Nicht-spezifische Nackenschmerzen: Leitlinie (DEGAM/AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bei akuten Nackenschmerzen ohne Hinweise auf strukturelle Ursachen (Red Flags) ist keine Bildgebung indiziert.
- •Körperliche Aktivität soll zur Behandlung aktiv gefördert werden (Empfehlungsgrad A).
- •NSAR können bei akuten Beschwerden kurzzeitig eingesetzt werden, sind bei chronischen Schmerzen jedoch zu vermeiden.
- •Paracetamol, Muskelrelaxanzien, Cannabis und Opioide werden in der Regel nicht empfohlen.
- •Passive physikalische Maßnahmen (z.B. Fango, Rotlicht, Ultraschall) sollen nicht verordnet werden.
Hintergrund
Nackenschmerzen sind definiert als Schmerzen im Bereich zwischen der oberen Nackenlinie (Linea nuchalis superior), dem ersten Brustwirbel und den schultergelenksnahen Ansätzen des M. trapezius. Sie sind ein sehr häufiger Beratungsanlass in der Hausarztpraxis (Punktprävalenz ca. 5 %). In weniger als 1 % der Fälle liegt den Beschwerden ein abwendbar gefährlicher Verlauf (AGV) zugrunde. Die Leitlinie bezieht sich auf Patienten ohne Zeichen einer bedeutsamen strukturellen Pathologie (Grad I und II).
Diagnostik
Die Basisdiagnostik besteht aus einer ausführlichen Anamnese und einer körperlichen Untersuchung. Finden sich beim Erstkontakt keine Hinweise auf strukturelle Ursachen, sollen vorerst keine weiteren diagnostischen Maßnahmen durchgeführt werden.
Warnhinweise (Red Flags)
Folgende anamnestische Hinweise deuten auf strukturelle Ursachen hin und erfordern eine weiterführende Abklärung:
| Kategorie | Hinweise auf strukturelle Ursachen |
|---|---|
| Schmerzcharakteristika | Ausstrahlung in den Arm, nächtlicher Schmerz |
| Neurologische Symptome | Motorische Ausfälle, Taubheitsgefühl, Blasen-/Mastdarmstörung, Schwindel, Sehstörungen |
| Infektsymptome | Fieber, Schüttelfrost, Infekt in der Anamnese |
| B-Symptomatik | Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Leistungsknick |
| Systemerkrankungen | Bekannte Neoplasie, Osteoporose, Autoimmunerkrankung, Immunsuppression |
Bildgebung und Labor
- Keine routinemäßige Bildgebung: Bei akuten und rezidivierenden Nackenschmerzen ohne Red Flags soll keine Bildgebung erfolgen (A).
- Kein primäres Röntgen: Röntgenuntersuchungen sollten zur primären Abklärung struktureller Ursachen nicht durchgeführt werden.
- Kein Routinelabor: Ohne relevanten Hinweis auf strukturelle Ursachen soll keine Laboruntersuchung erfolgen.
- Re-Evaluation: Bei anhaltenden oder progredienten Schmerzen trotz leitliniengerechter Therapie (nach 4-6 Wochen) soll die Indikation zur Bildgebung überprüft werden.
| Auszuschließende Ursache | Bevorzugte Schnittbildtechnik | Kontrastmittel |
|---|---|---|
| Fraktur | CT | ja/nein (je nach Fragestellung) |
| Entzündung | MRT | ja |
| Radikulopathien/Neuropathien | MRT | nein |
| Tumor/Metastasen | MRT | ja |
Selbstmanagement
Das primäre Ziel ist die Aktivierung der Patienten.
- Körperliche Aktivität: Soll empfohlen werden (A).
- Ruhigstellung: Sollte nicht empfohlen werden, da sie das Risiko für Medikalisierung und Muskelatrophie birgt.
- Wärme: Die Selbstanwendung von Wärme (z.B. Körnerkissen) sollte empfohlen werden (B).
- Entspannungsverfahren: Können empfohlen werden (0).
Medikamentöse Therapie
Medikamente dienen primär dazu, körperliche Aktivität zu ermöglichen. Sie sollten in der niedrigsten effektiven Dosis für die kürzestmögliche Zeit eingesetzt werden.
NSAR (Nichtsteroidale Antirheumatika)
NSAR können bei akuten Nackenschmerzen über einen kurzen Zeitraum empfohlen werden (0). Bei chronischen Schmerzen sollten sie nicht eingesetzt werden. Eine parenterale Gabe soll nicht erfolgen.
| Arzneistoff | Empfohlene Tageshöchstdosis | Kurzzeitige Maximaldosis |
|---|---|---|
| Ibuprofen | 1200 mg | 2400 mg |
| Diclofenac | 100 mg | 150 mg |
| Naproxen | 750 mg | 1250 mg |
Hinweis: Bei Risiken für gastrointestinale Komplikationen sollte prophylaktisch ein Protonenpumpenhemmer (PPI) gegeben werden.
Weitere Analgetika
- Metamizol: Kann kurzzeitig als Alternative erwogen werden, wenn NSAR kontraindiziert sind.
- Paracetamol: Sollte nicht empfohlen werden (B).
- Muskelrelaxanzien: Sollten bei akuten Schmerzen nicht (B) und bei chronischen Schmerzen auf keinen Fall (A) empfohlen werden.
- Opioide: Sollen bei akuten Schmerzen nicht empfohlen werden (A). Auch bei chronischen Schmerzen sollten sie in der Regel nicht zum Einsatz kommen.
- Cannabis: Soll nicht empfohlen werden.
Nicht-medikamentöse Therapie
Die Leitlinie spricht sich klar gegen passive Maßnahmen aus, da diese die Passivität der Patienten fördern und dem Behandlungsziel der Aktivierung widersprechen.
Empfohlene Maßnahmen
- Bewegungstherapie: Soll bei chronischen Nackenschmerzen verordnet werden (A). Bei akuten Schmerzen kann sie verordnet werden.
- Patientenedukation: Sollte eingesetzt werden (B), z.B. durch "Pain Neuroscience Education" (PNE), um Schmerzmechanismen zu erklären und Kinesiophobie abzubauen.
- Manipulation/Mobilisation: Kann angeboten werden (0).
Nicht empfohlene Maßnahmen (Sollte nicht / Soll nicht)
Folgende passive Maßnahmen sollten zur Behandlung nicht-spezifischer Nackenschmerzen nicht verordnet oder eingesetzt werden:
- Mechanische Traktion (B)
- Lasertherapie (B)
- Elektrotherapie / Interferenzstrom (B)
- Ultraschall inkl. Stoßwelle
- Bäder, Fango und Rotlicht (als verordnete Heilmittel)
- Kryotherapie
- Kinesiotaping (B)
- Akupunktur (bei akuten Schmerzen)
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei akuten Nackenschmerzen ohne Red Flags auf Röntgenbilder und Laboruntersuchungen. Klären Sie den Patienten über die Gutartigkeit der Beschwerden auf und motivieren Sie ihn, trotz Schmerzen körperlich aktiv zu bleiben.