Fetale Wachstumsrestriktion (FGR): S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Leitlinie unterscheidet zwischen früher (< 32+0 SSW) und später (≥ 32+0 SSW) fetaler Wachstumsrestriktion anhand spezifischer Biometrie- und Doppler-Kriterien.
- •Ein Oligohydramnion gilt nicht mehr als Diagnosekriterium für eine FGR.
- •Die Dopplersonographie (A. umbilicalis, A. cerebri media, Ductus venosus) ist essenziell für die Differenzialdiagnose und Überwachung.
- •Zur CTG-Überwachung wird das Computer-CTG (Oxford-CTG) mit Analyse der Kurzzeitvariation (STV) empfohlen.
- •Bei pathologischem Ductus venosus (AEDF/REDF) oder kritischer STV soll die Entbindung in einem Perinatalzentrum erfolgen.
Hintergrund
Die fetale Wachstumsrestriktion (FGR) betrifft 5-10 % aller Schwangerschaften und ist mit einer hohen perinatalen Morbidität und Mortalität assoziiert. Es ist essenziell, zwischen konstitutionell kleinen Feten (SGA - Small for Gestational Age), die ihr genetisches Potenzial ausschöpfen, und einer echten FGR, bei der das Wachstum aufgrund einer Pathologie eingeschränkt ist, zu unterscheiden.
Definition und Diagnosekriterien
Die Leitlinie unterscheidet zwischen früher und später FGR, da sich diese im klinischen Verlauf relevant unterscheiden. Ein Oligohydramnion gilt nicht mehr als Diagnosekriterium.
| Klassifikation | Gestationsalter | Kriterien (ohne kongenitale Anomalien) |
|---|---|---|
| Frühe FGR | < 32+0 SSW | AU/Schätzgewicht < 3. Perzentile ODER UA-AEDF ODER (AU/Gewicht < 10. Perzentile UND UtA-PI > 95. Perzentile und/oder UA-PI > 95. Perzentile) |
| Späte FGR | ≥ 32+0 SSW | AU/Schätzgewicht < 3. Perzentile ODER 2 von 3 Kriterien: 1. AU/Gewicht < 10. Perzentile, 2. Abfall > 2 Quartilen, 3. CPR < 5. Perzentile oder UA-PI > 95. Perzentile |
Ätiologie und Risikofaktoren
Eine ausführliche Anamnese ist zur Identifikation von Risikoschwangerschaften obligatorisch.
| Kategorie | Häufige Risikofaktoren |
|---|---|
| Maternal | Bluthochdruck, Nikotin-/Drogenabusus, Alter ≥ 35 Jahre, Z.n. SGA/FGR oder IUFT |
| Plazentar | Plazentainfarkte, Insertio velamentosa, Plazentationsstörungen |
| Fetal | Chromosomenstörungen, syndromale Erkrankungen, Infektionen (z.B. CMV), Mehrlinge |
Diagnostik
- Datierung: Das Gestationsalter soll im 1. Trimenon per Scheitel-Steiß-Länge (SSL) überprüft und bei >7 Tagen Diskrepanz korrigiert werden.
- Fetometrie: Bei Schätzgewicht/Abdomenumfang < 10. Perzentile soll eine weitere Abklärung erfolgen.
- Fruchtwasser: Die Beurteilung sollte nach der SDP-Methode (Single Deepest Pocket) erfolgen.
- Feindiagnostik & Genetik: Bei früher/schwerer FGR (< 3. Perzentile) sollte eine Feindiagnostik und ggf. eine genetische/infektiologische Abklärung erfolgen.
Überwachung und Management
Die Überwachung erfordert eine Kombination verschiedener Methoden. Eine alleinige CTG-Überwachung ist unzureichend.
| Methode | Intervall / Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Fetometrie | Alle 2-3 Wochen | Kürzere Intervalle sind aufgrund der Fehlertoleranz der Messungen nicht sinnvoll. |
| Doppler A. umbilicalis (UA) | 2-wöchentlich (bei Normalbefund) | Bei PI > 95. Perzentile mindestens wöchentlich. Bei ARED-Flow stationäre Aufnahme. |
| Doppler A. cerebri media (ACM) | Zusätzlich zur UA | Wichtig bei später FGR zur Erkennung eines Brain-Sparing-Effekts. |
| Doppler Ductus venosus (DV) | Bei früher FGR | Bester Prädiktor für eine fetale Azidämie und das Überleben. |
| Computer-CTG (Oxford) | Regelmäßig bei FGR | Die Analyse der Kurzzeitvariation (STV) ist dem Standard-CTG überlegen. |
Therapie und Entbindungszeitpunkt
Die Entbindung soll in einem Perinatalzentrum erfolgen. Die Risiken der Frühgeburt müssen stets gegen den intrauterinen Verbleib abgewogen werden.
- Antenatale Kortikosteroide: Sollten zwischen 24+0 und 34+0 SSW gegeben werden, wenn die Geburt binnen 7 Tagen zu erwarten ist.
- Magnesiumsulfat: Kann zur Neuroprotektion bei erwarteter Frühgeburt < 32+0 SSW gegeben werden.
Indikationen zur Entbindung:
- Rezidivierende, therapieresistente Dezelerationen im CTG.
- STV < 2,6 ms (26+0 bis 28+6 SSW) oder STV < 3,0 ms (29+0 bis 31+6 SSW).
- Wiederholt fehlende a-Welle (AEDF) oder Reverse-Flow (REDF) im Ductus venosus.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie zur Fruchtwasserbeurteilung die SDP-Methode (Single Deepest Pocket) statt des AFI, um unnötige Geburtseinleitungen zu vermeiden. Datieren Sie das Gestationsalter im 1. Trimenon streng nach Scheitel-Steiß-Länge und korrigieren Sie den Termin bei >7 Tagen Abweichung.