Synkope bei Kindern: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Basisdiagnostik besteht zwingend aus strukturierter Anamnese, klinischer Untersuchung mit Blutdruckmessung und 12-Kanal-Ruhe-EKG.
- •Synkopen vor dem 10. Lebensjahr sind selten und erfordern den Ausschluss kardiogener Ursachen (Ausnahme: Affektkrämpfe).
- •Warnhinweise ('Red Flags') wie fehlende Prodromi, Auftreten unter Belastung oder im Liegen deuten auf eine lebensbedrohliche kardiogene Synkope hin.
- •Ein zerebrales MRT, CT oder EEG ist nach einer isolierten, unkomplizierten Synkope nicht indiziert.
- •Die Therapie von Reflexsynkopen basiert primär auf Aufklärung, Vermeidung von Triggern und dem Training von isometrischen Akutmaßnahmen.
Hintergrund
Eine Synkope ist definiert als ein vorübergehender Bewusstseinsverlust infolge einer globalen transienten zerebralen Hypoperfusion. Klinisch ist sie durch ein rasches Einsetzen, den Verlust des Muskeltonus, eine kurze Dauer und eine spontane, vollständige Erholung charakterisiert. Vor dem 10. Lebensjahr sind Synkopen selten (Ausnahme: Affektkrämpfe). Die Prävalenz steigt danach an und erreicht ihr Maximum bei etwa 21 Jahren.
Klassifikation
Synkopen im Kindes- und Jugendalter werden pathophysiologisch in drei Hauptgruppen unterteilt:
| Klassifikation | Subtypen / Beispiele | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Reflexsynkopen | Affektkrämpfe (blau/blass), vagovasal, kardioinhibitorisch, POTS | Häufigste Ursache im Jugendalter. Typisches Alter: 10-21 Jahre (Affektkrämpfe: 6 Mon.-5 Jahre). |
| 2. Orthostatische Synkopen | Infolge orthostatischer Hypotonie | Abzugrenzen von der häufigeren vasodepressorischen Reflexsynkope. |
| 3. Kardiogene Synkopen | Arrhythmien, strukturelle/funktionelle Herzerkrankungen | Potenziell lebensbedrohlich. Erfordert zwingend kardiologische Abklärung. |
Diagnostik
Die initiale Abklärung zielt darauf ab, benigne von kardiogenen Synkopen zu unterscheiden. Die Soll-Empfehlung umfasst die klinische Basisdiagnostik in drei Säulen:
- Strukturierte Anamnese (Patienten-, Familien-, Medikamentenanamnese, Synkopensituation)
- Klinische Untersuchung inklusive Erhebung der Vitalparameter und Ruheblutdruckmessung
- 12-Kanal-Ruhe-EKG
Warnhinweise ("Red Flags") für kardiogene Synkopen
Das Vorliegen folgender Kriterien erfordert eine sofortige Überwachung und erweiterte Abklärung:
| Kategorie | "Red Flags" (Warnhinweise) |
|---|---|
| Alter | < 10 Jahre (Ausnahme: typischer Affektkrampf) |
| Trigger | Schreck (Wecker, Telefon), lautes Geräusch, Kontakt mit kaltem Wasser |
| Symptomatik | Keine Prodromi, plötzlich aufgetretene Palpitationen, Brustschmerzen, Atemnot |
| Situation | Während körperlicher Belastung (inkl. Schwimmen), im Liegen oder Sitzen |
| Familienanamnese | Ungeklärter/plötzlicher Tod vor dem 40. Lebensjahr, Kardiomyopathien, Rhythmusstörungen |
| EKG-Befunde | QRS >120ms, AV-Block, verlängerte/verkürzte QTc-Zeit, Brugada-Zeichen, WPW-Syndrom |
Weiterführende apparative Diagnostik
Ergibt die Basisdiagnostik eine sichere benigne Ursache, soll auf weitere Diagnostik verzichtet werden.
- Echokardiographie / Langzeit-EKG: Nur bei Verdacht auf kardiogene Ursachen.
- Kipptischuntersuchung: Nur in seltenen Fällen mit hohem Leidensdruck (ab ca. 10 Jahren).
- EEG: Nur bei Hinweisen auf einen epileptischen Anfall.
- Zerebrales MRT/CT: Nach einer isolierten Synkope nicht empfohlen.
Differenzialdiagnosen
Die Abgrenzung zu anderen Ursachen eines Bewusstseinsverlustes ist essenziell:
| Erkrankung | Unterscheidungsmerkmale zur Synkope |
|---|---|
| Epileptischer Anfall | Motorische Symptome zu Beginn, Auren, lateraler Zungenbiss, längere Reorientierungsphase, Nachschlaf. |
| Psychogene Pseudosynkope | Aktives Zukneifen der Augen, normale Gesichtsfarbe, lange Dauer (>2 Min.), keine Prodromi. |
| Metabolisch / Toxisch | Anhaltende Bewusstseinseinschränkung, Hypoglykämie, Intoxikationszeichen. |
Therapie und Management
Eine kausale Therapie von Reflex- und orthostatischen Synkopen ist meist nicht möglich. Die Prognose ist exzellent.
- Allgemeine Maßnahmen: Beruhigende Aufklärung, Vermeidung von Triggern, Erkennen von Prodromi.
- Akutmaßnahmen ("Retten"): Sofortiges Hinsetzen/Hinlegen, Aktivierung der Muskelpumpe (isometrischer Händezug, Beine überkreuzen).
- Vorbeugung: Ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Ausdauersport, Verzicht auf große kalorienreiche Mahlzeiten.
- Medikamentöse Therapie: Sollte nicht routinemäßig erfolgen. Betablocker sind nicht empfohlen (unwirksam). Fludrocortison oder Midodrin können in schweren Ausnahmefällen zeitlich limitiert erwogen werden.
- Herzschrittmacher: Nur in extremen Ausnahmefällen bei nachgewiesenen, langen Asystolien (kardioinhibitorisch).
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der Anamnese gezielt auf 'Red Flags' wie Synkopen während körperlicher Belastung oder im Liegen. Zeigen Sie Patienten mit Reflexsynkopen aktiv isometrische Gegenmanöver (z.B. Beine überkreuzen, Hände verhaken), damit diese in der Prodromalphase selbstständig reagieren können.