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Gefäßzugänge im Schockraum: S1-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Im Schockraum sollen primär mindestens zwei großlumige periphervenöse Zugänge (PVK) etabliert werden.
  • Bei vitaler Bedrohung und frustraner PVK-Anlage soll umgehend ein intraossärer Zugang (i.o.) gelegt werden.
  • Ein ZVK ist indiziert, wenn PVKs insuffizient sind und eine erweiterte Volumen- oder Katecholamintherapie vor der Bildgebung nötig ist.
  • Bei kompensierten Patienten darf die ZVK-Anlage die initiale Diagnostik (z.B. Polytrauma-CT) nicht verzögern.
  • Zentrale Gefäße und arterielle Zugänge sollen nach Möglichkeit sonografisch gestützt punktiert werden.
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Hintergrund

Die Anlage von Gefäßzugängen ist eine essenzielle Komponente der initialen Schockraumversorgung. Sie ermöglicht das hämodynamische Monitoring, die Notfall-Labordiagnostik sowie die Applikation lebensrettender Medikamente und Volumentherapie. Die Indikationsstellung muss differenziert erfolgen, um lebensrettende Diagnostik (wie die Computertomografie) nicht zu verzögern.

Periphere und intraossäre Zugänge

Die Basisversorgung im Schockraum stützt sich primär auf periphervenöse Zugänge (PVK).

  • Mindestens zwei großlumige PVK (Durchflussrate ca. 100 ml/min, z.B. 18 G / grün) sollen etabliert werden.
  • Prähospital gelegte Zugänge können nach Prüfung auf Funktion und Paravasat weiterverwendet werden.
  • Intraossärer Zugang (i.o.): Soll umgehend etabliert werden bei unmittelbarer vitaler Bedrohung, wenn keine PVK etablierbar sind (z.B. nach mehr als zwei frustranen Versuchen).
  • Vasoaktive Substanzen (z.B. Noradrenalin) können zur Überbrückung über einen sicher intravasal liegenden PVK verabreicht werden.

Zentralvenöse Katheter (ZVK)

Ein ZVK ist ein invasiver Eingriff und erfordert eine strenge Indikationsstellung im Schockraum.

  • Indikation: Ein ZVK soll gelegt werden, wenn PVK insuffizient sind und eine absehbar instabile Kreislaufsituation eine unmittelbare medikamentöse Stabilisierung und Volumentherapie erfordert.
  • Zeitpunkt: Bei kompensierten Kreislaufverhältnissen soll die ZVK-Anlage die initiale Diagnostik (z.B. CT) nicht verzögern.
  • Lumen: Standardmäßig werden dreilumige ZVK empfohlen. ZVK mit mehr als fünf Lumen sind meist nicht sinnvoll, da ungenutzte Lumen das Infektionsrisiko erhöhen.

Arterielle Blutdruckmessung

Eine invasive arterielle Blutdruckmessung sollte bei kritisch kranken oder schwerverletzten Patienten erfolgen.

IndikationBevorzugter PunktionsortBemerkung
PolytraumaA. radialis oder A. femoralisZur Steuerung der Beatmung via BGA und kontinuierlichen Druckmessung
AortendissektionA. radialis linksErlaubt Einschätzung des Perfusionsdrucks bei selektiver antegrader Hirnperfusion
ECLS-Kanülierung (femoral)A. radialis rechtsZur Erkennung einer zentralen Hypoxie (Harlekin-Syndrom)

Hygiene und Anlagebedingungen

Die Einhaltung der Asepsis ist entscheidend zur Vermeidung katheterassoziierter Infektionen.

ZugangsartHygienemaßnahmenBesonderheiten
PVK / i.o.-ZugangHändedesinfektion, Sprüh-Wisch-Desinfektion, sterile Utensilien, saubere Einmalhandschuhe-
ZVK / ECMO-KanülenMaximale Barrieremaßnahmen: Mund-Nasen-Schutz, Kopfhaube, steriler Kittel, sterile Handschuhe, großes AbdecktuchAnlage unter eingeschränkter Asepsis: Entfernung/Wechsel spätestens nach 24 Stunden
Arterielle KatheterA. radialis/brachialis: wie PVK + sterile Handschuhe + Mund-Nasen-Schutz. A. femoralis: Maximale Barrieremaßnahmen-

Sonografie und Lagekontrolle

  • Sonografie: Zentrale Gefäße (ZVK) und arterielle Katheter sollen wann immer möglich sonografisch gestützt punktiert werden. Bei schwierigem peripheren Venenstatus kann Ultraschall auch beim PVK den Erfolg verbessern.
  • Lagekontrolle: Alle Zugänge müssen vor Nutzung auf Aspirierbarkeit und Anspülbarkeit geprüft werden. Bei ZVKs sollte die Lage (z.B. via endovaskulärem EKG, TTE oder im Rahmen der Akutdiagnostik) verifiziert werden.
  • Fixierung: Alle ZVK sowie femoral-arterielle Zugänge sollen durch eine Naht gesichert werden (an den Verteilerösen, nicht nur an den Klemmen).

Spezielle Notfallsituationen

NotfallbildEmpfehlung zum Gefäßzugang
Schweres Schädel-Hirn-Trauma / ApoplexZVK/Arterie darf Bildgebung nicht verzögern. Bei V.a. Ischämie rechte Leiste schonen (für Thrombektomie). Oberkörperhochlagerung (15-30°) bei ZVK-Anlage beibehalten.
Hämorrhagischer Schock / PolytraumaBei HWS-Immobilisation ist V. jugularis interna nicht praktikabel. V. subclavia auf Seite einer Thoraxverletzung/Drainage bevorzugen. Ggf. V. femoralis nutzen.
Kardiopulmonale Reanimation (CPR)PVK oder i.o.-Zugang primär ausreichend. Bei ZVK unter CPR V. jugularis oder V. femoralis präferieren. Bei möglicher eCPR Femoralgefäße schonen.
SepsisVasopressorpflichtige Patienten sollen zeitnah einen arteriellen Katheter erhalten.

💡Praxis-Tipp

Bei katecholaminpflichtigen Patienten kann Noradrenalin in niedriger Konzentration zur Überbrückung über einen sicher liegenden peripheren Venenzugang verabreicht werden. So kann die ZVK-Anlage bis nach dem Polytrauma-CT aufgeschoben werden.

Häufig gestellte Fragen

Bei unmittelbarer vitaler Bedrohung, wenn sich periphervenöse Zugänge nicht zügig (z.B. nach mehr als zwei Versuchen) etablieren lassen.
Nein. Bei kompensierten Kreislaufverhältnissen oder wenn der Patient über periphere Zugänge stabilisiert werden kann, soll die ZVK-Anlage erst nach der initialen Bildgebung erfolgen.
Wenn die strengen aseptischen Barrieremaßnahmen bei der Anlage nicht eingehalten werden konnten, müssen die Katheter spätestens nach 24 Stunden entfernt und ggf. neu gelegt werden.
Femoral-arterielle Zugänge sollen obligatorisch angenäht werden. Katheter in distalen Arterien (wie der A. radialis) sollten hingegen nicht standardmäßig angenäht werden.
Ja, im Notfall und zur Überbrückung kann eine kontinuierliche Verabreichung in niedriger Konzentration über einen sicher intravasal liegenden PVK erfolgen.

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