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Zerebrale Vaskulitis & RZA: S1-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die primäre Angiitis des ZNS (PACNS) erfordert zur Diagnosesicherung eine DSA und/oder Hirnbiopsie zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen.
  • Wichtigste Differenzialdiagnose der PACNS ist das reversible zerebrale Vasokonstriktionssyndrom (RCVS), das sich nach 12 Wochen zurückbildet.
  • Die Induktionstherapie der PACNS erfolgt mit Glukokortikoiden und Cyclophosphamid (oder Rituximab), gefolgt von einer Erhaltungstherapie über mindestens 24 Monate.
  • Bei Verdacht auf Riesenzellarteriitis (RZA) mit drohendem Visusverlust muss unverzüglich eine Glukokortikoid-Therapie eingeleitet werden.
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Hintergrund

Die primäre Angiitis des ZNS (PACNS) ist eine seltene Vaskulitis, die ausschließlich das zentrale Nervensystem betrifft. Die Symptome sind oft unspezifisch (fokal-neurologische Defizite, Kopfschmerzen, kognitive Beeinträchtigungen). Anhand des histopathologischen und bildmorphologischen Musters werden zwei Subtypen unterschieden:

SubtypBildgebung / AngiographieBiopsieKlinische Besonderheiten
SV-PACNS (Small-Vessel)DSA oft unauffällig, MRT zeigt Gadolinium-AufnahmeHäufig positivKognitive Defizite und epileptische Anfälle häufiger
MV/LV-PACNS (Medium/Large-Vessel)DSA zeigt segmentale StenosierungenHäufig negativFokal-neurologische Defizite und ischämische Läsionen häufiger

Diagnostik der PACNS

Eine umfangreiche Abklärung zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen ("PACNS mimics") ist essenziell, um eine potenziell toxische, nicht indizierte Immunsuppression zu vermeiden.

  • MRT: Eine PACNS ist bei unauffälligem MRT sehr unwahrscheinlich. Diffusionsgewichtete Aufnahmen (DWI/ADC) und Kontrastmittelgabe sind obligat. Hochauflösendes Black-Blood-Imaging kann eine Gefäßwandverdickung zeigen.
  • Liquor: Oft zeigt sich eine lymphomonozytäre Pleozytose und/oder Eiweißerhöhung. Ein unauffälliger Liquor schließt eine PACNS nicht aus, macht sie aber unwahrscheinlicher.
  • Digitale Subtraktionsangiographie (DSA): Gehört zum Goldstandard. Sollte bei Verdacht auf MV/LV-PACNS auch bei unauffälliger MRA/CTA durchgeführt werden und vor einer Biopsie erfolgen.
  • Hirnbiopsie: Kombinierte leptomeningeale und parenchymatöse Biopsie aus MR-tomographisch betroffenen Arealen. Besonders wichtig bei Verdacht auf SV-PACNS, auch bei auffälliger DSA.

Therapie der PACNS

Es fehlen prospektive Studien; die Empfehlungen basieren auf Expertenkonsens. Eine Monotherapie mit Glukokortikoiden (GC) wird nur für klinisch mild betroffene Patienten empfohlen.

PhaseTherapieBemerkung
InduktionGlukokortikoide (250–1.000 mg Methylprednisolon i.v. für 3–5 Tage, dann 1 mg/kg KG p.o.) + Cyclophosphamid (CYC) für 6 MonateAlternativ zu CYC kann Rituximab (RTX) erwogen werden.
ErhaltungAzathioprin (AZA), Mycophenolatmofetil (MMF), Methotrexat (MTX) oder RTXEin Therapieauslassversuch kann nach 24 Monaten Rezidivfreiheit erwogen werden.
ZusatztherapieAcetylsalicylsäure (ASS)Bei MV/LV-PACNS aufgrund antithrombotischer Effekte additiv empfohlen.

Wichtige Differenzialdiagnosen

Die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen ist der wichtigste Schritt vor Therapiebeginn:

ErkrankungKlinische BesonderheitenDiagnostik / Befunde
RCVS (Reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom)Donnerschlagkopfschmerz, oft getriggert durch vasoaktive Substanzen oder postpartalDSA: Vasospasmen sind reversibel nach 12 Wochen. Angiographischer Nimodipin-Test positiv.
Susac-SyndromTrias: Enzephalopathie, retinale Astarterienverschlüsse, HörverlustMRT: Typische "Snowball"-Läsionen zentral im Corpus callosum.
Moyamoya-AngiopathieTIA, Grenzzoneninfarkte, Kollateralnetz ("Rauch")DSA: Stenosierungen der distalen A. carotis interna. Therapie: Revaskularisations-OP.

Riesenzellarteriitis (RZA)

Die RZA ist die häufigste idiopathische systemische Vaskulitis bei Personen ≥ 50 Jahre.

Kardinalsymptome:

  • Neuartige, oft temporale Kopfschmerzen
  • Claudicatio masticatoria (Kauschmerz)
  • Transiente oder permanente Sehstörungen (drohende Erblindung durch anteriore ischämische Optikusneuropathie)
  • Konstitutionelle B-Symptomatik und Assoziation mit Polymyalgia rheumatica (PMR)

Therapie der RZA: Im Falle eines hinreichenden Verdachts, insbesondere bei drohenden Visuskomplikationen, sollte unverzüglich eine Glukokortikoid-Therapie eingeleitet werden. Die diagnostische Sicherung (Sonographie, Biopsie) muss schnellstmöglich folgen. Zur Remissionsinduktion werden GC (1 mg/kg KG in absteigender Dosierung über 6 bis 12 Monate) eingesetzt. Als GC-einsparende Therapie steht Tocilizumab (TCZ) zur Verfügung.

💡Praxis-Tipp

Verzögern Sie bei Verdacht auf eine Riesenzellarteriitis mit Sehstörungen niemals die Glukokortikoid-Gabe bis zur Diagnosesicherung. Bei unklarer PACNS-Diagnose ist vor einer potenziell toxischen Immunsuppression der sichere Ausschluss eines RCVS (z.B. durch Reversibilität nach 12 Wochen) essenziell.

Häufig gestellte Fragen

Das RCVS präsentiert sich typischerweise mit rezidivierenden Donnerschlagkopfschmerzen. Die angiographischen Gefäßveränderungen bilden sich im Gegensatz zur Vaskulitis innerhalb von 12 Wochen komplett zurück.
Eine Biopsie sollte insbesondere bei Verdacht auf eine Small-Vessel-PACNS erfolgen, auch wenn die Angiographie unauffällig ist, da die kleinen Gefäße in der DSA nicht darstellbar sind.
Empfohlen wird eine Kombination aus hochdosierten Glukokortikoiden (initial 250-1.000 mg Methylprednisolon i.v.) und Cyclophosphamid für 6 Monate. Alternativ kann Rituximab erwogen werden.
Eine wichtige Differenzialdiagnose der PACNS, gekennzeichnet durch die klinische Trias aus Enzephalopathie, retinalen Astarterienverschlüssen und Hörverlust sowie typischen schneeballartigen Läsionen im Corpus callosum im MRT.

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