
1. Multimodale Lokaltherapie
Die Lokaltherapie soll unabhängig vom Schweregrad durchgeführt werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Wunden steht hier die austrocknende Behandlung im Vordergrund.
| Therapieziel | Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| Entzündungsreduktion | Feuchte Umschläge (z.B. synthetische Gerbstoffe), kurzzeitig topische Glukokortikoide | Prinzip: "Feucht auf feucht, trocken auf trocken" |
| Keimreduktion | Mechanisches Débridement, Antiseptika (PHMB, Octenidin, PVP-Jod) | Keine topischen Antibiotika verwenden! |
| Reduktion feuchter Kammern | Einlage von sterilen Baumwollkompressen in die Zehenzwischenräume | Verhindert Mazeration, transportiert Feuchtigkeit ab |
| Ödemreduktion | Medizinische Kompressionstherapie (ca. 20 mmHg) | Kontraindikationen (z.B. pAVK mit ABI <0,5) beachten |
2. Systemische Therapie
Ein kultureller Erregernachweis allein rechtfertigt keine systemische Antibiose.
| Indikation | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| IZI ohne Weichgewebeinfektion | Keine systemische Antibiose | Lokaltherapie ist ausreichend |
| IZI mit Weichgewebeinfektion | Cefazolin oder Flucloxacillin (parenteral) | Fokus auf S. aureus, Dauer i.d.R. 5 Tage |
| Progrediente Phlegmone | Aminopenicillin + Beta-Lactamase-Inhibitor | Z.B. Amoxicillin/Clavulansäure |
Hinweis: Fluorchinolone werden aufgrund mangelnder Indikation und des Risikos schwerer Nebenwirkungen nicht mehr empfohlen.
3. Chirurgische Optionen
Eine chirurgische Evaluation (Débridement bis hin zur Amputation) ist zwingend erforderlich bei tiefer reichenden Infektionen (Faszien/Muskeln), Osteomyelitis, schweren Durchblutungsstörungen, Kompartmentsyndrom oder Zeichen einer nekrotisierenden Weichgewebeinfektion.
4. Prophylaxe
Bei bestehender Tinea pedis oder Onychomykose soll eine antimykotische Therapie (z.B. Terbinafin, Ciclopirox) erfolgen, da Pilzinfektionen als prädisponierender Faktor für die IZI gelten.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei der unkomplizierten IZI auf oberflächliche Wundabstriche und systemische Antibiotika. Der Fokus liegt auf der konsequenten, austrocknenden Lokaltherapie (z.B. Einlage von Baumwollkompressen) und Antiseptik.