ROP-Screening bei Frühgeborenen: AWMF-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Grenze für das obligate ROP-Screening wurde auf ein Gestationsalter von < 31+0 SSW (oder Geburtsgewicht < 1.500 g) gesenkt.
- •Die Erstuntersuchung erfolgt in der 6. postnatalen Woche, frühestens jedoch ab 31+0 postmenstruellen Wochen.
- •Das Standard-Kontrollintervall beträgt 2 Wochen, kann aber je nach Befund auf 1 Woche verkürzt oder auf 3 Wochen verlängert werden.
- •Therapie der Wahl ist die retinale Laserkoagulation oder die intravitreale Anti-VEGF-Therapie.
- •Nach einer Anti-VEGF-Therapie sind langfristige Kontrollen zwingend erforderlich, da späte Rezidive auftreten können.
Hintergrund
Die Frühgeborenenretinopathie (Retinopathy of Prematurity, ROP) entsteht durch eine gestörte retinale Gefäßentwicklung infolge einer zu frühen Geburt. Der wichtigste Risikofaktor ist die Unreife des Kindes. Pathophysiologisch führt die relative Hyperoxie nach der Geburt zunächst zu einer Hemmung der Gefäßentwicklung (reduzierte VEGF-Bildung). Mit zunehmender retinaler Reifung und erhöhtem Sauerstoffbedarf entsteht ab ca. 32-34 postmenstruellen Wochen eine relative Hypoxie, die zu einer überschießenden VEGF-Ausschüttung und pathologischen Neovaskularisationen führt. Unbehandelt kann dies zur Netzhautablösung und Erblindung führen.
Indikationen zum Screening
Ein obligates ROP-Screening ist indiziert bei:
- Frühgeborenen < 31+0 SSW (bei unbekanntem Alter: Geburtsgewicht < 1.500 g), unabhängig von Sauerstoffgabe.
- Allen Frühgeborenen < 37+0 SSW mit individuellem Risiko nach Ermessen des Neonatologen (z. B. > 5 Tage Sauerstoff, ECMO, schwere NEC, BPD, Sepsis).
Zeitpunkt und Intervalle der Untersuchungen
Die Erstuntersuchung sollte in der 6. postnatalen Woche (Lebenstag 36-42) erfolgen, jedoch nicht vor 31+0 postmenstruellen Wochen.
| Intervall | Indikation / Befund |
|---|---|
| 1 Woche | Vaskularisationsgrenze in Zone I oder posteriorer Zone II; anteriore Zone II bei Stadium 2 oder 3; jede ROP mit Plus-Symptomatik |
| 2 Wochen | Standardintervall bei nicht behandelter ROP |
| 3 Wochen | Vaskularisationsgrenze in Zone III ohne Vorliegen einer ROP |
Das Screening kann ohne Therapie beendet werden, wenn die Netzhaut peripher zirkulär vollständig vaskularisiert ist oder eine deutliche Regression nach dem errechneten Geburtstermin vorliegt.
Klassifikation der ROP (ICROP)
Die Beurteilung erfolgt nach Zonen (I bis III) und Stadien:
| Stadium | Befund |
|---|---|
| 1 | Demarkationslinie |
| 2 | Prominente Leiste |
| 3 | Prominente Leiste und extraretinale fibrovaskuläre Proliferationen |
| 4a | Partielle Netzhautablösung ohne Makulabeteiligung |
| 4b | Partielle Netzhautablösung mit Makulabeteiligung |
| 5 | Vollständige Netzhautablösung |
Zusatzbefund: Die Plus-Symptomatik beschreibt eine Gefäßerweiterung und Tortuositas am hinteren Funduspol in mindestens 2 Quadranten.
Therapie
Die Behandlung muss bei Indikationsstellung innerhalb weniger Tage, bei rascher Progression (z. B. AP-ROP) teils innerhalb von 24 Stunden erfolgen. Zur Verfügung stehen primär die retinale Laserkoagulation und die intravitreale Anti-VEGF-Therapie (off-label, außer Ranibizumab). Die Kryotherapie wird nur noch in Ausnahmefällen angewendet.
| Lokalisation | Therapieindikation |
|---|---|
| Zone III | In der Regel keine Therapie erforderlich (auch bei Plus-Symptomatik) |
| Zone II | Spätestens bei Stadium 3 über 5 zusammenhängende oder 8 unzusammenhängende Uhrzeiten mit Plus-Symptomatik ("threshold disease"). Frühere Behandlung (Stadium 3+) möglich. |
| Zone I | Bei Plus-Symptomatik (unabhängig vom Stadium) oder bei Stadium 3 (unabhängig von Plus-Symptomatik) |
| AP-ROP | Aggressive posteriore ROP in Zone I oder posteriorer Zone II erfordert besonders zeitnahe Behandlung |
Nachsorge
Die Nachsorge unterscheidet sich je nach Therapieverfahren deutlich:
- Nach Lasertherapie: Anfangs mindestens wöchentlich bis zur sicheren Regression.
- Nach Anti-VEGF-Therapie: Kurzfristige Kontrollen zum Ausschluss von Injektionskomplikationen. Danach Kontrollen häufig bis deutlich über den errechneten Geburtstermin hinaus, da späte, behandlungsbedürftige Rezidive auftreten können. Die Übergabe an weiterbehandelnde Ärzte sollte schriftlich (z. B. via ROP-Pass) erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Sorgen Sie vor der Untersuchung für eine maximal mögliche medikamentöse Mydriasis (z. B. Tropicamid 0,5% und Phenylephrin 2%). Denken Sie bei Entlassung nach Anti-VEGF-Therapie unbedingt an die Organisation der langfristigen Nachkontrollen und händigen Sie den Eltern den ROP-Pass aus.