Muskuloskelettale Schmerzen bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Anamnese von Trauma und Überlastung steht an erster Stelle der Diagnostik.
- •Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust und Malaise sind absolute Alarmsignale für systemische oder maligne Erkrankungen.
- •Bei nächtlichen Beinschmerzen muss vor der Diagnose 'Wachstumsschmerzen' ein Malignom ausgeschlossen werden.
- •Eine Laboruntersuchung (inkl. LDH, Blutbild) ist bei Verdacht auf systemische Ursachen obligatorisch.
- •Das Alter des Kindes liefert entscheidende differenzialdiagnostische Hinweise (z.B. Coxitis fugax bei Kleinkindern).
Hintergrund
Etwa die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen klagt im Laufe ihrer Entwicklung über Schmerzen am Bewegungsapparat. Die Differenzierung ist komplex, da das Spektrum von harmlosen Wachstumsbeschwerden bis hin zu lebensbedrohlichen Malignomen reicht. Der diagnostische Algorithmus zielt auf eine systematische und rationale Abklärung ab.
Anamnese und klinische Untersuchung
Als Erstes soll immer nach einem vorangegangenen Trauma oder einer Überlastung gefragt werden. Sind diese ausgeschlossen, hilft eine gezielte Anamnese, unnötige invasive Diagnostik zu vermeiden.
Alarmsignale (Red Flags): Fieber, Nachtschweiß, Blässe, Malaise, Fatigue, Leistungsknick, Wachstums-/Gedeihstörungen und/oder unbeabsichtigter Gewichtsverlust sollen immer als Alarmsignale interpretiert werden und zu einer weiteren Diagnostik veranlassen.
Differenzialdiagnosen nach Ätiologie
1. Mechanische und nicht-entzündliche Ursachen
| Diagnose | Typisches Alter | Leitsymptome | Diagnostik |
|---|---|---|---|
| Fraktur | Jedes Alter | Trauma, Schwellung, Druckschmerz | Röntgen in 2 Ebenen |
| Coxitis fugax | 3.-8. Lebensjahr | Hinken, kurzer Verlauf (<3 Wochen) | Sonografie (Erguss) |
| M. Perthes | 5.-6. Lebensjahr | Hinken, langer Verlauf (>3 Wochen) | MRT, Röntgen |
| Epiphysiolysis capitis femoris (ECF) | 10.-14. Lebensjahr | Oft übergewichtig, Leisten-/Knieschmerz | Röntgen (Lauenstein) |
| M. Osgood-Schlatter | 10.-14. Lebensjahr | Sportlich aktiv, Knieschmerz bei Belastung | Klinisch, Röntgen |
2. Malignome
Lokalisierte Knochenschmerzen sollen durch bildgebende Diagnostik abgeklärt werden, da sie ein frühes Leitsymptom für Knochentumoren sein können.
| Diagnose | Leitsymptome | Diagnostik |
|---|---|---|
| Leukämie (ALL/AML) | Diffuse Schmerzen (oft nachts), Blässe, Hepatosplenomegalie | Labor (LDH erhöht, Zytopenie), Knochenmarkpunktion |
| Osteosarkom | Meist >10 Jahre, lokalisierter Schmerz (Metaphysen) | Röntgen, MRT, Biopsie |
| Ewing-Sarkom | Meist >10 Jahre, lokalisierter Schmerz (Diaphysen, Becken) | Röntgen, MRT, Biopsie |
3. Bakterielle Infektionen
Bei akut aufgetretener, lokalisierter und belastungsabhängiger Schmerzsymptomatik mit Functio laesa soll ätiologisch zunächst sowohl ein Trauma als auch eine infektiologische Genese berücksichtigt werden.
| Diagnose | Leitsymptome | Diagnostik |
|---|---|---|
| Akute bakterielle Arthritis/Osteomyelitis | Hohes Fieber, Pseudoparalyse, Rubor, Dolor | Labor (CRP, Leukozytose), Sono, MRT, Punktion |
| Subakute bakterielle Osteitis | Intermittierende Schmerzen, oft nach Infekt | MRT, Punktion/Biopsie |
4. Rheumatische Erkrankungen und NBO
| Diagnose | Leitsymptome | Diagnostik |
|---|---|---|
| Juvenile idiopathische Arthritis (JIA) | Chronisch (>6 Wochen), Morgensteifigkeit | Labor (ANA, RF), Sono, MRT |
| Nicht-bakterielle Osteitis (NBO) | Schulkinder, rezidivierende Knochenschmerzen | MRT, Ganzkörper-MRT |
Diagnostik
Labordiagnostik
Bei Verdacht auf eine systemische Erkrankung soll eine labordiagnostische Abklärung erfolgen. Bei rein mechanischer Genese kann darauf meist verzichtet werden.
- Blutbild & Differenzialblutbild: Zytopenien können auf Leukämien hinweisen.
- LDH: Erhöhung bei Malignomen oder Rheuma.
- CRP & Leukozyten: Erhöht bei bakteriellen Infektionen.
- CK: Erhöht bei Muskeldystrophien oder Myositiden.
- ANA & Rheumafaktor: Nur sinnvoll bei klinischem Verdacht auf Rheuma (nach Ausschluss von Infektion/Malignom).
Bildgebung
Bei auffälligem Untersuchungsbefund, Begleitsymptomatik oder pathologischen Laborwerten soll weiterführend eine bildgebende Diagnostik erfolgen.
- Röntgen: Basisdiagnostik (in 2 Ebenen). Bei Trauma angrenzende Gelenke abbilden.
- Sonografie: Beurteilung von Weichteil- und Gelenkprozessen (z.B. Gelenkerguss).
- MRT: Hoch sensitiv für Knochenmarködeme, Osteomyelitis, NBO und unklare Befunde.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie bei unklaren muskuloskelettalen Schmerzen immer die LDH und das Differenzialblutbild. Ein normales Blutbild schließt eine Leukämie nicht aus, weshalb bei klinischem Verdacht eine Knochenmarkpunktion vor einer Glukokortikoid-Gabe zwingend ist.