Arbovirosen & Dengue: Leitlinie (AWMF/DTG)
📋Auf einen Blick
- •Arbovirosen wie Dengue und Chikungunya breiten sich durch Vektoren wie Aedes albopictus zunehmend auch in Europa aus.
- •Die Diagnostik stützt sich auf die Reiseanamnese, syndromale Einteilung und stadiengerechte Labordiagnostik (PCR, Antigen, Serologie).
- •Die Therapie erfolgt rein symptomatisch; ASS und NSAR (wie Ibuprofen) sollten wegen potenzieller Blutungsgefahr vermieden werden.
- •Dengue wird in drei Schweregrade eingeteilt: ohne Warnzeichen, mit Warnzeichen und schweres Dengue.
- •In der kritischen Phase der Dengue-Infektion steht das Management des Capillary-Leak-Syndroms mittels balancierter Volumentherapie im Fokus.
Hintergrund
Arboviren (arthropod-borne viruses) werden durch blutsaugende Gliederfüßer wie Stechmücken oder Zecken übertragen. Zu den humanmedizinisch bedeutendsten Vertretern gehören das Dengue-, Chikungunya-, Zika-, West-Nil- und Gelbfieber-Virus.
Die weltweite Ausbreitung nimmt durch Globalisierung, Urbanisierung und den Klimawandel stark zu. Insbesondere die invasive Tigermücke (Aedes albopictus) etabliert sich zunehmend in Europa und Deutschland, was zu autochthonen (einheimischen) Übertragungen führen kann.
Syndromale Einteilung
Da sich die Endemiegebiete überschneiden, hilft initial eine syndromale Einteilung der klinischen Leitsymptome:
| Syndrom | Leitsymptome | Häufige Auslöser |
|---|---|---|
| Fieberhafte Erkrankung | Fieber, Myalgie, ggf. Exanthem | Dengue, Zika, West-Nil |
| Polyarthralgie | Gelenkschmerzen, Exanthem | Chikungunya |
| Neurologische Symptomatik | Enzephalitis, Meningitis | West-Nil, FSME, Japanische Enzephalitis |
| Hämorrhagische Verläufe | Blutungen, Schock | Gelbfieber, Dengue, Krim-Kongo |
Diagnostik
Eine ausführliche Reiseanamnese (inkl. Aufenthaltsdauer und Inkubationszeit) ist essenziell. Wichtige Differenzialdiagnosen wie Malaria müssen zwingend ausgeschlossen werden.
- Tag 1-8 nach Symptombeginn: Virusdirektnachweis mittels PCR (NAT) oder Antigen-Test (z.B. NS1-Antigen bei Dengue).
- Ab Tag 5: Serologische Diagnostik (IgM/IgG).
Achtung: Bei vorangegangenen Flavivirus-Infektionen oder Impfungen (z.B. FSME, Gelbfieber) kann es zu starken serologischen Kreuzreaktionen kommen.
Allgemeine Therapiegrundsätze
Es existieren nahezu keine spezifischen antiviralen Therapien. Die Behandlung erfolgt symptomatisch:
- Fieber- und Schmerztherapie: Paracetamol ist das Mittel der Wahl.
- Kontraindiziert: Acetylsalicylsäure (ASS) und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR wie Ibuprofen) sollten strikt vermieden werden, da sie das Blutungsrisiko theoretisch erhöhen können.
- Volumentherapie: Gabe von Kristalloiden zur Sicherstellung der Euvolämie.
Dengue-Virus
Das Dengue-Virus (DENV) tritt in vier Serotypen auf. Eine Infektion hinterlässt keine sichere Kreuzimmunität, sodass man bis zu viermal erkranken kann. Der Krankheitsverlauf gliedert sich in drei Phasen:
- Febrile Phase (Tag 1-7): Hohes Fieber, Kopf-/Gliederschmerzen, retroorbitaler Schmerz, ggf. Exanthem.
- Kritische Phase (24-48h nach Entfieberung): Gefahr des Capillary-Leak-Syndroms und von Blutungen.
- Erholungsphase: Resorption der Flüssigkeit (Gefahr der Hypervolämie bei fortgesetzter Infusion).
Schweregrade und Warnzeichen
Die WHO teilt Dengue in drei Schweregrade ein:
| Schweregrad | Klinische und laborchemische Kriterien |
|---|---|
| Dengue ohne Warnzeichen | Übelkeit, Exanthem, Kopfschmerzen, Leukopenie, pos. Tourniquet-Test |
| Dengue mit Warnzeichen | Abwehrspannung, persistierendes Erbrechen, Schleimhautblutungen, Hepatomegalie >2 cm, Hämatokrit ↑ bei Thrombozyten ↓ |
| Schweres Dengue | Schweres Capillary Leak (Schock, ARDS), schwere Blutungen, Organdysfunktion (AST/ALT >1000) |
Spezifische Therapie bei Dengue
Patienten mit Warnzeichen oder schwerem Dengue müssen stationär überwacht werden. Die Flüssigkeitssubstitution ist die wichtigste Maßnahme:
- Initial 5-7 ml/kgKG/h kristalloide Lösungen für 1-2 Stunden.
- Bei Besserung Reduktion auf 3-5 ml/kgKG/h, später 2-3 ml/kgKG/h.
- Engmaschiges Monitoring von Hämatokrit, Diurese und Hämodynamik.
Prävention und Impfung
| Impfstoff | Typ | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Qdenga® | Lebendimpfstoff | Ab 4 Jahren, unabhängig vom Serostatus. 2 Dosen (Monate 0 und 3). |
| Dengvaxia® | Lebendimpfstoff | Nur bei laborbestätigter Vorinfektion (Seropositive). |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Verdacht auf eine Arbovirose (insbesondere Dengue) strikt auf ASS und NSAR wie Ibuprofen zur Fiebersenkung. Nutzen Sie stattdessen Paracetamol und überwachen Sie den Hämatokrit als Frühwarnzeichen für ein Capillary-Leak-Syndrom.