Dysphagie bei Kopf-Hals-Tumoren: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Goldstandard der Diagnostik sind FEES und Videofluoroskopie (VFSS) mit 25 FPS.
- •Blauschluck und niederfrequenter Breischluck sind zur Pathophysiologie-Beurteilung obsolet.
- •Eine prophylaktische PEG-Anlage vor Radiochemotherapie kann erwogen werden.
- •Geblockte Trachealkanülen schützen nicht vor Aspiration bei oraler Nahrungsaufnahme.
- •Patientenberichtete Fragebögen (PROMs) wie EAT-10 oder MDADI sollen in die Diagnostik integriert werden.
Hintergrund
Die oropharyngeale Dysphagie ist eine der schwerwiegendsten Folgen einer Kopf-Hals-Tumor-Erkrankung oder deren onkologischer Therapie. Bis zu 70 % der Patienten sind betroffen. Die Dysphagie führt häufig zu Malnutrition, Aspirationspneumonien und einer signifikant reduzierten Lebensqualität.
| Komplikation | Prävalenz vor Therapie | Prävalenz nach Therapie |
|---|---|---|
| Mangelernährung | 3 - 49 % | 23 - 94 % |
| Aspirationspneumonie | - | 2 - 28 % |
| Sarkopenie | 7 - 65 % | 12 - 66 % |
Instrumentelle Diagnostik
Zur differenzierten Erfassung der Pathophysiologie soll mindestens eines der beiden Goldstandard-Verfahren eingesetzt werden:
- FEES (Flexible Endoskopische Evaluation des Schluckvorganges)
- VFSS (Videofluoroskopie) mit 25 FPS (frames per second)
Die Diagnostik soll frühzeitig im akutstationären Setting erfolgen und regelmäßig kontrolliert werden.
Nicht empfohlene Verfahren: Diagnostikverfahren wie die „Blauschluck“-Untersuchung und der niederfrequente Ösophagus-Breischluck (≤ 4 FPS) sollen nicht zur Erfassung der Pathophysiologie eingesetzt werden. Auch der 51 ml Wasserschlucktest (WST) sollte nicht vor Einsatz einer instrumentellen Diagnostik als Screening verwendet werden (Empfehlungsgrad B).
Patientenberichtete Endpunkte (PROMs)
Die Selbsteinschätzung des Patienten soll zwingend in die Diagnostik einbezogen werden. Hierfür sollen validierte deutschsprachige Fragebögen genutzt werden:
| Fragebogen | Fokus | Fragenanzahl |
|---|---|---|
| EAT-10 | Schluckvermögen, emotionale/soziale Aspekte | 10 |
| SSQ | Schluckprobleme inkl. Lebensqualität | 17 |
| SWAL-QoL | Anstrengung, Angst, Alltagsfunktion, Schlaf | 44 |
| MDADI | Emotionale, funktionale und physische Aspekte | 20 |
Ernährungsmanagement und PEG-Anlage
Das Management der Mangelernährung richtet sich nach der S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“.
- Prophylaktische PEG-Anlage: Eine prophylaktische PEG kann vor einer geplanten Radio(chemo)therapie erfolgen (Empfehlungsgrad 0). Ziel ist es, die onkologische Behandlung ohne Unterbrechung oder Abbruch durchzuführen.
Trachealkanülen-Management
Das Trachealkanülen-Management ist essenziell für die Dysphagie-Rehabilitation:
- Blockung (Cuff): Soll nur zum Schutz vor Aspiration von Sekret, Blut, Erbrochenem oder Sondennahrung verwendet werden. Sie schützt nicht vor Aspiration bei oraler Ernährung (Essen/Trinken).
- Sprechventil: Die Kanüle soll endoskopisch kontrolliert und frühzeitig entblockt werden. Ein Sprechventil unterstützt das pulmonale Sekretmanagement und fördert die Sensibilität.
- Dekanülierung: Soll neben dem laryngotrachealen Befund auch den Allgemeinzustand und die pulmonale Situation berücksichtigen. Die Fähigkeit zur oralen Nahrungsaufnahme ist für die Dekanülierung nicht zwingend erforderlich.
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei der oralen Nahrungsaufnahme niemals auf eine geblockte Trachealkanüle als Aspirationsschutz. Nutzen Sie stattdessen frühzeitig FEES oder VFSS zur sicheren Beurteilung der Schluckfunktion.