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Kindlicher Knick-Senkfuß: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bis zum 6. Lebensjahr ist der flexible Knick-Senkfuß fast immer physiologisch und bedarf keiner spezifischen Therapie.
  • Eine radiologische Abklärung (Röntgen unter Belastung) ist nur bei schmerzhaften oder rigiden/kontrakten Deformitäten indiziert.
  • Einlagen sind beim schmerzlosen, physiologischen Knick-Senkfuß nicht notwendig.
  • Die klinische Untersuchung muss den funktionellen Zehenstand zur Prüfung der Aufrichtung des Fußgewölbes beinhalten.
  • Operative Eingriffe (z.B. subtalare Arthrorise) sind selten und meist erst ab dem 7. bis 10. Lebensjahr bei Progredienz oder Schmerzen indiziert.
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Hintergrund

Der kindliche Knick-Senkfuß ist eine dreidimensionale Fußfehlstellung, die durch eine vermehrte Valgusstellung der Ferse und eine Abflachung der medialen Längswölbung gekennzeichnet ist.

  • ≤ 6 Jahre: Der flexible Knick-Senkfuß ist fast ausschließlich physiologisch (Vorkommen bei 97 % aller 19 Monate alten Kinder).
  • Bis 10 Jahre: Die mediale Fußlängswölbung bildet sich zunehmend aus. Nur bei ca. 4 % der 10-Jährigen persistiert die Fehlstellung.
  • > 10 Jahre: Es besteht die Gefahr der Dekompensation mit zunehmender Rigidität. Nur wenige Kinder (< 2 %) entwickeln Schmerzen.
  • Risikofaktor: Übergewicht stellt einen wesentlichen Risikofaktor für die Persistenz dar (62 % der 6-Jährigen mit Knick-Senkfuß sind übergewichtig).

Klassifikation

Die Einteilung ist entscheidend für die Therapieplanung und erfolgt nach Flexibilität, Symptomatik und Kompensationsgrad:

KlassifikationUnterteilungMerkmale
FlexibilitätFlexibelPhysiologisch, neurogen (z.B. Zerebralparese) oder syndromal (z.B. Trisomie 21).
Kontrakt / RigidKnöcherne Pathologie (z.B. Coalitio, Talus verticalis), syndromal oder sekundär. Sofort abklärungsbedürftig!
SymptomatikSchmerzlosMeist physiologisch, oft keine Therapie nötig.
SchmerzhaftAbklärung und ggf. Therapie indiziert.
KompensationKompensiertKomplette Aufrichtung der Fußwölbung im Zehenstand mit Varisierung des Rückfußes.
DekompensiertKeine komplette Aufrichtung im Zehenstand, verbleibende Valgisierung des Rückfußes.

Diagnostik

Die Basisdiagnostik besteht aus einer ausführlichen pädiatrischen/neuropädiatrischen Anamnese und der klinischen Untersuchung. Wichtig ist die funktionelle Testung des Fußgewölbes (Aufrichtung beim funktionellen Zehenstand).

Bildgebung Eine radiologische Abklärung sollte nur beim schmerzhaften und/oder kontrakten/rigiden Knick-Senkfuß erfolgen.

  • Röntgen (1. Wahl): Zwingend in zwei Ebenen (ap und exakt seitlich) unter Belastung (im Stand) durchführen.
  • MRT (1. Wahl der Schnittbildgebung): Zum Nachweis knorpeliger oder fibröser Coalitiones. Bevorzugt aus strahlenhygienischen Gründen.
Winkelmessung (Röntgen lateral)NormwertBemerkung
Talus-Metatarsale-I-Winkel (Meary)0° (± 4°)Neugeborene bis 20°, 8-Jährige ca. 5°
Talocalcanearer Winkel40° (25-55°)-
Costa-Bartani-Winkel120-125°-
Calcaneusneigungswinkel (Pitch)20-30°Kinder ca. 17° (± 6°)

Konservative Therapie

Der flexible, schmerzlose physiologische Knick-Senkfuß soll nicht spezifisch therapiert werden. Dies gilt insbesondere für Kinder unter 6 Jahren ohne neuromuskuläre Erkrankungen.

