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Chagas-Krankheit: Leitlinie zu Diagnostik & Therapie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ein systematisches Screening wird für Schwangere, Frauen im gebärfähigen Alter sowie Blut- und Organspender aus Endemiegebieten empfohlen.
  • Die Diagnose der chronischen Chagas-Krankheit erfordert zwingend zwei methodisch unterschiedliche serologische Tests.
  • Benznidazol ist das Medikament der ersten Wahl zur trypanoziden Therapie, gefolgt von Nifurtimox.
  • Medikamente müssen in Deutschland über die WHO im Rahmen eines individuellen Heilversuchs bezogen werden.
  • Die Basisdiagnostik bei Erstdiagnose muss ein 30-Sekunden-EKG, ein Röntgen-Thorax und eine Echokardiographie umfassen.
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Hintergrund

Die Chagas-Krankheit (CD) wird durch den Parasiten Trypanosoma cruzi verursacht. Sie ist in 21 lateinamerikanischen Ländern endemisch, breitet sich jedoch durch Migration und nicht-vektorielle Übertragungswege (Mutter-Kind, Bluttransfusionen, Organtransplantationen) weltweit aus. In Deutschland besteht eine erhebliche Unterdiagnostik, weshalb gezielte Screening- und Managementstrategien essenziell sind.

Screening-Indikationen

Ein Screening auf T. cruzi sollte zielgruppenorientiert erfolgen. Als Risikopersonen gelten Menschen, die aus Endemiegebieten stammen oder deren Mütter einen positiven oder unbekannten CD-Status haben.

ZielgruppeEmpfehlungKonsensstärke
Schwangere FrauenEmpfohlenStarker Konsens
Frauen im gebärfähigen AlterEmpfohlenStarker Konsens
Blut- und Organspender/-empfängerEmpfohlenStarker Konsens
Patienten mit (Risiko für) ImmundefizienzNahegelegtStarker Konsens
Asymptomatische nach Langzeitaufenthalt in EndemiegebietenEinzelfallentscheidungStarker Konsens

Diagnostik

Die Wahl der Diagnostik richtet sich nach der Krankheitsphase und dem Patientenalter.

  • Akute Phase, Reaktivierung & Neugeborene: Direkter Parasitennachweis mittels Mikroskopie (z.B. Ausstrich, dicker Tropfen) oder PCR.
  • Chronische Phase: Indirekter Nachweis über Antikörper. Da Kreuzreaktivitäten (z.B. mit Leishmanien) möglich sind, ist ein zweistufiges Vorgehen Pflicht.
Diagnostischer SchrittMethode / VorgehenKonsensstärke
Primäre TestsZwei verschiedene serologische Tests mit unterschiedlichen Methoden/Antigenen (z.B. ELISA, IIFT)Starker Konsens
Bestätigungstest (bei widersprüchlichen Ergebnissen)Ein sofortiger dritter Test ODER Wiederholung der zwei Tests nach 3 MonatenStarker Konsens

Trypanozide Therapie

Ziel der Therapie ist die Elimination des Parasiten, die Verhinderung von Organschäden und der Stopp der kongenitalen Übertragung.

Indikationen zur Therapie

PatientengruppeTherapie-EmpfehlungKonsensstärke
Akute Infektion, kongenitale Infektion, ReaktivierungEmpfohlenStarker Konsens
Chronische Infektion bei Patienten < 18 JahreEmpfohlenStarker Konsens
Nicht schwangere Frauen im gebärfähigen AlterEmpfohlenStarker Konsens
Chronische Infektion (18-50 Jahre) ohne OrganschädenVorgeschlagenStarker Konsens
Patienten > 50 Jahre ODER mit spezifischen OrganschädenEinzelfallentscheidungStarker Konsens

Medikamentöse Optionen

Beide verfügbaren Medikamente sind in Deutschland nicht regulär zugelassen und müssen über die WHO angefordert und als individueller Heilversuch (mit "Informed Consent") verordnet werden.

