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Retinaler Arterienverschluss (RAV): Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Das Leitsymptom des RAV ist ein plötzlicher, schmerzloser und einseitiger Visusverlust.
  • Ein Therapieversuch zur Reperfusion (z.B. i.v.-Lyse) ist nur innerhalb von maximal 4,5 Stunden sinnvoll.
  • Eine Riesenzellarteriitis (RZA) muss umgehend ausgeschlossen oder sofort hochdosiert mit Steroiden behandelt werden.
  • Das Schlaganfallrisiko ist in den ersten 7 Tagen massiv erhöht, weshalb eine rasche stationäre Abklärung obligat ist.
  • Augeninnendrucksenkende Maßnahmen wie die Parazentese werden mangels Evidenz nicht empfohlen.
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Hintergrund

Der retinale arterielle Verschluss (RAV) ist ein augenärztlicher Notfall, der meist zu einer drastischen und dauerhaften Seheinschränkung führt. Betroffen sind vorwiegend ältere Erwachsene (Häufigkeitsgipfel 65–70 Jahre), wobei Männer häufiger erkranken als Frauen. Das Leitsymptom ist eine plötzliche, schmerzlose, einseitige Sehverschlechterung mit Gesichtsfeldausfall. Funduskopisch zeigt sich oft ein charakteristischer "kirschroter Fleck", und in etwa einem Drittel der Fälle sind retinale Emboli sichtbar.

Klassifikation

Der RAV wird nach Ausprägung und betroffener Netzhautfläche unterteilt:

VerschlussformAbkürzungBesonderheit
ZentralarterienverschlussZAVOhne zilioretinale Arterie, meist sehr schlechter Visus (<0,1)
ZAV mit zilioretinaler Arterie-Zentrale Sehschärfe kann trotz Gesichtsfeldausfall erhalten bleiben
Hemi-ZentralarterienverschlussHemi-ZAVBetrifft eine Hälfte der Netzhaut
ArterienastverschlussAAVBessere Visusprognose (oft >0,5)
Isolierter VerschlussZL-RAVBetrifft nur die zilioretinale Arterie

Zusätzlich wird nach Persistenz unterschieden (Amaurosis fugax, transienter Verschluss mit spontaner Rekanalisierung, persistierender Verschluss).

Diagnostik

Die Diagnostik dient der Sicherung des Verschlusses und dem raschen Ausschluss lebens- oder augenlichtbedrohlicher Grunderkrankungen.

Obligate augenärztliche Erstuntersuchung:

  • Anamnese (kardiovaskuläre Risiken, Schlaganfall, Riesenzellarteriitis)
  • Prüfung auf afferente/efferente Pupillenstörung
  • Sehschärfenprüfung
  • Spaltlampenuntersuchung der vorderen Augenabschnitte
  • Untersuchung des zentralen Augenhintergrundes (möglichst binokular)
  • Inspektion und Palpation der Arteria temporalis

Fakultative Diagnostik:

  • SD-OCT: Zeigt frühzeitig eine Verdickung der inneren Netzhautschichten und hilft bei der Abschätzung der Verschlussdauer.
  • Fluoreszeinangiographie (FAG): Zur Beurteilung der Durchblutungssituation, falls funduskopisch nicht eindeutig.

Systemische Abklärung

Ein RAV geht mit einem massiv erhöhten Risiko für zerebro- und kardiovaskuläre Ereignisse einher. In den ersten 7 Tagen ist das Schlaganfallrisiko bis zu 44,5-fach erhöht.

  • Riesenzellarteriitis (RZA): Soll anhand von Klinik und Labor (BSG, CRP) geprüft werden. Bei Verdacht sollte eine Bildgebung (Duplexsonografie, MRT) erfolgen.
  • Emboliequelle: Eine zeitnahe internistisch-neurologische Abklärung (EKG, Langzeit-EKG, Echokardiographie, Carotis-Doppler) soll unverzüglich erfolgen.

Therapie

Es existiert keine evidenzbasierte Standardtherapie mit nachgewiesenem signifikanten Behandlungseffekt. Das Zeitfenster für eine Reperfusion ist extrem kurz: Bereits nach 4,5 Stunden treten irreversible Schäden der inneren Netzhaut auf.

TherapiemaßnahmeEmpfehlungBemerkung
Intravenöse Lysetherapie (rt-PA)Kann erwogen werdenNur bei ZAV/AAV mit Makulabeteiligung innerhalb von < 4,5 Stunden
Lysetherapie > 4,5 StundenSoll nicht durchgeführt werdenKeine Wirksamkeit, hohes Blutungsrisiko
Parazentese (Augeninnendrucksenkung)Soll nicht erfolgenKein nachgewiesener Nutzen, Infektionsrisiko
Bulbusmassage / Medikamentöse DrucksenkungKann versucht werdenWissenschaftlicher Beleg fehlt
Antikoagulation (ohne Embolienachweis)Soll nicht erfolgenNur indiziert bei nachgewiesener Emboliequelle (z.B. Vorhofflimmern)

Therapie der Riesenzellarteriitis

Bei Verdacht auf oder nachgewiesener RZA soll umgehend eine hochdosierte Steroidgabe erfolgen (250–1000 mg Prednison-Äquivalent i.v. täglich für 3–5 Tage, danach 40–60 mg oral), um die Erblindung des Partnerauges oder Gefäßverschlüsse anderer Lokalisation zu verhindern.

Sekundärprävention und Management

  • Thrombozytenaggregationshemmung: Patienten mit nicht-arteriitischem RAV sollen im Rahmen der Sekundärprävention langfristig mit z.B. ASS 100 mg/Tag behandelt werden.
  • Stationäre Aufnahme: Aufgrund des hohen Schlaganfallrisikos soll eine zeitnahe stationäre Abklärung gewährleistet sein.
  • Kontrollintervalle: Augenärztliche Kontrollen sollten nach ca. 1 Woche, 1 Monat und 3 Monaten erfolgen (Ausschluss von Neovaskularisationen). Bei RZA sind engmaschigere Kontrollen in den ersten Tagen nötig.

💡Praxis-Tipp

Weisen Sie Patienten mit frischem RAV umgehend stationär ein (z.B. Stroke Unit), da das Schlaganfallrisiko in den ersten 7 Tagen massiv erhöht ist. Schließen Sie parallel immer klinisch und laborchemisch eine Riesenzellarteriitis ab.

Häufig gestellte Fragen

Ein Therapieversuch mit intravenöser Lyse (rt-PA) kann nur innerhalb der ersten 4,5 Stunden nach Symptombeginn erwogen werden. Danach sind die Netzhautschäden irreversibel.
Nein. Die Leitlinie empfiehlt, auf eine Parazentese zu verzichten, da kein positiver Effekt nachgewiesen wurde und ein Infektions- sowie Verletzungsrisiko besteht.
Das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall oder Herzinfarkt ist in den ersten 4 Wochen, besonders aber in den ersten 7 Tagen, massiv (bis zu 44-fach) erhöht.
Es muss umgehend eine hochdosierte Steroidtherapie (250-1000 mg Prednison-Äquivalent i.v. für 3-5 Tage) eingeleitet werden, um den Befall des Partnerauges zu verhindern.

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