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Morbus Huntington: Leitlinie zur Diagnostik & Therapie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnose wird molekulargenetisch durch den Nachweis einer CAG-Blockexpansion von mindestens 36 im Huntingtin-Gen gesichert.
  • Eine prädiktive genetische Testung erfordert zwingend eine ausführliche Aufklärung, Bedenkzeit und genetische Beratung nach dem Gendiagnostikgesetz.
  • Es existiert derzeit keine zugelassene kausale oder neuroprotektive Therapie; die Behandlung erfolgt rein symptomatisch.
  • Zur Behandlung choreatischer Hyperkinesen sind Tiaprid und Tetrabenazin zugelassen, wobei Tetrabenazin bei Depressionen kontraindiziert ist.
  • Psychiatrische Begleitsymptome wie Depressionen, Apathie und Reizbarkeit erfordern eine gezielte medikamentöse und psychosoziale Mitbehandlung.
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Hintergrund

Die Huntington-Erkrankung (Morbus Huntington) ist eine autosomal-dominant vererbte neurodegenerative Erkrankung. Sie ist charakterisiert durch choreatische Bewegungsstörungen, psychiatrische Auffälligkeiten und einen kognitiven Abbau. Die Erkrankung beruht auf einer CAG-Repeat-Expansion im Huntingtin-Gen auf Chromosom 4p. Den motorischen Symptomen können kognitive und/oder psychiatrische Störungen um Jahre vorausgehen.

Diagnostik und Genetik

Bei Patienten mit dem typischen klinischen Bild einer chronisch progredienten Chorea sollte zur Sicherung der Diagnose eine molekulargenetische Untersuchung erfolgen. Bei negativer Familienanamnese ist vorab der Ausschluss struktureller Hirnläsionen mittels Bildgebung (MRT) sinnvoll.

CAG-RepeatsInterpretation
< 36Keine Huntington-Erkrankung (im Text impliziert durch Cut-off)
36–39Huntington-Erkrankung mit unvollständiger Penetranz
ab 40Huntington-Erkrankung (vollständige Penetranz zu erwarten)

Wichtige Regeln zur genetischen Diagnostik (GenDG):

  • Darf nur nach ausführlicher Aufklärung, Bedenkzeit und mit schriftlicher Einwilligung erfolgen.
  • Bei prädiktiver (präsymptomatischer) Testung ist eine Bedenkzeit von mindestens vier Wochen zwischen Erstberatung und Testung einzuhalten.
  • Eine humangenetische Beratung vor und nach der Testung ist verpflichtend.

Differenzialdiagnosen der Chorea

Wenn das molekulargenetische Testergebnis negativ ist, müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden:

ÄtiologieWichtige Differenzialdiagnosen
Hereditär (dominant)C9orf72-Mutation, Spinozerebelläre Ataxien (SCA 1-3, 17), Neuroferritinopathie
Hereditär (rezessiv)Morbus Wilson, Neuroakanthozytose, Friedreich-Ataxie
AutoimmunSydenham-Chorea (Chorea minor), SLE, Antiphospholipid-Syndrom, Autoimmunenzephalitiden
StrukturellIschämische/hämorrhagische Infarkte, Neoplasien der Basalganglien
Metabolisch/ToxischNicht ketotische Hyperglykämie, Hyperthyreose, Medikamente (L-Dopa, Neuroleptika)

Medikamentöse Therapie motorischer Symptome

Bislang ist keine kausale oder neuroprotektive Therapie verfügbar. Die Behandlung erfolgt rein symptomatisch und sollte sich an der individuellen Beeinträchtigung der Lebensqualität orientieren.

WirkstoffDosierungBesonderheiten & Nebenwirkungen
Tiaprid300–1000 mg/Tag (aufgeteilt)Günstigeres Nebenwirkungsprofil bzgl. Depressionen. Sedierung, Parkinsonoid möglich.
TetrabenazinMax. 200 mg/TagKontraindiziert bei Depression/Suizidalität! Gefahr von Akathisie und Parkinsonoid.
Atypische Neuroleptika (z.B. Olanzapin, Risperidon)IndividuellOff-Label. Olanzapin günstig bei Gewichtsverlust; Risperidon bei Reizbarkeit.
Amantadin100–400 mg/TagDatenlage widersprüchlich. Cave: Auslösung von Psychosen möglich.

Hinweis: Aufgrund häufiger sedierender Nebenwirkungen kann es sinnvoll sein, den Schwerpunkt der Medikation auf die Nacht zu verlagern.

Therapie neuropsychiatrischer Symptome

Psychiatrische Symptome sind häufig und erfordern eine konsequente Behandlung, da sie die Lebensqualität massiv einschränken. Die Suizidrate ist bei Morbus Huntington signifikant erhöht.

SymptomTherapieoptionenBemerkung
DepressionSSRI, Venlafaxin, Mirtazapin, SulpiridTrizyklika wegen anticholinerger Wirkung eher meiden. MAO-Hemmer meiden.
PsychosenAtypische Antipsychotika (Quetiapin, Clozapin)Clozapin besonders bei juvenilen/bradykinetischen Patienten geeignet.
ZwangssymptomeSSRI, Clomipramin, AntipsychotikaOft perseverierendes Verhalten, keine klassischen Zwänge.
Reizbarkeit/AggressionRisperidon, Valproat, SSRI, MirtazapinSSRI können initial Unruhe verstärken (ggf. kurzzeitig Benzodiazepine).
SchlafstörungenMelatonin, Mirtazapin, Z-SubstanzenOft Tag-Nacht-Umkehr durch sedierende Chorea-Medikation.

Nicht-medikamentöse Therapie und Begleitsymptome

  • Ernährung: Patienten sind katabol. Eine hochkalorische Kost (6-8 Mahlzeiten) ist notwendig. Bei Dysphagie Flüssigkeiten andicken, frühzeitig PEG-Anlage evaluieren.
  • Physiotherapie: Aerobes Training und Gangtraining verbessern Fitness und Motorik.
  • Logopädie: Wichtig zur Behandlung von Dysarthrie und Dysphagie (häufigste Todesursache durch Aspirationspneumonie).
  • Ergotherapie: Erhalt von Alltagsfunktionen und Kognitionstraining.

💡Praxis-Tipp

Prüfen Sie vor dem Einsatz von Tetrabenazin zur Chorea-Therapie zwingend, ob eine Depression oder Suizidalität vorliegt, da der Wirkstoff diese massiv verschlechtern kann. Bevorzugen Sie in solchen Fällen Tiaprid. Achten Sie zudem auf den stark erhöhten Kalorienbedarf der Patienten.

Häufig gestellte Fragen

Ab 40 CAG-Repeats kommt es zur vollständigen Penetranz und die Erkrankung bricht sicher aus. Bei 36-39 Repeats liegt eine unvollständige Penetranz vor.
Nein, aktuell gibt es keine zugelassene kausale oder neuroprotektive Therapie. Die Behandlung erfolgt rein symptomatisch.
Zugelassen sind Tiaprid und Tetrabenazin. Alternativ können atypische Neuroleptika wie Olanzapin oder Risperidon eingesetzt werden.
Diagnostische Tests bei Symptomen dürfen von Fachärzten veranlasst werden. Prädiktive Tests bei asymptomatischen Risikopersonen erfordern eine spezielle Qualifikation nach GenDG und eine humangenetische Beratung.
Die häufigste Todesursache ist die Dysphagie (Schluckstörung), welche zu Aspirationspneumonien führen kann.

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