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Ataxien des Erwachsenenalters: Leitlinie (AWMF/DGN)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnostik stützt sich auf Anamnese, Klinik, cMRT und zunehmend auf Next Generation Sequencing (NGS).
  • Riluzol und Acetyl-DL-Leucin werden zur allgemeinen symptomatischen Therapie nicht empfohlen.
  • Intensives neurorehabilitatives Gleichgewichts- und Koordinationstraining ist nachweislich wirksam.
  • Für die Friedreich-Ataxie (FRDA) steht Omaveloxolon im Rahmen eines Härtefallprogramms zur Verfügung.
  • Episodische Ataxien (EA) und SCA27B können oft erfolgreich mit Acetazolamid oder 4-Aminopyridin behandelt werden.
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Hintergrund

Als Ataxien werden nicht fokale Krankheiten des Kleinhirns und seiner Verbindungen bezeichnet, deren Leitsymptom eine progressive oder episodische Ataxie ist. Die Prävalenz liegt bei etwa 10–20 pro 100.000. Die Leitlinie unterteilt Ataxien in drei Hauptgruppen:

KlassifikationBeispiele
Erworbene AtaxienAlkoholische Kleinhirndegeneration (ACD), immunvermittelte Ataxien
Genetisch bedingte AtaxienRezessive Ataxien (z.B. Friedreich-Ataxie), Spinozerebelläre Ataxien (SCA), Episodische Ataxien (EA)
Sporadische degenerative AtaxienMultisystematrophie vom zerebellären Typ (MSA-C), sporadische Ataxie (SAOA)

Diagnostik

Die Basisdiagnostik umfasst die Eigen- und Familienanamnese, den klinischen Befund und eine kraniale Magnetresonanztomographie (cMRT).

  • Erworbene Ataxien: Treten sporadisch auf, Wahrscheinlichkeit steigt mit dem Alter. Diagnostik: Routinelabor, Vitamine (B1, B12, E), CDT, Lues/HIV-Serologie, Schilddrüsenwerte und antineuronale Antikörper.
  • Genetische Ataxien: Zunehmender Einsatz von Next Generation Sequencing (NGS), Whole Exome Sequencing (WES) oder Whole Genome Sequencing (WGS). Auch bei sporadischem Auftreten im Erwachsenenalter lässt sich bei >10 % der Patienten eine Genmutation nachweisen.

Allgemeine Therapie

Es gibt derzeit kein Medikament, das Ataxie unabhängig von der spezifischen Krankheitsursache symptomatisch bessert.

  • Nicht empfohlen: Die Gabe von Riluzol und Acetyl-DL-Leucin kann nicht empfohlen werden (fehlende Wirksamkeit in kontrollierten Studien).
  • Empfohlen: Der Fokus liegt auf regelmäßiger Übungstherapie (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie). Intensives Gleichgewichts- und Koordinationstraining ist wirksam. Auch aktive Übungen mittels Exergames (Videospiele) zeigen positive Effekte.

Erworbene Ataxien

Alkoholische Kleinhirndegeneration (ACD) Folge von chronischem Alkoholabusus. Nach Alkoholabstinenz stabilisiert sich das Bild.

  • Therapie: Alkoholabstinenz und unverzügliche Substitution von Vitamin B1 (Thiamin): initial 3 x 100 mg i.v., danach 3 x 100 mg/Tag p.o.

Immunvermittelte Ataxien Können paraneoplastisch, idiopathisch oder parainfektiös sein. Eine rasch progrediente Ataxie gilt als Hochrisiko-Phänotyp für ein Malignom.

  • Therapie: Behandlung des zugrunde liegenden Tumors. Frühzeitige Immuntherapie (Steroide, IVIG, Plasmapherese, Rituximab) kann zu Besserung oder Stabilisierung führen.

Genetische Ataxien mit spezifischer Therapie

Für einige Ataxien existieren rationale Therapieansätze basierend auf dem biochemischen Defekt:

KrankheitSpezifische TherapieBemerkung
Friedreich-Ataxie (FRDA)OmaveloxolonIn DE über Härtefallprogramm verfügbar (1 x 150 mg/Tag p.o.)
Episodische Ataxie (EA)Acetazolamid1. Wahl zur Attackenprophylaxe (500–1000 mg/Tag)
EA2 / SCA27B4-AminopyridinAlternative zu Acetazolamid (bei EA2) bzw. Heilversuch (SCA27B)
Ataxie mit Vitamin-E-Defizienz (AVED)Vitamin E800–2000 mg/Tag oral
Zerebrotendinöse Xanthomatose (CTX)Chenodesoxycholsäure3 x 250 mg/Tag oral (+ Statine)
Niemann-Pick-Typ-C (NPC)Miglustat3 x 200 mg/Tag oral

Sporadische degenerative Ataxien (MSA-C)

Die Multisystematrophie vom zerebellären Typ (MSA-C) beginnt nach dem 30. Lebensjahr. Für die Diagnose einer klinisch wahrscheinlichen MSA-C müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

  1. Sporadische, progressive Erkrankung (Beginn >30. Lebensjahr)
  2. Schweres autonomes Versagen (Blasenentleerungsstörung oder orthostatische Hypotonie)
  3. Zerebelläres Syndrom (Gangataxie, Dysarthrie, Extremitätenataxie oder Okulomotorikstörung)
  4. Mindestens ein supportives Merkmal (z.B. rasche Progression, Stridor, pathologisches Lachen/Weinen)

💡Praxis-Tipp

Bei unklarer, im Erwachsenenalter beginnender Ataxie immer an erworbene Ursachen (Alkohol, immunvermittelt/paraneoplastisch) denken, da diese potenziell behandelbar sind. Ein unauffälliges cMRT oder ein normaler Liquorbefund schließen eine immunvermittelte Ataxie nicht aus.

Häufig gestellte Fragen

Derzeit gibt es kein Medikament, das Ataxie ursachenunabhängig bessert. Riluzol und Acetyl-DL-Leucin werden aufgrund fehlender Wirksamkeit in Studien nicht empfohlen.
Neben strikter Alkoholabstinenz ist eine unverzügliche Substitution von Vitamin B1 (Thiamin) indiziert, initial 3 x 100 mg i.v., danach 3 x 100 mg/Tag p.o.
Acetazolamid (500–1000 mg/Tag) ist das Medikament der ersten Wahl. Bei EA2 und SCA27B ist 4-Aminopyridin eine wirksame Alternative.
Eine große Rolle. Auch bei negativer Familienanamnese lässt sich bei >10 % der Patienten mit sporadischer Ataxie im Erwachsenenalter eine Genmutation nachweisen (z.B. durch Neumutationen oder reduzierte Penetranz).
Ja, Omaveloxolon wurde in den USA zugelassen und ist in Deutschland über ein Härtefallprogramm für eine begrenzte Zahl von Patienten verfügbar.

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