Diagnostik und Therapie des adulten Still-Syndroms (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Das AOSD ist eine seltene autoinflammatorische Erkrankung, die klinisch und durch Ausschlussdiagnostik diagnostiziert wird.
- •Typische Leitsymptome sind Fieber >39°C, Exanthem, Arthralgien, Halsschmerzen und Lymphadenopathie.
- •Ein stark erhöhtes Ferritin (≥ 5x Norm) und ein glykosylierter Ferritin-Anteil <20 % stützen die Diagnose.
- •Systemische Glukokortikoide dienen der Akuttherapie.
- •Zur Glukokortikoideinsparung werden MTX, Cyclosporin A oder Biologika (Anakinra, Canakinumab, Tocilizumab) eingesetzt.
Hintergrund
Das adulte Still-Syndrom (Adult-onset Still’s Disease, AOSD) ist eine seltene polygenetische, autoinflammatorische Erkrankung. Wegen weitgehend überlappender Pathogenese wird sie als die gleiche Erkrankung wie das im Kindesalter beginnende Still-Syndrom verstanden. Das AOSD geht mit einer erhöhten Mortalität und Morbidität einher, insbesondere bedingt durch Infektionen, Herz-Kreislauferkrankungen und das Makrophagenaktivierungssyndrom (MAS). Die Erkrankung verläuft individuell verschieden (monozyklisch, polyzyklisch oder chronisch).
Klinische Symptomatik
Patienten klagen häufig über Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Erschöpfung (Fatigue). Die Gelenkbeteiligung ist meist polyartikulär, wobei Knie-, Sprung- und Handgelenke besonders häufig betroffen sind.
| Häufigkeit | Symptome |
|---|---|
| Sehr häufig (> 50 %) | Fieber > 39°C, Exanthem, Arthralgien, Arthritis, Halsschmerzen, Lymphadenopathie, Myalgien |
| Häufig (> 20 %) | Splenomegalie, Hepatomegalie, Gewichtsverlust |
| Seltener (< 20 %) | Pleuritis, Perikarditis, abdominelle Schmerzen |
Diagnostik
Es existieren keine international vereinbarten Diagnosekriterien oder ein einzelner diagnostischer Test. Die Diagnose erfolgt klinisch.
- Ein AOSD soll bei Vorliegen einer Kombination typischer Symptome und nach Ausschluss anderer entzündlich-rheumatischer, hämatoonkologischer und infektiöser Erkrankungen erwogen werden (Empfehlungsgrad A).
- Die Yamaguchi-Klassifikationskriterien können die klinische Diagnose unterstützen.
- Die Krankheitsaktivität sollte anhand typischer klinischer Zeichen und Laborveränderungen eingeschätzt werden (Empfehlungsgrad B).
Labordiagnostik
Spezifische Biomarker unterstützen die Diagnosestellung und dienen der Verlaufskontrolle:
| Biomarker | Diagnostische Bedeutung | Empfehlung |
|---|---|---|
| Ferritin | Deutlich erhöht (≥ 5x oberer Normwert) stützt die Diagnose. Spiegelt Aktivität und Prognose wider. | Sollte bestimmt werden (Empfehlungsgrad B) |
| Glykosyliertes Ferritin | Ein stark erniedrigter Anteil (< 20 %) stützt die Diagnose. | Unterstützt die Diagnose |
| Interleukin-18 (IL-18) | Signifikant erhöht bei AOSD, korreliert mit Krankheitsaktivität. | Kann eingesetzt werden (Empfehlungsgrad 0) |
| CRP | Erhöht, dient als Entzündungsparameter zur Überwachung. | Sollte bestimmt werden |
Komplikationen
Schwerwiegende Komplikationen erfordern eine aufmerksame Überwachung:
- Makrophagenaktivierungssyndrom (MAS): Lebensbedrohlich. Sollte bei Risikofaktoren (stark erhöhtes Ferritin, Zytopenien, hohe klinische Aktivität) evaluiert werden (Empfehlungsgrad B).
- Lungen- und Herzbeteiligung: Interstitielle Lungenerkrankung (ILD) und Perimyokarditis sind mit einer schlechten Prognose verbunden.
- AA-Amyloidose: Sollte insbesondere bei länger andauernder, aktiver Erkrankung ausgeschlossen werden (Empfehlungsgrad B).
Therapie
Die Behandlung erfolgt nach dem Prinzip der partizipativen Entscheidungsfindung und umfasst medikamentöse sowie flankierende Maßnahmen (Schmerztherapie, Physiotherapie).
| Therapiestufe | Medikamentenklasse / Wirkstoff | Indikation & Bemerkung |
|---|---|---|
| Symptomatisch | NSAR, Analgetika, Antipyretika | Vorübergehend zur Kontrolle von Schmerzen und Fieber (Empfehlungsgrad 0). |
| Akuttherapie | Systemische Glukokortikoide (GC) | Sollten zur Akuttherapie eingesetzt werden (Empfehlungsgrad B). Initial hochdosiert zeigt Vorteile. |
| GC-Einsparung (Basis) | Methotrexat (MTX), Calcineurininhibitoren (Cyclosporin A) | Sollen zur Glukokortikoideinsparung erwogen werden (Empfehlungsgrad A). |
| Biologika (Eskalation) | Anakinra, Canakinumab (IL-1-Blocker), Tocilizumab (IL-6-Blocker) | Sollten bei unzureichendem Ansprechen auf GC und MTX/CSA eingesetzt werden (Empfehlungsgrad B). |
| Biologika (Primär) | Anakinra, Canakinumab | Können auch ohne vorherige DMARD-Therapie eingesetzt werden (Empfehlungsgrad 0). |
Hinweis: TNF-Blocker werden aufgrund hoher Raten an Nichtansprechen in dieser Leitlinie nicht empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie bei Verdacht auf ein adultes Still-Syndrom neben dem Gesamt-Ferritin nach Möglichkeit auch den Anteil des glykosylierten Ferritins. Ein Wert von < 20 % stützt die Diagnose erheblich. Achten Sie im Verlauf zwingend auf Zytopenien und extreme Ferritin-Anstiege als Warnsignale für ein lebensbedrohliches Makrophagenaktivierungssyndrom (MAS).