Kopfschmerz vom Spannungstyp: Leitlinie (AWMF/DGN)
📋Auf einen Blick
- •Ibuprofen, ASS und Paracetamol sind die Mittel der 1. Wahl in der medikamentösen Akuttherapie.
- •10%iges Pfefferminzöl ist eine evidenzbasierte, topische Alternative zur Akutbehandlung.
- •Zur Vermeidung eines Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes gelten Einnahmegrenzen von max. 15 Tagen/Monat für einfache Analgetika.
- •Amitriptylin (10-150 mg/Tag) ist das Mittel der 1. Wahl zur medikamentösen Prophylaxe des chronischen KST.
- •Multimodale Therapiekonzepte (Physiotherapie, Entspannungsverfahren, Ausdauersport) werden zur Prophylaxe dringend empfohlen.
Hintergrund
Der Kopfschmerz vom Spannungstyp (KST) ist der weltweit häufigste primäre Kopfschmerz. Die Lebensqualität der Betroffenen ist insbesondere bei der chronischen Form (≥ 15 Kopfschmerztage/Monat) stark eingeschränkt. Im Gegensatz zur Migräne fehlen vegetative Begleitsymptome meist völlig oder sind nur sehr gering ausgeprägt. Die genaue Pathophysiologie ist nicht abschließend geklärt, jedoch spielt bei der Chronifizierung eine zentrale Sensibilisierung eine wesentliche Rolle.
Diagnostik und Klassifikation
Die Diagnose erfolgt klinisch anhand einer strukturierten Anamnese nach den Kriterien der ICHD-3. Ein unauffälliger neurologischer und internistischer Status wird vorausgesetzt. Bildgebung ist nur bei Verdacht auf sekundäre Kopfschmerzen indiziert.
| Form | Häufigkeit | Dauer |
|---|---|---|
| Selten episodisch | < 12 Tage/Jahr | 30 Min. bis 7 Tage |
| Häufig episodisch | 1-14 Tage/Monat (> 3 Monate) | 30 Min. bis 7 Tage |
| Chronisch | ≥ 15 Tage/Monat (> 3 Monate) | Stunden bis kontinuierlich |
Klinische Kriterien (mindestens 2 müssen erfüllt sein):
- Beidseitige Lokalisation
- Schmerzqualität drückend oder beengend (nicht pulsierend)
- Leichte bis mittlere Schmerzintensität
- Keine Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten (z. B. Gehen, Treppensteigen)
Zudem darf weder Erbrechen noch mittelstarke bis starke Übelkeit vorliegen. Photophobie oder Phonophobie können vorhanden sein, jedoch nicht beides gleichzeitig.
Akuttherapie
Ziel der Akuttherapie ist die Schmerzfreiheit nach zwei Stunden. Um einen Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch (MOH) zu vermeiden, gelten strenge Einnahmegrenzen: einfache Analgetika max. 15 Tage/Monat, Kombinationspräparate max. 10 Tage/Monat.
| Wirkstoff | Dosierung | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Ibuprofen | 400-800 mg | 1. Wahl | Schnellerer Wirkeintritt als Paracetamol |
| Acetylsalicylsäure (ASS) | 500-1000 mg | 1. Wahl | Kontraindiziert im 3. Trimenon der Schwangerschaft |
| Paracetamol | 1000 mg | 1. Wahl | Geringere Dosen (500 mg) zeigten sich oft nicht wirksamer als Placebo |
| Kombinationspräparate (ASS + Paracetamol + Koffein) | - | 2. Wahl | Höhere Wirksamkeit, aber mehr Nebenwirkungen. Erst einsetzen, wenn Monopräparate nicht ausreichen |
Topische Therapie: 10%iges Pfefferminzöl, 3-mal im Abstand von je 15 Minuten großflächig auf Stirn und Schläfen aufgetragen, wirkt schmerzlindernd und ist eine hervorragende nicht medikamentöse Alternative.
Prophylaxe
Eine prophylaktische Therapie ist in der Regel beim chronischen KST und bei stark beeinträchtigendem häufigen episodischen KST indiziert.
Nicht medikamentöse Verfahren
Die Leitlinie empfiehlt primär multimodale Therapieansätze, da Kombinationen wirksamer sind als Einzelinterventionen:
- Physiotherapie: Weichteiltechniken (Triggerpunkt-Therapie), manuelle Therapie und gezielte Übungstherapie für die Halswirbelsäule.
- Sport: Regelmäßiges Ausdauer- und/oder Krafttraining.
- Psychologische Verfahren: Biofeedback (EMG), Entspannungsverfahren (z. B. progressive Muskelrelaxation) und kognitive Verhaltenstherapie (Stressbewältigungstraining).
Medikamentöse Verfahren
| Wirkstoff | Dosierung | Empfehlungsgrad | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Amitriptylin | 10-150 mg/Tag | 1. Wahl | Einziges zugelassenes Medikament; langsame Dosissteigerung empfohlen |
| Mirtazapin | 15-60 mg/Tag | 2. Wahl | Einsatz soll erwogen werden (Off-label) |
| Venlafaxin | 150 mg/Tag | 2. Wahl | Einsatz kann erwogen werden (Off-label) |
| Topiramat | 75-200 mg/Tag | 2. Wahl | Therapieerfolg oft erst nach 3 Monaten (Off-label) |
Nicht empfohlen werden: Botulinumtoxin, Opiate, Valproinsäure, Gabapentin und die Blockade des N. occipitalis major zeigten in Studien keine Wirksamkeit beim KST und sollten nicht eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie 10%iges Pfefferminzöl als topische Akuttherapie – es ist evidenzbasiert wirksam und ideal für Schwangere oder Patienten mit Kontraindikationen für NSAR. Beginnen Sie eine Prophylaxe mit Amitriptylin immer einschleichend (z.B. 10-25 mg) und evaluieren Sie die Wirkung erst nach 4-8 Wochen.