PrioritätWirkstoffDosierung (Erwachsene > 40 kg)Dauer
1. WahlBenznidazol (BNZ)5 mg/kg KG in 2-3 Dosen (max. 300 mg/Tag)60 Tage
2. WahlNifurtimox (NFX)8-10 mg/kg KG in 2-3 Dosen60 Tage

Hinweis: Bei Kindern und Personen ≤ 40 kg gelten abweichende, teils höhere gewichtsadaptierte Dosierungen (z.B. BNZ 7,5-10 mg/kg bei akuter Infektion).

Klinisches Management und Follow-up

Etwa 30 % der chronisch Infizierten entwickeln kardiale und 10 % gastrointestinale Funktionsstörungen. Eine regelmäßige Überwachung ist zwingend.

SituationEmpfohlene EvaluationKonsensstärke
Basis-Evaluation (bei Erstdiagnose)Anamnese, körperliche Untersuchung, EKG (30-Sekunden-Rhythmusstreifen), Röntgen-Thorax, EchokardiographieStarker Konsens
Follow-up (asymptomatisch, keine Organschäden)Jährliche Anamnese, klinische Untersuchung, EKG (30-Sekunden-Rhythmusstreifen)Starker Konsens
Bei OrganschädenInterdisziplinäres Management (Kardiologie, Gastroenterologie etc.)Starker Konsens

Besonderheit Chagas-Kardiomyopathie: Bei Vorliegen einer links- oder rechtsventrikulären Dysfunktion kann die Erkrankung sehr schnell progredient sein. Patienten mit einer LVEF < 30 %, NYHA III-IV oder malignen Arrhythmien sollten frühzeitig einem Herztransplantationszentrum vorgestellt werden.

Schwangerschaft und Neugeborene

  • Schwangere: Eine trypanozide Therapie ist während der Schwangerschaft kontraindiziert. Stillen ist in der Regel sicher, eine Therapie der Mutter sollte jedoch idealerweise bis nach dem Abstillen aufgeschoben werden.
  • Neugeborene von CD-positiven Müttern:
    • PCR-Test in der ersten Lebenswoche (nicht aus Nabelschnurblut).
    • Bei negativer PCR: Wiederholung im Alter von 1-2 Monaten.
    • Serologische Testung: Erst im Alter von > 10 Monaten (nach Abbau mütterlicher Antikörper).

💡Praxis-Tipp

Verlassen Sie sich bei der Diagnostik der chronischen Chagas-Krankheit niemals auf einen einzelnen Antikörpertest. Fordern Sie im Labor immer zwei methodisch unterschiedliche serologische Tests an. Denken Sie bei der Therapieplanung an die Vorlaufzeit für die Medikamentenbeschaffung über die WHO.

Häufig gestellte Fragen

Ein Screening wird dringend empfohlen für Schwangere, Frauen im gebärfähigen Alter, Blut- und Organspender sowie immunsupprimierte Patienten, die aus Endemiegebieten (Lateinamerika) stammen oder deren Mütter von dort kommen.
Die Diagnose erfordert den indirekten Nachweis durch zwei verschiedene serologische Tests (z.B. ELISA und IIFT), die unterschiedliche Methoden oder Antigene nutzen. Bei widersprüchlichen Ergebnissen muss ein dritter Test erfolgen oder nach 3 Monaten wiederholt werden.
Beide Medikamente sind in Deutschland nicht zugelassen. Sie müssen über ein spezielles Anforderungsformular direkt bei der WHO bezogen und im Rahmen eines individuellen Heilversuchs nach Aufklärung des Patienten verordnet werden.
Eine Serologie ist bei Neugeborenen erst ab einem Alter von über 10 Monaten sinnvoll, da vorher mütterliche Antikörper das Ergebnis verfälschen. In den ersten Lebensmonaten muss der direkte Erregernachweis mittels PCR erfolgen.
Jeder neu diagnostizierte Patient benötigt eine Anamnese, eine körperliche Untersuchung, ein 30-Sekunden-EKG, eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs und eine Echokardiographie, um asymptomatische Organschäden auszuschließen.

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