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Pädiatrisches Emergence Delir: S2e-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Das pädiatrische Emergence Delir (pädED) tritt gehäuft bei Vorschulkindern (3-6 Jahre) und nach HNO-Eingriffen auf.
  • Zur Differenzierung zwischen Delir und schmerzbedingter Agitation müssen validierte Scores (PAED-Skala und KUSS) angewendet werden.
  • TIVA und Alpha-2-Agonisten (Clonidin, Dexmedetomidin) senken das Risiko eines pädED signifikant.
  • Bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung im Delir sind Propofol, Clonidin oder S-Ketamin i.v. indiziert.
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Hintergrund

Das pädiatrische Emergence Delir (pädED) und die Emergence Agitation (EA) sind postoperative Unruhezustände, die klinisch oft schwer voneinander abzugrenzen sind. Während eine Agitation häufig durch Schmerzen, Hunger oder Fremdkörper (z.B. Venenverweilkanüle) getriggert wird, stellt das Delir ein hirnorganisches Syndrom mit Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen dar.

KriteriumEmergence DelirEmergence Agitation
UrsachenRapides Erwachen, Anästhetika-Nebenwirkung, NeuroinflammationSchmerzen, Hunger/Durst, Angst, venöser Zugang
KlinikKein Augenkontakt, desorientiert, akuter BeginnKind schreit, schlägt um sich, oft tröstbar nach Ursachenbehebung

Diagnostik und Scoring

Zur Differenzierung soll das pädED im Aufwachraum anhand validierter Skalen erfasst werden (Empfehlungsgrad A). Da Schmerzen die Delirscores beeinflussen, muss zwingend parallel ein pädiatrischer Schmerzscore (z.B. KUSS) erhoben werden.

Zur Beurteilung des Delirs wird die PAED-Skala (Pediatric Anaesthesia Emergence Delirium) empfohlen. Die ersten drei Kriterien bilden den ED I-Score. Ein ED I-Score ≥ 9 spricht mit hoher Sensitivität (93%) und Spezifität (94%) für ein Delir.

PAED-KriteriumZuordnung
Hält Augenkontakt zur BezugspersonED I-Score (Delirkriterien)
Zeigt zielgerichtete BewegungenED I-Score (Delirkriterien)
Nimmt seine Umwelt wahrED I-Score (Delirkriterien)
Ist unruhig/ruhelosED II-Score (Agitationskriterien)
Ist untröstlichED II-Score (Agitationskriterien)

Risikofaktoren

Verschiedene Faktoren begünstigen das Auftreten eines pädED:

  • Alter: Das Vorschulalter (3-6 Jahre) gilt als nicht beeinflussbarer Risikofaktor (Empfehlungsgrad A).
  • Eingriffsart: Eingriffe im Kopf-/Halsbereich (HNO, Bronchoskopien, Spalt-OPs) erhöhen das Risiko (Empfehlungsgrad B).
  • Anästhesieverfahren: Moderne volatile Anästhetika (z.B. Sevofluran) erhöhen das Risiko im Vergleich zur total intravenösen Anästhesie (TIVA) (Empfehlungsgrad B).
  • Schmerzen: Postoperative Schmerzen erhöhen das Risiko signifikant (Empfehlungsgrad A).
  • Angst: Präoperative Ängstlichkeit ist ein bekannter Trigger.

Prävention

Die Prävention stützt sich auf nicht-medikamentöse und medikamentöse Strategien. Eltern sollten präoperativ über die Möglichkeit eines pädED aufgeklärt werden (Empfehlungsgrad B).

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

  • ADVANCE-Strategien: Die Schulung von Eltern und Kindern zur Angstreduktion sollte gegenüber einer Midazolam-Prämedikation favorisiert werden (Empfehlungsgrad B).
  • Vermeidung von Lärm und unruhiger Atmosphäre bei der Einleitung und im Aufwachraum.

Medikamentöse Maßnahmen

WirkstoffgruppeMaßnahme / ZeitpunktEmpfehlungsgrad
Alpha-2-AgonistenClonidin oder Dexmedetomidin (i.v., intranasal, epidural) zur InzidenzsenkungB
PropofolAls TIVA oder als Bolus am Ende einer InhalationsnarkoseB
AnalgetikaRegionalanästhesieverfahren (z.B. Kaudalanästhesie) zur präventiven AnalgesieB

Achtung: Midazolam kann paradoxe Reaktionen auslösen. Bei langanhaltendem pädED nach oraler Midazolam-Gabe sollte an eine paradoxe Reaktion gedacht und ein Therapieversuch mit Flumazenil (0,02 mg/kg) erwogen werden.

Therapie

Vor jeder medikamentösen Therapie müssen eine ruhige Umgebung geschaffen, Kontakt zu den Eltern ermöglicht und Schmerzen ausgeschlossen werden.

StufeKlinische SituationTherapieempfehlung
1Schmerzen wahrscheinlich (KUSS > 4)Analgesie (z.B. Dipidolor 0,05-0,1 mg/kg i.v. oder Nalbuphin 0,1-0,2 mg/kg i.v.)
2Delir wahrscheinlich (ED I > 9), keine GefährdungKonservativ: Kontakt zu Eltern aufrechterhalten, beruhigen
3Delir wahrscheinlich (ED I > 9), mit Eigen-/FremdgefährdungPropofol 0,5-1 mg/kg i.v. ODER Clonidin 2 µg/kg i.v. ODER S-Ketamin 1 mg/kg i.v.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie im Aufwachraum immer parallel eine Schmerzskala (z.B. KUSS) und eine Delirskala (z.B. PAED), da eine schmerzbedingte Agitation klinisch oft schwer von einem echten Emergence Delir zu unterscheiden ist.

Häufig gestellte Fragen

Vorschulalter (3-6 Jahre), Eingriffe im Kopf-/Halsbereich (z.B. HNO) und die Verwendung moderner volatiler Anästhetika (wie Sevofluran).
Ein echtes Delir zeichnet sich durch fehlenden Augenkontakt, fehlende Wahrnehmung der Umgebung und nicht-zielgerichtete Bewegungen aus. Eine Agitation ist oft schmerzgetriggert und das Kind ist nach Behebung der Ursache tröstbar.
Alpha-2-Agonisten (Clonidin, Dexmedetomidin) sowie Propofol (als TIVA oder Bolus am OP-Ende) senken die Inzidenz signifikant.
Bei Eigen- oder Fremdgefährdung können Propofol (0,5-1 mg/kg), Clonidin (2 µg/kg) oder S-Ketamin (1 mg/kg) intravenös verabreicht werden.
Midazolam kann paradoxe Reaktionen auslösen und das Delir triggern. Bei Verdacht auf eine paradoxe Reaktion kann Flumazenil (0,02 mg/kg) erwogen werden.

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