Frühgeburt Prävention & Therapie: AWMF-Leitlinie
Hintergrund
Die AWMF S2k-Leitlinie behandelt die Prävention und Therapie der Frühgeburt, welche als Entbindung vor 37+0 Schwangerschaftswochen (SSW) definiert ist. Sie trägt wesentlich zur perinatalen Morbidität und Mortalität bei.
Die Ätiologie der spontanen Frühgeburt ist multifaktoriell. Verschiedene pathophysiologische Wege, wie bakterielle Inflammationen, deziduale Blutungen oder eine Überdehnung des Myometriums, münden in einen gemeinsamen Mechanismus aus vorzeitiger Wehentätigkeit und Muttermundseröffnung.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Betreuung von Schwangeren mit drohender Frühgeburt:
Diagnostik und Prädiktion
Ein generelles Screening auf eine verkürzte Zervixlänge mittels Vaginalsonographie bei asymptomatischen Schwangeren ohne Risikofaktoren wird nicht empfohlen (Sollte-nicht-Empfehlung). Bei symptomatischen Frauen oder solchen mit Risikofaktoren sollte die Messung jedoch in das diagnostische Konzept einbezogen werden.
Eine Zervixlänge von unter 25 mm vor 34+0 SSW gilt als verkürzt (Konsensbasiertes Statement).
Bei symptomatischen Schwangeren mit einer Zervixlänge zwischen 15 und 30 mm kann der negative prädiktive Wert von Biomarkern (wie Fibronektin, phIGFBP-1 oder PAMG-1) genutzt werden. Ein negativer Test hilft laut Leitlinie, das Frühgeburtsrisiko für die nächsten 7 Tage einzuschätzen.
Primäre und Sekundäre Prävention
Zur Prävention werden je nach Risikoprofil folgende Maßnahmen empfohlen:
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Vaginales Progesteron bei Einlingsschwangerschaft und Z.n. spontaner Frühgeburt ab 16+0 bis 36+0 SSW (Kann-Empfehlung).
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Vaginales Progesteron bei asymptomatischer Zervixverkürzung (≤ 25 mm) vor 24+0 SSW (Soll-Empfehlung).
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Anlage einer Cerclage bei Z.n. Frühgeburt/Spätabort und Zervixlänge < 25 mm vor 24+0 SSW (Sollte-Empfehlung).
Akuttherapie und Tokolyse
Eine medikamentöse Wehenhemmung ist bei regelmäßigen vorzeitigen Wehen und Zervixwirksamkeit zwischen 22+0 und 33+6 SSW angezeigt. Das Ziel ist eine Verlängerung der Schwangerschaft um mindestens 48 Stunden (Soll-Empfehlung).
Diese Zeit soll für die Applikation antenataler Steroide und den In-utero-Transfer in ein Perinatalzentrum genutzt werden. Eine Erhaltungstokolyse über 48 Stunden hinaus wird zur Senkung der Frühgeburtenrate nicht empfohlen (Sollte-nicht-Empfehlung).
Lungenreife und Neuroprotektion
Bei unmittelbar drohender Frühgeburt vor 34+0 SSW wird die Applikation antenataler Steroide empfohlen (Soll-Empfehlung).
Steht eine Frühgeburt vor 32+0 SSW unmittelbar bevor, kann die intravenöse Gabe von Magnesium zur fetalen Neuroprotektion erwogen werden (Kann-Empfehlung).
Vorzeitiger Blasensprung (PPROM)
Bei einem PPROM zwischen 24+0 und 33+6 SSW wird zunächst ein exspektatives Vorgehen empfohlen, sofern keine unmittelbare Gefahr für Mutter oder Kind besteht. Es soll in diesem Zeitraum eine Antibiotikatherapie erfolgen (Soll-Empfehlung).
Bei Verdacht auf ein Amnioninfektionssyndrom (Triple I) wird eine sofortige Entbindung unter Antibiotikatherapie empfohlen (Soll-Empfehlung).
