Loiasis (Afrikanischer Augenwurm): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Loiasis wird durch Bremsen (Chrysops spp.) in Zentral- und Westafrika übertragen.
- •Klassische Symptome sind die subkonjunktivale Augenwurmwanderung und Calabar-Schwellungen.
- •Die Diagnostik erfolgt primär durch den Nachweis von Mikrofilarien im Blut (Abnahme zwingend zwischen 10 und 16 Uhr).
- •Die medikamentöse Therapie richtet sich strikt nach der Mikrofilarienlast, um lebensbedrohliche Komplikationen wie eine Enzephalopathie zu vermeiden.
- •Diethylcarbamazin (DEC) ist das einzige kurative Medikament, ist aber bei hoher Parasitenlast oder Onchozerkose-Koinfektion kontraindiziert.
Hintergrund
Die Loiasis (Afrikanischer Augenwurm) ist eine durch Fadenwürmer (Nematoden) der Gattung Loa loa verursachte Infektionskrankheit. Sie ist in ländlichen Regenwald- und Savannenregionen Zentral- und Westafrikas endemisch. Die Übertragung erfolgt durch tagaktive Bremsen (Chrysops silacea und C. dimidiata).
Nach der Übertragung entwickeln sich die Larven im subkutanen Gewebe zu adulten Würmern. Deren Nachkommen, die Mikrofilarien, zirkulieren tagsüber im peripheren Blut.
Klassifikation der Loiasis
Die Erkrankung wird parasitologisch und klinisch eingeteilt, was für die Therapieentscheidung essenziell ist:
| Einteilung | Kategorie | Definition & Besonderheiten |
|---|---|---|
| Parasitologisch | Okkulte Loiasis | Infektion ohne Nachweis peripherer Mikrofilarien. Diagnosesicherung oft schwierig. |
| Mikrofilaräme Loiasis | Nachweis von Mikrofilarien. Therapie abhängig von der Last. | |
| Hypermikrofilaräme Loiasis | Hohe Mikrofilarienzahl (z.B. >8.000/ml). Hohes Risiko für lebensbedrohliche Therapiekomplikationen. | |
| Klinisch | Migratorische Loiasis | Typische Zeichen der Wurmwanderung (z.B. Augenpassage). Hohe Morbidität. |
| Non-migratorische Loiasis | Keine Symptome der adulten Wurmwanderung. Oft asymptomatisch, aber Risiko für Organkomplikationen. |
Klinische Präsentation
Die klinische Penetranz ist sehr variabel und korreliert nicht zwingend mit der Mikrofilarienlast.
- Klassische Symptome:
- Augenwanderung: Sichtbare Wanderung des adulten Wurms durch die Konjunktiva (dauert Stunden bis Tage).
- Calabar-Schwellung: Transientes, nicht eindrückbares, juckendes Angioödem (oft an Extremitäten).
- Unspezifische Symptome: Fatigue, Myalgien, Arthralgien, Pruritus, Urtikaria.
- Komplikationen (selten, aber lebensbedrohlich): Enzephalopathie (oft therapieinduziert), Endomyokardfibrose (assoziiert mit Hypereosinophilie), Nephropathie.
Diagnostik
Die Diagnostik stützt sich auf direkte und indirekte Nachweisverfahren:
- Direkter Nachweis: Mikroskopie (Dicker Tropfen, Giemsa-Färbung). Wichtig: Blutabnahme zwingend zwischen 10:00 und 16:00 Uhr wegen der Tagesperiodik der Mikrofilarien.
- Indirekte Hinweise: Ausgeprägte Eosinophilie, stark erhöhtes IgE.
- Serologie: Eingeschränkte Spezifität (Kreuzreaktivität mit anderen Filarien), vor allem bei Patienten aus Endemiegebieten wenig hilfreich.
Therapie
Die Therapie der Loiasis ist komplex und potenziell lebensbedrohlich. Ein rascher Zerfall von Mikrofilarien kann eine fatale Enzephalopathie auslösen. Vor jeder DEC-Gabe muss eine Koinfektion mit Onchozerkose ausgeschlossen werden.
Medikamentenübersicht
| Wirkstoff | Wirkung auf Mikrofilarien | Wirkung auf adulte Würmer | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Diethylcarbamazin (DEC) | Sehr stark & rasch | Ausreichend (kurativ) | Erstlinientherapie. Kontraindiziert bei >2.000 mf/ml oder Onchozerkose. |
| Ivermectin | Stark & rasch | Fraglich / Keine | Zur Senkung der Last vor DEC-Gabe. Kontraindiziert bei >8.000 mf/ml. |
| Albendazol | Langsam & verzögert | Gering | Zur schonenden Senkung der Mikrofilarienlast. |
Stufenschema nach Mikrofilarienlast
| Mikrofilarien pro ml | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Okkult | DEC (21 Tage) oder Albendazol (4 Wochen) | DEC ist Erstlinientherapie. |
| 1 - 2.000 | DEC (langsame Titration über 21 Tage) | Stationäre Überwachung zu Therapiebeginn empfohlen. |
| 2.000 - 8.000 | Albendazol (4 Wochen) ODER Ivermectin (Einzeldosis) | Dient der Senkung der Last auf <2.000 mf/ml, danach kurative DEC-Therapie. |
| 8.000 - 30.000 | Apherese ODER Albendazol | Mechanische oder langsame medikamentöse Reduktion, danach Ivermectin/DEC. |
| > 30.000 | Apherese | Erstlinientherapie zur mechanischen Reduktion. Albendazol nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung. |
Nachsorge
Eine mehrmonatige Nachverfolgung (bis mind. 1 Jahr) ist empfohlen. Ein Therapieerfolg zeigt sich durch das Verschwinden der Mikrofilarämie, Sistieren der Symptome und Normalisierung von Eosinophilen und IgE. Oft sind mehrere DEC-Zyklen für eine komplette Ausheilung notwendig.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie die Mikrofilarienlast zwingend durch eine Blutentnahme zwischen 10:00 und 16:00 Uhr. Leiten Sie bei einer Mikrofilarämie >2.000/ml niemals direkt eine Therapie mit DEC ein, da akute Lebensgefahr durch eine Enzephalopathie besteht.