MaßnahmeIndikationBemerkung
Keine Therapie / PräventionSchmerzloser, physiologischer Knick-Senkfuß (< 6 Jahre)Weiche Schuhe, Barfußlaufen auf wechselnden Untergründen, Normalgewicht anstreben.
Einlagen / OrthesenSchmerzhafter flexibler Knick-Senkfuß, fehlende Aufrichtung im ZehenstandIndividuell nach 3D-Abdruck. Bei neuromuskulären Ursachen hochschalige Einlagen oder DAFO.
PhysiotherapieBewegungseinschränkungen, Achsfehlstellungen, SchmerzenDehnung der Wadenmuskulatur, Kräftigung der Fußheber. Heimprogramm anleiten (z.B. beim Zähneputzen).

Operative Therapie

Die Indikation zur Operation wird selten gestellt. Sie erfordert eine sorgfältige Abwägung von Alter, Schmerzsymptomatik und Deformitätsausprägung.

  • Alter: Unter 6 Jahren eine absolute Rarität. In der ersten Lebensdekade (7-10 Jahre) nur in sehr schweren Fällen. In der zweiten Lebensdekade (11-16 Jahre) am besten vor der skelettalen Ausreifung durchführen.
  • Indikation: Bei Verschlechterung im zeitlichen Verlauf (6-12 Monate), deutlichem Funktionsdefizit und Schmerzen.
OP-MethodeIndikationBemerkung
WadenmuskelverlängerungStrukturelle SpitzfußkomponenteGefahr der Überkorrektur (Hackenfuß).
Subtalare ArthrorisePassiv vollständig ausgleichbare DeformitätHäufigste Methode. Mechanische Anschlagssperre. Beste Ergebnisse bei 9-12 Jährigen.
OP nach EvansSymptomatisch, hohes KorrekturpotentialCalcaneusverlängerung. Korrigiert v.a. in der Transversalebene.
OP nach GleichAusgeprägte RückfußvalguskomponenteCalcaneusverschiebung nach medial. Korrigiert v.a. in der Frontalebene.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei asymptomatischen Kindern unter 6 Jahren auf die Verordnung von Einlagen oder Physiotherapie. Beruhigen Sie die Eltern und empfehlen Sie stattdessen Barfußlaufen auf wechselnden Untergründen sowie weiche Schuhe mit ausreichender Längenzugabe.

Häufig gestellte Fragen

Ein Therapiebedarf besteht bei Schmerzen, bei rigiden/kontrakten Formen (z.B. Talus verticalis, Coalitio) oder wenn der Fuß bei älteren Kindern (über 10 Jahre) dekompensiert. Ein schmerzloser, flexibler Knick-Senkfuß bei Kindern unter 6 Jahren ist physiologisch und bedarf keiner Therapie.
Eine radiologische Abklärung soll nur beim schmerzhaften und/oder kontrakt/rigiden Knick-Senkfuß erfolgen. Die Aufnahme muss zwingend unter Belastung (im Stehen) in zwei Ebenen (ap und exakt seitlich) angefertigt werden.
Nein. Die Leitlinie rät von einer Einlagenversorgung beim schmerzlosen physiologischen Knick-Senkfuß ausdrücklich ab. Einlagen sind nur bei schmerzhaften Formen, fehlender Aufrichtung im Zehenstand oder neuromuskulären Grunderkrankungen indiziert.
Der wichtigste klinische Test ist der funktionelle Zehenstand. Bei einem flexiblen, kompensierten Knick-Senkfuß richtet sich das mediale Fußlängsgewölbe im Zehenstand auf und die Ferse geht in eine Varusstellung über.
Vor dem 6. Lebensjahr ist eine Operation eine absolute Rarität (außer bei angeborenen rigiden Fehlbildungen). Bei sehr schweren Fällen kann ab dem 7.-10. Lebensjahr operiert werden. Die meisten Eingriffe (z.B. subtalare Arthrorise) erfolgen idealerweise zwischen dem 9. und 12. Lebensjahr vor der skelettalen Ausreifung.

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