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende Dosierungsschemata für die medikamentöse Therapie:
| Medikament | Dosierung | Indikation |
|---|---|---|
| Betamethason | 2 x 12 mg i.m. im Abstand von 24 Stunden | Antenatale Lungenreife (< 34+0 SSW) |
| Dexamethason | 4 x 6 mg i.m. alle 12 Stunden | Antenatale Lungenreife (Alternative) |
| Progesteron (vaginal) | 200 mg Kapsel oder 90 mg Gel täglich | Prävention bei kurzer Zervix oder Z.n. Frühgeburt |
| 17-OHPC | 250 mg i.m. wöchentlich | Prävention bei Z.n. Frühgeburt (Alternative) |
| Nifedipin | Initial 20 mg p.o., dann 10-20 mg 3-4x täglich | Tokolyse (Off-Label) |
| Indometacin | 50 mg p.o./rektal, dann 25-50 mg alle 6h (max. 48h) | Tokolyse (< 32 SSW) |
| Magnesiumsulfat | Bolus 4-6 g i.v. (in 30 min), dann 1-2 g/h für 12h | Fetale Neuroprotektion (< 32 SSW) |
| Ampicillin + Amoxicillin | 2 g i.v. alle 6-8h (48h), dann Amoxicillin p.o. (5 Tage) | Antibiotikaprophylaxe bei PPROM |
Kontraindikationen
Absolute und relative Kontraindikationen für eine Tokolyse umfassen laut Leitlinie:
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Intrauteriner Fruchttod oder letale fetale Fehlbildungen
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Schwere Präeklampsie/Eklampsie mit Entbindungsnotwendigkeit
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Maternale Blutungen mit hämodynamischer Instabilität
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Intrauterine Infektion (Chorioamnionitis / Triple I)
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Gestationsalter < 22+0 oder > 34+0 SSW
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Hinweise auf fetale Hypoxie im CTG
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Vorzeitige Plazentalösung
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Zervixdilatation > 4 cm
Die Leitlinie rät ausdrücklich vom Einsatz von Betasympathomimetika und Magnesiumsulfat zur Tokolyse ab, da diese eine signifikant höhere Rate maternaler Nebenwirkungen aufweisen.
💡Praxis-Tipp
Bei symptomatischen Patientinnen mit einer Zervixlänge zwischen 15 und 30 mm und einem negativen Biomarker-Test (z. B. Fibronektin) besteht ein äußerst geringes Risiko für eine Entbindung innerhalb der nächsten 7 Tage. In diesen Fällen sollte laut Leitlinie auf die alleinige Applikation antenataler Steroide aufgrund der Wehentätigkeit verzichtet werden, um unnötige Interventionen zu vermeiden.
Häufig gestellte Fragen
Ein generelles Screening bei asymptomatischen Schwangeren wird nicht empfohlen. Die Leitlinie rät zur Messung bei symptomatischen Frauen mit vorzeitigen Wehen oder bei asymptomatischen Frauen mit Risikofaktoren wie einem Zustand nach spontaner Frühgeburt.
Als Mittel der Wahl gelten Kalziumantagonisten wie Nifedipin oder Oxytocin-Rezeptor-Antagonisten wie Atosiban. Von Betasympathomimetika wird aufgrund des ungünstigen Nebenwirkungsprofils abgeraten.
Die Leitlinie empfiehlt eine Wehenhemmung für maximal 48 Stunden. Diese Zeit dient der Lungenreifeinduktion und dem Transport in ein Perinatalzentrum; eine Erhaltungstokolyse darüber hinaus wird nicht empfohlen.
Bei einer unmittelbar drohenden Frühgeburt vor 32+0 SSW kann die intravenöse Gabe von Magnesiumsulfat erwogen werden. Dies dient dem Schutz des fetalen Gehirns und der Reduktion von infantiler Zerebralparese.
Bei einem PPROM zwischen 24+0 und 33+6 SSW wird eine antibiotische Therapie empfohlen, um die Latenzzeit zu verlängern und Morbidität zu senken. Häufig wird ein Regime aus intravenösem Ampicillin gefolgt von oralem Amoxicillin in Kombination mit einem Makrolid eingesetzt.
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Quelle: Embryotox: Betamethason in der Schwangerschaft/Stillzeit (Embryotox, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt. Vor jeder Anwendung oder Verschreibung muss die aktuelle Fachinformation konsultiert werden.