Schistosomiasis (Bilharziose): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein Screening ist bei asymptomatischen Reiserückkehrern mit Süßwasserkontakt frühestens 3 Monate nach Exposition indiziert.
- •Die Basisdiagnostik umfasst die Serologie sowie den parasitologischen Ei-Nachweis in Stuhl oder Urin (je nach Erreger).
- •Therapie der Wahl für alle Schistosomen-Arten ist Praziquantel, in Deutschland bevorzugt als 3-Tages-Therapie.
- •Beim akuten Katayama-Syndrom wirkt Praziquantel unzureichend; die Therapie erfolgt primär symptomatisch.
- •Verlaufskontrollen sollten nach 6, 12 und 24 Monaten erfolgen, um ein Therapieversagen oder eine Reinfektion auszuschließen.
Hintergrund
Die Schistosomiasis (Bilharziose) ist eine parasitäre Infektion, die durch Trematoden der Gattung Schistosoma verursacht wird. Die Übertragung erfolgt durch Süßwasserkontakt in Endemiegebieten (u.a. weite Teile Afrikas, östliches Brasilien, Naher Osten, Südostasien). Die Leitlinie bietet Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie, insbesondere für Reiserückkehrer und Migranten in Deutschland.
Klinische Präsentation
Die Symptomatik ist abhängig vom Zeitpunkt der Infektion und der betroffenen Organe.
| Phase | Zeitraum | Typische Symptome und Befunde |
|---|---|---|
| Katayama-Syndrom | < 3 Monate nach Aufenthalt | Unklare Eosinophilie, Urtikaria, Ödeme, Fieber, Myalgien, pulmonale Symptome, ZNS-Symptome |
| Chronische Phase | > 3 Monate nach Aufenthalt | Eosinophilie, Erschöpfung, mikrozytäre Anämie |
| Gastrointestinal | Spätstadium | Chronische Diarrhoe, Kolitis, periportale Leberfibrose, portale Hypertension, Splenomegalie |
| Urogenital | Spätstadium | Hämaturie, Dysurie, Blasenkarzinom, Hydronephrose, genitale Läsionen, Sterilität |
Diagnostik
Eine Diagnostik sollte bei zurückliegendem Aufenthalt in Endemiegebieten und nachfolgenden Symptomen oder Süßwasserkontakt veranlasst werden (Evidenz-Stufe 4, Empfehlungsgrad B).
Screening bei Asymptomatischen
Ein Screening wird empfohlen für:
- Personen mit Süßwasserkontakt in Endemiegebieten.
- Personen mit Langzeitaufenthalten in Endemiegebieten (auch ohne erinnerlichen Kontakt).
- Geflüchtete/Migranten aus Endemiegebieten.
Wichtig: Das Screening sollte frühestens 3 Monate nach der letzten möglichen Exposition erfolgen.
Basisdiagnostik
| Methode | Indikation / Material | Bemerkung |
|---|---|---|
| Serologie | Serum (ca. 2 ml) | Bei Screening ausreichend (Kombination aus 2 Tests wie ELISA, IFT empfohlen). |
| Stuhl-Untersuchung | 3 konsekutive Proben | Ei-Nachweis für S. mansoni, S. japonicum, S. mekongi, S. intercalatum. |
| Urin-Untersuchung | 3 konsekutive Sammelurine (10-14 Uhr) | Ei-Nachweis für S. haematobium. |
Zusatzdiagnostik: Bei nachgewiesener Infektion ist eine Sonographie des Abdomens und/oder Urogenitaltraktes sowie eine Labordiagnostik (Blutbild, Leberwerte, Retentionsparameter) indiziert, um Organschäden zu erfassen.
Therapie
Das einzige verfügbare Medikament ist Praziquantel. Abweichend von WHO-Empfehlungen für Endemiegebiete wird in Deutschland eine 3-Tages-Therapie bevorzugt (Dauer der Therapie: Evidenz-Stufe 2a, Empfehlungsgrad C).
| Indikation / Erreger | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Katayama-Syndrom | Symptomatisch (ggf. Kortikosteroide) | Praziquantel wirkt schlecht auf juvenile Würmer. Reevaluation nach 3 Monaten. |
| S. haematobium / S. mansoni | 40 mg/kg KG/Tag über 3 Tage | Evidenz-Stufe 1b, Empfehlungsgrad A |
| S. intercalatum, S. mekongi, S. japonicum | 60 mg/kg KG/Tag über 3 Tage | Tagesdosis kann in 2 Dosen aufgeteilt werden. Evidenz-Stufe 1b, Empfehlungsgrad A |
| Vermutete Infektion (Serologie positiv, kein Ei-Nachweis) | 40 mg/kg KG/Tag über 3 Tage | Wenn nicht in Asien erworben. Evidenz-Stufe 4, Empfehlungsgrad C |
Besondere Patientengruppen
- Kinder: Nebenwirkungen treten häufiger auf. Die Sicherheit unter 4 Jahren ist nicht erwiesen.
- Schwangere: Behandlung nach Risikoabwägung bevorzugt nach Abschluss der Schwangerschaft. Die WHO befürwortet jedoch eine Therapie, da die Fetusschädigung durch Bilharziose oft größer ist als durch Praziquantel.
Verlaufskontrollen
Da Eier bis zu 3 Monate nach Ablage absterben, beweist der Nachweis vitaler Eier zu einem späteren Zeitpunkt ein Therapieversagen. Kontrollen sollten nach 6, 12 und 24 Monaten erfolgen:
- Parasitologische Untersuchung (3x Stuhl bzw. Urin).
- Serologische Kontrolle (möglichst im selben Labor).
- Kontrolle pathologischer Vorbefunde (Sonographie).
Eine Schistosomiasis gilt als parasitologisch geheilt, wenn bei den Folgeuntersuchungen kein Ei-Nachweis mehr gelingt und die Antikörper nach 12 und 24 Monaten abfallen oder negativ sind.
💡Praxis-Tipp
Behandeln Sie das akute Katayama-Syndrom (Frühphase < 3 Monate) nicht sofort mit Praziquantel, da es gegen juvenile Würmer unzureichend wirkt und sich die Symptomatik verschlechtern kann. Therapieren Sie symptomatisch und reevaluieren Sie nach 3 Monaten.