Tremor Leitlinie: Diagnostik & Therapie (AWMF/DGN)
📋Auf einen Blick
- •Vom Essentiellen Tremor (ET) wird der Essentieller Tremor plus (ET+) mit diskreten neurologischen Begleitsymptomen abgegrenzt.
- •Mittel der ersten Wahl beim ET/ET+ sind Propranolol, Primidon und Topiramat.
- •Die Tiefe Hirnstimulation (THS) und der MRT-gesteuerte fokussierte Ultraschall (MRgFUS) sind etablierte Verfahren bei medikamentenresistentem ET.
- •Beim Parkinson-Tremor richtet sich die Therapie primär nach der Behandlung der Zielsymptome Akinese und Rigor.
- •Funktioneller Tremor wird primär durch spezialisierte Physiotherapie und kognitive Verhaltenstherapie behandelt, nicht medikamentös.
Hintergrund
Die S2k-Leitlinie der DGN klassifiziert Tremorsyndrome basierend auf klinischen Kriterien. Eine wichtige Neuerung ist die Abgrenzung des Essentiellen Tremors (ET) vom Essentiellen Tremor plus (ET+). Ein ET+ liegt vor, wenn zusätzliche neurologische Begleitsymptome ('soft signs') bestehen (z.B. leicht gestörter Seiltänzergang, fragliche dystone Symptome, Ruhetremor), die nicht für eine andere Syndromdiagnose ausreichen. Für ET und ET+ gelten die gleichen Therapieempfehlungen.
Essentieller Tremor (ET/ET+)
Die medikamentöse Therapie richtet sich nach Kontraindikationen und individueller Verträglichkeit. Die Antitremor-Wirksamkeit liegt bei den Mitteln der ersten Wahl zwischen 35 % und 60 %.
| Wirkstoff | Dosisbereich | Empfehlung & Bemerkung |
|---|---|---|
| Propranolol | 30-240 mg | Soll eingesetzt werden (1. Wahl). Kontraindikationen beachten. |
| Primidon | 62,5-750 mg | Soll eingesetzt werden (1. Wahl, off-label). Langsam eindosieren wegen akuter Nebenwirkungen. |
| Topiramat | 200-400 mg | Soll eingesetzt werden (1. Wahl, off-label). Hohe Abbruchraten wegen Nebenwirkungen möglich. |
Weitere medikamentöse Hinweise:
- Die Kombination von Primidon und Propranolol ist wirksamer als die jeweilige Monotherapie.
- Metoprolol sollte bei ungünstiger Evidenzlage nicht als Ersatz für Propranolol eingesetzt werden.
- Medikamente wie Levetiracetam, Pregabalin oder Betablocker wie Atenolol/Sotalol werden nicht empfohlen.
Invasive Therapien beim Essentiellen Tremor
| Verfahren | Indikation | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Tiefe Hirnstimulation (THS) Thalamus (VIM) unilateral | Schwerer, medikamentenresistenter ET | Sollte angeboten werden |
| Tiefe Hirnstimulation (THS) Thalamus (VIM) bilateral | Schwerer ET oder ET mit schwerem axialem Tremor (Kopf/Stimme) | Sollte angeboten werden |
| MRgFUS (fokussierter Ultraschall) unilateral | Medikamentenresistenter ET (wenn einseitige Behandlung aussichtsreich) | Sollte angeboten werden |
Fokale und Dystone Tremores
Kopftremor
- Orale Standardmedikamente (Propranolol, Primidon) sind beim Kopftremor meist weniger wirksam als beim Händetremor.
- Botulinumtoxin: Sollte beim dystonen Kopftremor eingesetzt werden. Kann auch beim essentiellen Kopftremor nach erfolgloser oraler Therapie erwogen werden.
- Tiefe Hirnstimulation: Bei medikamentenresistentem essentiellem Kopftremor sollte die bilaterale THS des VIM, bei dystonem Kopftremor die bilaterale THS des GPI angeboten werden.
Dystoner Händetremor
- Botulinumtoxin sollte zur Therapie des behindernden dystonen Händetremors eingesetzt werden.
- Auf Propranolol kann verzichtet werden.
Parkinson-Tremor
Die Therapie des Parkinson-Tremors geht primär konform mit der Therapie der Akinese und des Rigors.
- L-Dopa: Wirksamstes Medikament. Bessert meist äquivalent auch den Tremor.
- MAO-B-Hemmer & Dopaminagonisten: Sollten in der Frühphase als Monotherapie oder später als Kombinationstherapie verwendet werden.
- Anticholinergika: Nur bei anderweitig nicht behandelbarem Tremor bei jüngeren, kognitiv unbeeinträchtigten Patienten. Sollen nicht bei geriatrischen/kognitiv eingeschränkten Patienten eingesetzt werden.
- Botulinumtoxin: Kann bei therapierefraktärem Hand-, Kiefer- oder Kinntremor erwogen werden.
- Tiefe Hirnstimulation: Die bilaterale THS des Nucleus subthalamicus sollte bei schwerem, medikamentös nicht kontrollierbarem Tremor als Standard angeboten werden (sofern keine Kontraindikationen bestehen).
Weitere Tremorsyndrome
| Syndrom | Therapieempfehlungen |
|---|---|
| Orthostatischer Tremor | Gabapentin sollte eingesetzt werden (off-label). Clonazepam oder Perampanel können erwogen werden. |
| Zerebellärer Tremor | Carbamazepin kann erwogen werden (off-label). Levetiracetam sollte nicht eingesetzt werden. |
| Funktioneller Tremor | Spezialisierte Physiotherapie und kognitive Verhaltenstherapie sollen/sollten durchgeführt werden. Medikamente oder Botulinumtoxin sollen nicht eingesetzt werden. |
💡Praxis-Tipp
Beginnen Sie die Therapie mit Primidon beim Essentiellen Tremor mit sehr niedrigen Dosen (<62,5 mg) und steigern Sie langsam, um die häufigen akuten Nebenwirkungen wie Schwindel, Übelkeit und allgemeines Krankheitsgefühl zu minimieren.