Kindlicher Knick-Senkfuß: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bis zum 6. Lebensjahr ist der flexible Knick-Senkfuß fast immer physiologisch und bedarf keiner spezifischen Therapie.
- •Eine radiologische Abklärung (Röntgen unter Belastung) ist nur bei schmerzhaften oder rigiden/kontrakten Deformitäten indiziert.
- •Einlagen sind beim schmerzlosen, physiologischen Knick-Senkfuß nicht notwendig.
- •Die klinische Untersuchung muss den funktionellen Zehenstand zur Prüfung der Aufrichtung des Fußgewölbes beinhalten.
- •Operative Eingriffe (z.B. subtalare Arthrorise) sind selten und meist erst ab dem 7. bis 10. Lebensjahr bei Progredienz oder Schmerzen indiziert.
Hintergrund
Der kindliche Knick-Senkfuß ist eine dreidimensionale Fußfehlstellung, die durch eine vermehrte Valgusstellung der Ferse und eine Abflachung der medialen Längswölbung gekennzeichnet ist.
- ≤ 6 Jahre: Der flexible Knick-Senkfuß ist fast ausschließlich physiologisch (Vorkommen bei 97 % aller 19 Monate alten Kinder).
- Bis 10 Jahre: Die mediale Fußlängswölbung bildet sich zunehmend aus. Nur bei ca. 4 % der 10-Jährigen persistiert die Fehlstellung.
- > 10 Jahre: Es besteht die Gefahr der Dekompensation mit zunehmender Rigidität. Nur wenige Kinder (< 2 %) entwickeln Schmerzen.
- Risikofaktor: Übergewicht stellt einen wesentlichen Risikofaktor für die Persistenz dar (62 % der 6-Jährigen mit Knick-Senkfuß sind übergewichtig).
Klassifikation
Die Einteilung ist entscheidend für die Therapieplanung und erfolgt nach Flexibilität, Symptomatik und Kompensationsgrad:
| Klassifikation | Unterteilung | Merkmale |
|---|---|---|
| Flexibilität | Flexibel | Physiologisch, neurogen (z.B. Zerebralparese) oder syndromal (z.B. Trisomie 21). |
| Kontrakt / Rigid | Knöcherne Pathologie (z.B. Coalitio, Talus verticalis), syndromal oder sekundär. Sofort abklärungsbedürftig! | |
| Symptomatik | Schmerzlos | Meist physiologisch, oft keine Therapie nötig. |
| Schmerzhaft | Abklärung und ggf. Therapie indiziert. | |
| Kompensation | Kompensiert | Komplette Aufrichtung der Fußwölbung im Zehenstand mit Varisierung des Rückfußes. |
| Dekompensiert | Keine komplette Aufrichtung im Zehenstand, verbleibende Valgisierung des Rückfußes. |
Diagnostik
Die Basisdiagnostik besteht aus einer ausführlichen pädiatrischen/neuropädiatrischen Anamnese und der klinischen Untersuchung. Wichtig ist die funktionelle Testung des Fußgewölbes (Aufrichtung beim funktionellen Zehenstand).
Bildgebung Eine radiologische Abklärung sollte nur beim schmerzhaften und/oder kontrakten/rigiden Knick-Senkfuß erfolgen.
- Röntgen (1. Wahl): Zwingend in zwei Ebenen (ap und exakt seitlich) unter Belastung (im Stand) durchführen.
- MRT (1. Wahl der Schnittbildgebung): Zum Nachweis knorpeliger oder fibröser Coalitiones. Bevorzugt aus strahlenhygienischen Gründen.
| Winkelmessung (Röntgen lateral) | Normwert | Bemerkung |
|---|---|---|
| Talus-Metatarsale-I-Winkel (Meary) | 0° (± 4°) | Neugeborene bis 20°, 8-Jährige ca. 5° |
| Talocalcanearer Winkel | 40° (25-55°) | - |
| Costa-Bartani-Winkel | 120-125° | - |
| Calcaneusneigungswinkel (Pitch) | 20-30° | Kinder ca. 17° (± 6°) |
Konservative Therapie
Der flexible, schmerzlose physiologische Knick-Senkfuß soll nicht spezifisch therapiert werden. Dies gilt insbesondere für Kinder unter 6 Jahren ohne neuromuskuläre Erkrankungen.
| Maßnahme | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Keine Therapie / Prävention | Schmerzloser, physiologischer Knick-Senkfuß (< 6 Jahre) | Weiche Schuhe, Barfußlaufen auf wechselnden Untergründen, Normalgewicht anstreben. |
| Einlagen / Orthesen | Schmerzhafter flexibler Knick-Senkfuß, fehlende Aufrichtung im Zehenstand | Individuell nach 3D-Abdruck. Bei neuromuskulären Ursachen hochschalige Einlagen oder DAFO. |
| Physiotherapie | Bewegungseinschränkungen, Achsfehlstellungen, Schmerzen | Dehnung der Wadenmuskulatur, Kräftigung der Fußheber. Heimprogramm anleiten (z.B. beim Zähneputzen). |
Operative Therapie
Die Indikation zur Operation wird selten gestellt. Sie erfordert eine sorgfältige Abwägung von Alter, Schmerzsymptomatik und Deformitätsausprägung.
- Alter: Unter 6 Jahren eine absolute Rarität. In der ersten Lebensdekade (7-10 Jahre) nur in sehr schweren Fällen. In der zweiten Lebensdekade (11-16 Jahre) am besten vor der skelettalen Ausreifung durchführen.
- Indikation: Bei Verschlechterung im zeitlichen Verlauf (6-12 Monate), deutlichem Funktionsdefizit und Schmerzen.
| OP-Methode | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Wadenmuskelverlängerung | Strukturelle Spitzfußkomponente | Gefahr der Überkorrektur (Hackenfuß). |
| Subtalare Arthrorise | Passiv vollständig ausgleichbare Deformität | Häufigste Methode. Mechanische Anschlagssperre. Beste Ergebnisse bei 9-12 Jährigen. |
| OP nach Evans | Symptomatisch, hohes Korrekturpotential | Calcaneusverlängerung. Korrigiert v.a. in der Transversalebene. |
| OP nach Gleich | Ausgeprägte Rückfußvalguskomponente | Calcaneusverschiebung nach medial. Korrigiert v.a. in der Frontalebene. |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei asymptomatischen Kindern unter 6 Jahren auf die Verordnung von Einlagen oder Physiotherapie. Beruhigen Sie die Eltern und empfehlen Sie stattdessen Barfußlaufen auf wechselnden Untergründen sowie weiche Schuhe mit ausreichender Längenzugabe.