OSA bei kindlicher Tonsillenchirurgie: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die präoperative Diagnostik erfolgt primär klinisch und per Fragebogen; eine Polysomnografie ist nur bei spezifischen Risikofaktoren indiziert.
- •Auf Midazolam zur Prämedikation sollte verzichtet werden. Alternativen sind Esketamin oder Alpha2-Agonisten.
- •Bei der Analgesie ist eine erhöhte Opioidempfindlichkeit zu beachten, die Dosis sollte um ca. 50 % reduziert werden.
- •Tonsillotomien können ohne Risikofaktoren ambulant erfolgen, Tonsillektomien erfordern stets eine stationäre Überwachung.
Hintergrund
Die obstruktive Schlafapnoe (OSA) bei Kindern wird meist durch eine adeno-tonsilläre Hyperplasie verursacht. Im Rahmen einer Tonsillenchirurgie (Tonsillektomie oder Tonsillotomie, jeweils mit oder ohne Adenotomie) haben Kinder mit gesicherter oder vermuteter OSA ein signifikant höheres Risiko für perioperative respiratorische Komplikationen. Diese Leitlinie definiert das interdisziplinäre Vorgehen zur Erhöhung der Patientensicherheit.
Diagnostik und Risikoeinschätzung
Die präoperative Evaluation stützt sich primär auf die allgemeine und OSA-spezifische Anamnese, die klinische Untersuchung und validierte Fragebögen (z.B. PSQ-SRBD-Subscale-DE).
Eine routinemäßige apparative schlafmedizinische Diagnostik (Polysomnografie) wird nicht empfohlen. Sie ist nur bei definierten Risikobedingungen indiziert:
- Alter < 2 Jahre
- Adipositas (> 95. Perzentile)
- Trisomie 21 oder kraniofaziale Fehlbildungen
- Neuromuskuläre Erkrankungen oder Mukopolysaccharidose
- Sichelzellanämie
In der Praxis sollen Kinder mit klinischem Verdacht auf eine OSA so behandelt werden, als ob eine apparativ gesicherte OSA vorläge.
| Relevante Risikofaktoren für perioperative Komplikationen | Bemerkung |
|---|---|
| Alter < 3 Jahre | Unabhängiger Risikofaktor |
| Adipositas | Erschwert zudem oft die Atemwegssicherung |
| Chronische Lungenerkrankungen | Erhöhtes respiratorisches Risiko |
| Herzfehler / Rechtsherzinsuffizienz | Infolge der OSA möglich |
| Kritisches Ereignis im Aufwachraum | Innerhalb der ersten 2 Stunden |
Anästhesiologisches Vorgehen
Prämedikation
Auf eine Prämedikation mit Midazolam sollte bei Kindern mit gesicherter oder vermuteter OSA verzichtet werden, da es atmungsdepressiv und muskelrelaxierend wirkt und die Atemwegsobstruktion aggravieren kann.
- Empfohlene Alternativen: Esketamin (keine zentrale Hemmung des Atemantriebs) oder Alpha2-Adrenozeptor-Agonisten (Clonidin, Dexmedetomidin).
Analgesie
Zur Analgesie soll ein kombiniertes Schmerzkonzept aus Nicht-Opioiden, Opioiden und Koanalgetika durchgeführt werden.
| Medikamentengruppe | Besonderheiten bei OSA | Empfehlung |
|---|---|---|
| Opioide | Erhöhte Sensitivität durch nächtliche Hypoxämien | Gewichtsadaptierte Dosis um ca. 50 % reduzieren. Nalbuphin zeigt im Gegensatz zu reinen µ-Agonisten keine postoperativen Apnoen. |
| Nicht-Opioide | Opioid-sparender Effekt | Fester Bestandteil der Therapie (z.B. Metamizol, NSAR). Kein erhöhtes Blutungsrisiko belegt. |
| Koanalgetika | Antiinflammatorisch, reduziert PONV | Dexamethason als intraoperative Einmalgabe (0,15-0,3 mg/kg KG i.v., max. 4 mg). |
Atemwegssicherung
Kinder mit OSA haben gehäuft einen schwierigen Atemweg. Die Larynxmaske (LMA) halbiert bei HNO-Eingriffen das Risiko für respiratorische Komplikationen (Laryngospasmus, Bronchospasmus) im Vergleich zum Endotrachealtubus (ETT). Die Wahl des Atemwegshilfsmittels muss jedoch individuell nach Erfahrung des Teams und OP-Technik erfolgen. Institutionelle Standards zur Atemwegssicherung und Extubation müssen vorliegen.
Postoperative Überwachung
Eine postoperative Überwachung im Aufwachraum (AWR) ist für alle Kinder obligat. Nach einem unauffälligen Aufenthalt von zwei Stunden ist bei Kindern ohne zusätzliche Risikofaktoren keine weitere intensivierte Überwachung erforderlich. Das weitere Vorgehen richtet sich nach Eingriffsart und Risikoprofil:
| Eingriff | Risikofaktoren | Empfohlener Versorgungsort |
|---|---|---|
| Tonsillotomie | Keine | Ambulant (sofern sonstige Voraussetzungen erfüllt) |
| Tonsillotomie | Vorhanden (siehe Tabelle oben) | Stationär (24h-Überwachung) |
| Tonsillektomie | Unabhängig von Risiken | Stets stationär |
| Alle Eingriffe | Schwere OSA oder interventionspflichtige Ereignisse im AWR | Intensivstation / Intensivüberwachung |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Kindern mit Verdacht auf OSA strikt auf Midazolam zur Prämedikation. Reduzieren Sie zudem die gewichtsadaptierte Opioiddosis um ca. 50 %, da diese Patienten durch nächtliche Hypoxämien eine deutlich erhöhte Opioidsensitivität aufweisen.