Ambulante Regionalanästhesie: S1-Leitlinie (DGAI)
📋Auf einen Blick
- •Eine strukturierte Gerinnungsanamnese ist ausreichend; Routinelabore sind bei unauffälliger Anamnese verzichtbar.
- •Das Überwachungsintervall beträgt mindestens 60 Minuten nach Blockadeanlage (Spinalanästhesie) bzw. nach Wirkbeginn (periphere Blockade).
- •Die Entlassung ins häusliche Umfeld erfordert die Sicherstellung der Betreuung durch eine geeignete Person für die ersten 24 Stunden.
- •Bei Spinalanästhesien muss auf Harnretention (POUR) und transiente neurologische Symptome (TNS) geachtet werden; Lidocain sollte gemieden werden.
- •Patienten müssen zwingend über den 'Rebound Pain' und die Verletzungsgefahr der betäubten Extremität aufgeklärt werden.
Hintergrund
Die Zahl ambulanter Operationen steigt stetig. Die Regionalanästhesie (RA) spielt hierbei eine zentrale Rolle, da sie eine verbesserte postoperative Analgesie bietet und opioidsparende Konzepte ermöglicht. Dies erlaubt es, zunehmend komplexere Eingriffe (z.B. Schulter- oder Kniegelenksrekonstruktionen) sowie Eingriffe bei älteren oder vorerkrankten Patienten (z.B. OSAS, chronische Schmerzpatienten) sicher ambulant durchzuführen. Der Einsatz von Ultraschall hat die Erfolgsquote auf über 95% gesteigert und Komplikationen reduziert.
Voraussetzungen und Vorbereitung
Für die ambulante Regionalanästhesie gelten die gleichen apparativen und personellen Voraussetzungen wie im stationären Bereich (z.B. venöser Zugang, kardiopulmonales Monitoring, Notfallequipment). Standard Operating Procedures (SOPs), insbesondere zur Behandlung der systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST), müssen etabliert sein.
Gerinnungsmanagement
- Eine strukturierte Gerinnungsanamnese ist vor peripheren und neuraxialen Verfahren obligatorisch.
- Bei unauffälliger Anamnese ist eine laborchemische Gerinnungsanalyse (Thrombozyten, INR, PTT) nicht erforderlich.
- Bei auffälliger Anamnese oder bestehender Koagulopathie sollte auf rückenmarksnahe oder tiefe periphere Blockaden verzichtet werden.
Blutungsrisiko bei peripheren Blockaden
Die Leitlinie teilt periphere Blockaden bei bestehender Koagulopathie in verschiedene Risikokategorien ein:
| Risiko | Kategorie | Beispiele |
|---|---|---|
| Hohes Risiko | Paravertebralblockaden, tiefe zervikale Blockaden | Paravertebralblock, Plexus-lumbalis-Block |
| Tiefe Blockaden | Tiefe periphere Blockaden | Proximaler N. ischiadicus-Block, Quadratus-lumborum-Block |
| Oberflächlich perivaskulär | Gefäßnahe Blockaden | Poplitealer Block, Femoralis-Block, axillärer/infraklavikulärer Plexus |
| Faszien-Blockaden | Rumpfwandblockaden | TAP-Block, Pecs-Block, Fascia iliaca-Kompartment-Block |
| Normales Risiko | Oberflächliche periphere Blockaden | Distale Nervenblöcke (Ulnaris, Radialis, Medianus), Fußblock |
Entlassmanagement
Für die Entlassung muss eine sachgerechte Versorgung durch eine Betreuungsperson für die ersten 24 postoperativen Stunden sichergestellt sein. Patienten sind über Fahruntauglichkeit, eingeschränkte Geschäftsfähigkeit und Verletzungsgefahren (thermisch/mechanisch) der betäubten Extremität aufzuklären.
Spezifische Entlasskriterien
| Verfahren | Überwachungsintervall | Spezifische Kriterien vor Entlassung |
|---|---|---|
| Spinalanästhesie | Min. 60 Minuten nach Blockadedurchführung | Sensomotorik ausreichend rückläufig für sichere Mobilisation; ggf. Spontanmiktion (bei Risikopatienten) |
| Periphere RA | Min. 60 Minuten nach Einsetzen der Blockadewirkung | Ausreichende Sicherung der Extremität (z.B. Gehstützen) |
Besonderheiten und Komplikationen
Spinalanästhesie
- Harnretention (POUR): Risikofaktoren sind Alter >50 Jahre, männliches Geschlecht, Hernien-/anorektale Chirurgie und langwirksame Lokalanästhetika. Für diese Risikogruppen ist eine erfolgreiche Spontanmiktion ein obligates Entlasskriterium. Bei >500 ml Urin im Ultraschall ohne Miktion sollte einmalig katheterisiert werden.
- Transiente Neurologische Störungen (TNS): Treten verzögert (bis 24h) als Schmerzen in den Beinen auf. Aufgrund der hohen Inzidenz bei Lidocain (bis 36%) und Mepivacain sollten alternative Substanzen (z.B. Prilocain, Chloroprocain) bevorzugt werden.
Periphere Nervenblockaden
- Rebound Pain: Patienten müssen instruiert werden, Basisanalgetika nach festem Schema einzunehmen, bevor die sensible Blockade vollständig abgeklungen ist.
- Plexus brachialis (interskalenär/supraklavikulär): Bei postoperativer Dyspnoe muss sonografisch ein Pneumothorax oder eine Zwerchfellparese ausgeschlossen werden.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Patienten explizit über den 'Rebound Pain' auf: Verordnete Basisanalgetika müssen nach einem festen Zeitschema eingenommen werden, noch bevor die schmerzausschaltende Wirkung der Blockade nachlässt.