Bruxismus Diagnostik & Ätiologie: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bruxismus wird zirkadian in Schlaf- (SB) und Wachbruxismus (WB) unterteilt und ist primär zentralnervös bedingt.
- •Die Okklusion gilt nicht als ätiologischer Hauptfaktor; Stress, Schlafstörungen, Medikamente und Genetik stehen im Vordergrund.
- •Die Polysomnographie (PSG) ist der Goldstandard zur definitiven Diagnose des Schlafbruxismus.
- •Anamnese und klinische Untersuchung eignen sich lediglich als Screening-Instrumente für einen wahrscheinlichen Bruxismus.
- •Tragbare EMG-Geräte bieten eine valide, praxistaugliche Alternative zur PSG für die Diagnostik.
Hintergrund
Bruxismus ist definiert als eine wiederholte Kaumuskelaktivität, charakterisiert durch Kieferpressen, Zähneknirschen sowie Anspannen oder Verschieben des Unterkiefers ohne Zahnkontakt. Er wird zirkadian in zwei Erscheinungsformen unterteilt:
- Schlafbruxismus (SB): Muskelaktivität während des Schlafs (rhythmisch/phasisch oder nicht-rhythmisch/tonisch).
- Wachbruxismus (WB): Muskelaktivität im Wachzustand (wiederholter Zahnkontakt, Anspannen des Kiefers).
Bruxismus kann als harmloses Verhalten, als Risikofaktor (z. B. für Zahnhartsubstanzverlust oder CMD) oder als protektiver Faktor (z. B. Offenhalten der Atemwege bei Schlafapnoe) gewertet werden.
Klassifikation
| Form | Ursache / Charakteristik |
|---|---|
| Primärer Bruxismus | Idiopathisch, ohne erkennbare Ursache |
| Sekundärer Bruxismus | Folge von Schlafstörungen, Medikamenten, Drogen oder Erkrankungen |
| Tonisch | Muskelkontraktionen > 2 Sekunden (häufiger bei WB) |
| Phasisch | Kurze, repetitive Kontraktionen (0,25 - 2s), typisch für SB |
Ätiologie und Risikofaktoren
Die Ätiologie ist multifaktoriell. Die Okklusion gilt nicht als ätiologischer Hauptfaktor. Zentrale Faktoren stehen im Vordergrund:
| Faktor | Beispiele / Bemerkung |
|---|---|
| Schlafstörungen | Schlafapnoe (SBAS), Schnarchen, Insomnie |
| Medikamente | Antidepressiva (SSRI, trizyklische), dopaminerge Medikamente, Antihistaminika |
| Genussmittel/Drogen | Nikotin (dosisabhängig), Alkohol, hoher Koffeinkonsum, Ecstasy (MDMA) |
| Psychologische Faktoren | Emotionaler Stress, Angststörungen, Depressivität |
| Körperliche Faktoren | Reflux (SB als Schutzreflex durch Speichelfluss), Genetik |
Diagnostik
Die Diagnostik wird in Wahrscheinlichkeitsgrade eingeteilt:
- Möglicher Bruxismus: Positive Hinweise aus Befragung/Fragebögen.
- Wahrscheinlicher Bruxismus: Positive klinische Hinweise (mit oder ohne Anamnese).
- Definitiver Bruxismus: Positive instrumentelle Befunde (PSG, EMG).
Diagnostische Verfahren im Vergleich
| Verfahren | Evidenz / Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Polysomnographie (PSG) | Starke Empfehlung (Goldstandard) | Referenz zur Diagnose des definitiven SB. Wegen Aufwand primär für Studien/Schlafstörungen. |
| Tragbare EMG-Geräte | Offene Empfehlung | Alternative zur PSG für definitiven SB. Gute Sensitivität, aber Gefahr falsch-positiver Befunde. |
| Anamnese / Klinik | Starke Empfehlung (nur als Screening) | Alleinige Anamnese sollte nicht zur definitiven Diagnose genutzt werden. Dient dem Screening. |
| Eingefärbte Schienen | Expertenkonsens | Zeigen Abriebmuster (Knirschen), erfassen aber kein reines Pressen. |
| Selbstbeobachtung (Apps) | Empfehlung | Geeignet zur Diagnostik und Therapie des Wachbruxismus (Ecological Momentary Assessment). |
Zusammenhang mit CMD
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Bruxismus und craniomandibulären Dysfunktionen (CMD). Bei bestehender CMD sollten mögliche Symptome und klinische Zeichen für Bruxismus identifiziert werden. Bruxismus korreliert insbesondere mit Schmerzen in der Kaumuskulatur (Myalgie), schmerzhaften Dysfunktionen der Kiefergelenke und primären Kopfschmerzen (Spannungskopfschmerz, Migräne).
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei der Diagnostik nicht allein auf die Anamnese oder Schlifffacetten, da diese nur einen 'wahrscheinlichen' Bruxismus anzeigen. Nutzen Sie bei Verdacht auf Wachbruxismus Smartphone-Apps zur Selbstbeobachtung (EMA) als diagnostisches und therapeutisches Tool.