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Infizierte Zehenzwischenraum-Intertrigo: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Der Begriff 'gramnegativer Fußinfekt' ist irreführend und wird durch 'infizierte Zehenzwischenraum-Intertrigo (IZI)' ersetzt.
  • Die Basistherapie besteht aus einer konsequenten, austrocknenden Lokaltherapie und Antiseptik.
  • Eine systemische Antibiose ist nur bei klinischen Zeichen einer übergreifenden Weichgewebeinfektion (Phlegmone) indiziert.
  • Topische Antibiotika und systemische Fluorchinolone werden nicht mehr empfohlen.
  • Bei komplizierten Verläufen sind für die Erregerdiagnostik native Gewebeproben (Biopsien) den oberflächlichen Abstrichen vorzuziehen.
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Hintergrund

Der traditionelle Begriff „gramnegativer Fußinfekt“ ist irreführend und sollte durch infizierte Zehenzwischenraum-Intertrigo (IZI) ersetzt werden. Die Erkrankung beginnt als exsudative, infizierte Intertrigo der Zehenzwischenräume mit Mazerationen und Erosionen, die ulzerierend auf den Vorfuß übergreifen kann.

Obwohl gramnegative Bakterien nachweisbar sind, sind für eine daraus hervorgehende Weichgewebeinfektion (Phlegmone) meist grampositive Erreger (wie S. aureus) verantwortlich. Es handelt sich in der Regel um Mischinfektionen aus grampositiven und gramnegativen Bakterien sowie Pilzen. Begünstigend wirken Komorbiditäten wie Diabetes mellitus, periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder Polyneuropathie.

Diagnostik

Die Diagnose wird primär klinisch gestellt. Typische Zeichen sind flächige Erosionen, gelbes Exsudat, Mazeration am Wundrand, süßlich-fauliger Geruch, Ödeme und Schmerzen.

  • Erregerdiagnostik: Oberflächliche Wundabstriche sind wenig aussagekräftig (Gefahr der Erfassung von reiner Kolonisation). Bei komplizierten Phlegmonen sollen native Gewebeproben (Biopsien) aus dem Wundrand bevorzugt werden.
  • Ausbreitungsdiagnostik: Bei Verdacht auf tiefe Infektionen oder Osteomyelitis ist eine Bildgebung (bevorzugt MRT) indiziert.
  • Vaskuläre Diagnostik: Bestimmung des Knöchel-Arm-Druckindex (ABI) zum Ausschluss einer pAVK.

Differentialdiagnosen und Komplikationen

Die IZI kann in schwerere Weichgewebeinfektionen übergehen. Die klinische Abgrenzung ist essenziell:

ErkrankungKlinische PräsentationTypische Erreger
ErysipelHellrotes, glänzendes Erythem, scharf begrenzt, oft Allgemeinsymptomatikβ-hämolysierende Streptokokken
Unkomplizierte PhlegmoneDunkleres, livides Erythem, teigige Schwellung, EiterbildungMeist S. aureus
Komplizierte PhlegmoneTiefe Infektion, oft bei Risikofaktoren (Diabetes, pAVK)Mischinfektionen (inkl. Anaerobier)
Nekrotisierende Infektion (NSTI)Überproportionaler Schmerz, Toxin-Schock, rasche NekrosenBakterien mit Virulenzfaktoren

Therapie

Die Behandlung stützt sich primär auf eine konsequente Lokaltherapie. Eine systemische Antibiose ist nur bei Komplikationen indiziert.

1. Multimodale Lokaltherapie

Die Lokaltherapie soll unabhängig vom Schweregrad durchgeführt werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Wunden steht hier die austrocknende Behandlung im Vordergrund.

TherapiezielMaßnahmeBemerkung
EntzündungsreduktionFeuchte Umschläge (z.B. synthetische Gerbstoffe), kurzzeitig topische GlukokortikoidePrinzip: "Feucht auf feucht, trocken auf trocken"
KeimreduktionMechanisches Débridement, Antiseptika (PHMB, Octenidin, PVP-Jod)Keine topischen Antibiotika verwenden!
Reduktion feuchter KammernEinlage von sterilen Baumwollkompressen in die ZehenzwischenräumeVerhindert Mazeration, transportiert Feuchtigkeit ab
ÖdemreduktionMedizinische Kompressionstherapie (ca. 20 mmHg)Kontraindikationen (z.B. pAVK mit ABI <0,5) beachten

2. Systemische Therapie

Ein kultureller Erregernachweis allein rechtfertigt keine systemische Antibiose.

IndikationEmpfohlene TherapieBemerkung
IZI ohne WeichgewebeinfektionKeine systemische AntibioseLokaltherapie ist ausreichend
IZI mit WeichgewebeinfektionCefazolin oder Flucloxacillin (parenteral)Fokus auf S. aureus, Dauer i.d.R. 5 Tage
Progrediente PhlegmoneAminopenicillin + Beta-Lactamase-InhibitorZ.B. Amoxicillin/Clavulansäure

Hinweis: Fluorchinolone werden aufgrund mangelnder Indikation und des Risikos schwerer Nebenwirkungen nicht mehr empfohlen.

3. Chirurgische Optionen

Eine chirurgische Evaluation (Débridement bis hin zur Amputation) ist zwingend erforderlich bei tiefer reichenden Infektionen (Faszien/Muskeln), Osteomyelitis, schweren Durchblutungsstörungen, Kompartmentsyndrom oder Zeichen einer nekrotisierenden Weichgewebeinfektion.

4. Prophylaxe

Bei bestehender Tinea pedis oder Onychomykose soll eine antimykotische Therapie (z.B. Terbinafin, Ciclopirox) erfolgen, da Pilzinfektionen als prädisponierender Faktor für die IZI gelten.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei der unkomplizierten IZI auf oberflächliche Wundabstriche und systemische Antibiotika. Der Fokus liegt auf der konsequenten, austrocknenden Lokaltherapie (z.B. Einlage von Baumwollkompressen) und Antiseptik.

Häufig gestellte Fragen

Weil meist grampositive Erreger (wie S. aureus) für die eigentliche Weichgewebeinfektion verantwortlich sind. Der Begriff führt therapeutisch in die Irre, weshalb 'infizierte Zehenzwischenraum-Intertrigo (IZI)' bevorzugt wird.
Nur wenn klinische Zeichen einer übergreifenden Weichgewebeinfektion (unkomplizierte oder komplizierte Phlegmone) vorliegen.
Topische Antibiotika (Gefahr von Resistenzen und Sensibilisierung) sowie systemische Fluorchinolone (aufgrund von Nebenwirkungen und fehlender Indikation) werden nicht empfohlen.
Bei komplizierten Verläufen sollten native Gewebeproben (Biopsien) nach Wundreinigung entnommen werden, da oberflächliche Abstriche meist nur die Kolonisation zeigen.
Sie ist ein häufiger prädisponierender Faktor, der die Hautbarriere schädigt. Eine antimykotische Mitbehandlung ist zur Prophylaxe essenziell.

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