Tachykarde Rhythmusstörungen bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die supraventrikuläre Tachykardie (SVT) ist die häufigste Tachyarrhythmie bei Kindern und Jugendlichen.
- •Mittel der ersten Wahl zur medikamentösen Durchbrechung einer stabilen SVT ist Adenosin i.v. als rascher Bolus.
- •Verapamil ist bei Neugeborenen und Säuglingen streng kontraindiziert und darf erst ab dem Schulalter eingesetzt werden.
- •Bei hämodynamischer Instabilität ist die sofortige externe Kardioversion (1 J/kg) oder Defibrillation (4 J/kg) indiziert.
- •Die Katheterablation ist bei Kindern >15 kg mit symptomatischen akzessorischen Leitungsbahnen (WPW) oder AVNRT eine sichere und kausale Therapie.
Hintergrund
Tachykarde Herzrhythmusstörungen sind durch eine paroxysmale oder chronisch-permanente Erhöhung der Vorhof- und/oder Kammerfrequenz gekennzeichnet. Sie werden in supraventrikuläre (SVT) und ventrikuläre Tachyarrhythmien (VT) unterteilt, je nachdem, ob anatomische Strukturen oberhalb oder unterhalb der Bifurkation des His-Bündels beteiligt sind. Eine Tachykardie liegt bei >3 konsekutiven Tachykardieimpulsen vor.
Die klinische Symptomatik ist altersabhängig:
- Säuglinge: Rasche Entwicklung einer Herzinsuffizienz bei Frequenzen >250/min aufgrund verkürzter diastolischer Füllung.
- Kinder/Jugendliche: Palpitationen, Schwindel, Unwohlsein. Synkopen sind selten.
- Chronische Tachykardien: Gefahr der Tachykardie-induzierten Kardiomyopathie mit schwerer Einschränkung der linksventrikulären Funktion.
Diagnostik
Die Basisdiagnostik umfasst das 12-Kanal-Ruhe-EKG, Langzeit-EKG und die Echokardiographie. Zur Demaskierung spezifischer Rhythmusstörungen können medikamentöse Provokationstests eingesetzt werden:
| Medikament | Indikation / Ziel |
|---|---|
| Adenosin | Differentialdiagnose und Therapie bei Vorhoftachykardien und breiten QRS-Komplexen |
| Ajmalin / Flecainid | Brugada-Syndrom (Expression des typischen EKG-Musters) |
| Adrenalin | Verdacht auf Long-QT-Syndrom (LQTS) Typ 1 oder CPVT |
Akuttherapie der Supraventrikulären Tachykardie (SVT)
Vor und während jeder Akutbehandlung muss eine EKG-Aufzeichnung erfolgen. Bei hämodynamisch stabilen Patienten sind vagale Manöver (z.B. Eisbeutel auf das Gesicht bei Säuglingen) der erste Schritt.
| Wirkstoff | Dosierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Adenosin | 0,1-0,3 mg/kg i.v. (max. 12 mg) | Mittel der 1. Wahl, als rascher Bolus |
| Verapamil | 0,1 mg/kg i.v. (max. 5 mg) | Kontraindiziert bei Säuglingen, Einsatz erst ab Schulalter |
| Amiodaron | 5 mg/kg i.v. über 30 min | Bei frühem Rezidiv, gefolgt von Dauerinfusion |
| Propafenon | 1-2 mg/kg langsam i.v. | Alternativ bei frühem Rezidiv |
Achtung: Die i.v.-Therapie mit einem Beta-Blocker wird zur Akuttherapie aufgrund der negativ inotropen Wirkung nicht empfohlen.
Spezifische SVT-Formen und Dauertherapie
Präexzitationssyndrome (WPW-Syndrom)
Akzessorische Leitungsbahnen sind die häufigste Ursache der SVT im Kindesalter.
- Säuglinge: Meist spontanes Sistieren im 1. Lebensjahr. Medikamentöse Prophylaxe ist primär indiziert.
- Kinder >15 kg & Jugendliche: Die Katheterablation ist die kausale Therapie der Wahl (Erfolgsrate >95%, AV-Block-Risiko <1%).
- Kontraindikationen: Digoxin und Verapamil dürfen bei Präexzitationssyndromen nicht verabreicht werden, da sie die Überleitung über die akzessorische Bahn beschleunigen und Kammerflimmern auslösen können.
AV-Knoten-Reentry-Tachykardie (AVNRT)
Zweithäufigste SVT im Kindesalter. Es besteht kein Risiko für einen plötzlichen Herztod. Die selektive Ablation des langsam leitenden Schenkels hat bei Kindern eine Erfolgsrate von >96%.
Ventrikuläre Tachykardien (VT) und Kammerflimmern (VF)
Die Akuttherapie richtet sich nach der Hämodynamik. Von der primären intravenösen Gabe von Antiarrhythmika bei instabilen Patienten wird abgeraten.
| Maßnahme | 1. Schock | Bei Erfolglosigkeit |
|---|---|---|
| Kardioversion (synchronisiert bei VT) | 1 J/kg | 2 J/kg |
| Defibrillation (asynchron bei VF/instabiler VT) | 4 J/kg | 4 J/kg |
Pädiatrische Flächenelektroden (4,5 cm) sollten bei Kindern unter 10 kg verwendet werden.
Angeborene Arrhythmiesyndrome (Ionenkanalerkrankungen)
Diese Erkrankungen beruhen auf Genmutationen und können zu polymorphen VT (Torsade des Pointes) oder Kammerflimmern führen. Eine molekulargenetische Diagnostik ist bei Indexpatienten und Familienangehörigen indiziert.
| Syndrom | EKG-Merkmal | Therapie der Wahl |
|---|---|---|
| Long-QT-Syndrom (LQTS) | Verlängerte QTc-Zeit | Beta-Blocker (Nadolol, Propranolol), ggf. ICD |
| Brugada-Syndrom (BrS) | ST-Hebungen rechtspräkordial | ICD-Implantation, konsequente Fiebersenkung |
| CPVT | Belastungsinduzierte polymorphe VT | Beta-Blocker, Flecainid, striktes Sportverbot |
| Short-QT-Syndrom (SQTS) | QTc ≤340 ms | Chinidin, ICD-Implantation |
Bei allen Ionenkanalerkrankungen gilt: Ein überlebter Kreislaufstillstand ist eine Klasse-I-Indikation für eine ICD-Implantation.
💡Praxis-Tipp
Geben Sie Verapamil niemals bei Neugeborenen und Säuglingen zur Tachykardie-Durchbrechung. Bei hämodynamischer Instabilität ist die sofortige elektrische Kardioversion (1 J/kg) das Mittel der Wahl – verzögern Sie diese nicht durch medikamentöse Versuche.